Es gibt auch gute Tage. Doch dieser Tag, ein verhangener Dienstag im Februar 2015, ist kein guter Tag. Arsène Verny spricht über seinen toten Sohn Valerian, hier im St.-Michaels-Heim, in dem er, der Jurist, seine Kanzlei hat. Hier, wo auch Valerian so gerne war. Sogar eine Arbeit hat der damals 16-Jährige über das Haus in Berlin-Grunewald geschrieben, das einmal Palais Mendelssohn hieß und in dessen eleganten Räumen die Künstler und Gelehrten ein- und ausgingen.

Valerian wollte Schriftsteller werden, und ein bisschen ist er es auch geworden. Sein kleines Werk über die Familie Mendelssohn ist als Buch erhältlich. Seine Texte werden auf Lesungen vorgetragen. Eine Stiftung ist nach ihm benannt, die Kindern und Jugendliche an die Literatur heranführen will.

Dieser Tag ist kein guter. Immer wieder versagt Arsène Verny die Stimme. Ein Klagelaut drängt dann jäh aus seinem Hals und lässt ihn verstummen; Tränen füllen seine Augen. Kurz zuvor hat der gebürtige Tscheche noch leise und mit dem kleinen, rollenden Akzent erzählt, wie viel Wunderbares ihm und seiner Familie in diesem „Jahr null“, wie er es nennt, widerfahren ist. Von all der Liebe und Unterstützung, von der Gründung der Valerian-Verny-Stiftung. Und immer wieder von Valerian, dem geliebten Kind. Das so begabt war, so voller Pläne, so engagiert und freundlich.

Das Jahr null begann in der Nacht zum 5. März 2014. In dieser Nacht verließen Valerian und vier Freunde eine Party in Kreuzberg und machten sich auf den Heimweg nach Zehlendorf. Am S-Bahnhof Yorckstraße beschlossen die fünf, auf dem Zug statt im Zug zu fahren. Valerian hatte so etwas noch nie gemacht, einer der anderen schon. Ein Abenteuer, hat Valerian vielleicht gedacht, er, der nicht mutig war, wie sein Vater sagt. Aber immer spontan, wie seine Freundin Viola sagt, „dafür haben wir ihn alle geliebt“. Der nicht den Kick suchte, aber ungern Grenzen anerkannte, wie seine Mutter sich erinnert.

Unter Schock

Ein Abenteuer also, wie Valerian es mochte? Ob er das gedacht hat, ob er überhaupt etwas gedacht hat, als er aufs Dach der S1 kletterte, warum er in dieser Sekunde so entschied und nicht anders, das wird niemand jemals erfahren. Die Fahrt endete für Valerian an einem kurzen Tunnel hinter der Julius-Leber-Brücke. Nur dreißig Zentimeter sind an dieser Stelle Platz zwischen Zugdach und Tunneldecke. Er wurde vom Dach gerissen. Vielleicht wollte er abspringen und hat sich deshalb aufgerichtet. Vielleicht ist er abgerutscht. Die anderen vier Jungen fuhren weiter bis zur Station Schöneberg und benachrichtigen dort einen Bahnmitarbeiter. Sie standen unter Schock, waren körperlich aber unverletzt.

Was genau auf der kurzen Strecke zwischen den Bahnhöfen Julius-Leber-Brücke und Schöneberg passiert ist, will Arsène Verny nicht mehr wissen. Er hat es einmal versucht, hat sich die Ermittlungsakte schicken lassen, doch schon die Zeugenaussagen hat er kaum lesen können. Den Bericht der Pathologie, die Fotos, all das hat er in dieser einen Nacht, Wochen nach dem Unglück, wieder weggelegt und nie wieder angefasst. Die größte, die quälendste Frage kann die Akte ihm doch nicht beantworten.

„Warum hast du das getan?“ So steht es in wackeligen Buchstaben auf unzähligen Kinderzeichnungen, die man auf der Website der Valerian-Stiftung sehen kann. Die Bilder zeigen, was die Kinder in dem 19-Jährigen sahen: ihren jungen Lehrer, der so wunderbar über Bücher sprechen konnte. Der mit ihnen Stücke einstudierte. Der sie begeisterte für die Literatur. Und der eine Riesendummheit begangen hat. Auf etlichen Zeichnungen sieht man Valerian auf dem S-Bahn-Dach.

