Ich hatte es von Anfang an befürchtet. Und meine Sorge war berechtigt. Natürlich passe ich einen Sonntag lang auf meine Nichte auf, hatte ich versprochen. Natürlich gehen wir auf den Spielplatz. Ganz lange! Das hatte sich die Zweijährige von ihrem Onkel  gewünscht. Und natürlich wusste ich sofort, was es heißt, als Endvierziger mit einem kleinen Kind am Sonntag auf einem Spielplatz in Prenzlauer Berg  zu stehen. Von wegen Onkel! Ich gehörte jetzt  zu dieser   Gruppe älterer Väter mit grauen Schläfen,  schütterem Haar und kleinem Bauch. Ich war einer von ihnen.   Und fühlte mich  unwohl in meiner neuen Rolle. 

Ich schob den Kinderwagen zum Spielplatz.  Eine frühere Nachbarin – unsere Kinder haben oft zusammen auf dem Hof gespielt –  fuhr auf dem Fahrrad  vorbei und rief zu mir: „Ach,  wie schön! Da habt ihr es  also noch mal gewagt!“   Ich wollte den Irrtum aufklären, ihr zurufen „Ich bin nur der Onkel!“ Doch die Frau war  schon weitergefahren. So entstehen Gerüchte.

Auf dem Spielplatz standen viele Männer.  Sie waren sehr beschäftigt. Mit ihren Handys. Beim Telefonieren stapften sie langsam durch den Buddelkasten und schoben  mit dem Schuh kleine Sandhügel neben die Schippchen und Förmchen ihrer Kinder.  Andere Väter riefen ihren Kindern zu, doch  mal zu ihnen zu schauen. Dann machten die Väter lustige Fotos, die sie gleich verschickten. Ein Kind bat, Papa soll mal gucken, wie schnell sie die Rutsche runtersause. Der Vater nuschelte was Unverständliches und tippte weiter Nachrichten ein.

Ich war schockiert. So träge und lustlos hatte ich mir die Generation der späten Väter nicht vorgestellt. Ich dachte, sie würden wild und ungestüm  mit ihren Kindern toben, so richtig coole Papas sein.  Verrückte Daddys, die schaukeln, buddeln, hopsen  und Verstecken spielen. Genauso, wie wir das damals gemacht haben, als wir Eltern kleiner Kinder waren. Damals, vor zwei Jahrzehnten. Oh Gott. Ich fühlte mich bei diesem Gedanken gleich viel  älter, sehr alt.  Wie ein Opa, der wehmütig von früher erzählt.