Sechs Kindergruppen unterrichtete Valerian, der Sprachbeseelte und -besessene. Die Literaturinitiative Berlin, die diese Gruppen organisiert, war ihm ein zweites Zuhause, ein Tor zu dem, was ihm wichtig war. Das Studium der Literatur, das er wenige Monate zuvor an der Humboldt-Universität begonnen hatte, machte ihn nicht so froh.

Autor wollte er werden. Und Kinder für das Lesen und Schreiben begeistern, Talentierte ermutigen, und jene in die Welt der Bücher führen, die qua Herkunft bisher keinen Zugang zu ihr haben. Ein Jahr später steht dafür die Stiftung. Mit ihr wollen die Eltern und die Unterstützer verwirklichen, was Valerian nicht mehr kann.

„Man muss alles neu lernen“

Woher nimmt man die Kraft? Eine Stiftung zu gründen, das bedeutet Gelder einzutreiben, Kontakte zu knüpfen und aufzufrischen, Menschen zu gewinnen. Es bedeutet: reden, reden, reden. Immer wieder über das Kaum-Aussprechbare zu sprechen. Wie geht das, wenn man, wie Arsène Verny sagt, nach dem Besuch der Kriminalpolizei die Sprache verloren hat? Tagelang verstummte. Und dann schrie vor Schmerzen, am Telefon, nachts im Auto vor der Tür. „Wenn das Kind stirbt“, sagt Verny, „kann der Geist das nicht akzeptieren. Es ist unfassbar. Es ist gegen die Natur.“ Er hat seitdem mit einigen Menschen gesprochen, die ihre Kinder begraben mussten. Und begriffen: Egal, wie lange es her ist, die Wunde heilt nicht.

„Irgendwann wirst du nicht mehr bei mir sein/ Doch ich wünsche mir, dass das noch lange hin ist“. Die Zeile stammt aus einem Gedicht, das Valerian seiner Mutter zum Geburtstag schrieb. Da war er 16. Die Zeile erzählt davon, was Verny mit „Natur“ meint. Dass Kinder sich irgendwann von ihren Eltern verabschieden müssen. Andersherum ist es das Unfassbare. Deswegen haben diese Zeilen heute so eine Wucht. Erklären in ihrer kindlichen Einfachheit, warum Sabine Adolph-Verny sagt: „Man muss alles neu lernen.“

Das Sprechen über das Kind, das immer da war und jetzt nicht mehr ist. „Man weiß ja gar nicht, wie das geht“, sagt sie. Auch sie, eine zierliche Frau mit geradem Rücken und klarer Stimme, wirkt verloren und plötzlich sehr zerbrechlich, wenn der frühe Morgen des 5. März in die Erinnerung drängt. Alles, was weiter zurückliegt, die Erinnerungen an glückliche Tage, bietet Halt. Und auch die Gegenwart mit all ihren Anforderungen.

Was ihr hilft, ist der Glaube. In der Gemeinde der Johannischen Kirche, sagt Sabine Adolph-Verny, ist der Tod nicht das Ende. Die Toten sind aus den Augen, aber nicht fort. Dieses Wissen und das Mitgefühl der anderen Menschen tragen Valerians Mutter, halfen ihr auch, bei den großen Feiern sprechen zu können, bei der Beerdigung, bei der Gedenkfeier, beim Gründungsfestakt der Stiftung.

Anders als für ihren Mann, den Anwalt, war es für die Sprachtherapeutin neu, vor so vielen Menschen zu reden. Sie war nervös, doch „es ist unglaublich, was man plötzlich für Kräfte hat“. Allerdings nur, wenn man vorbereitet ist. Anders ist es in den ungeschützten Momenten. Bei Einladungen, wo Fremde sind, die nach dem Nachwuchs fragen. Oder in einer Arztpraxis, wo man mit dem Kind mal war.

„Was wir füreinander bedeutet haben, sind wir noch. (…) Sprecht über mich mit der gleichen Leichtigkeit wie immer“, heißt es in der Bearbeitung eines berühmten Trauergedichtes von Henry Scott-Holland, die Arsène Verny am Ende der Gedenkfeier im Mai vorlas. Und weiter: „Lacht, wie wir immer über unsere kleinen Witze gelacht haben. Spielt, lächelnd, denkt an mich, betet für mich (…) ich warte nur auf Euch. Für ein Weilchen. Ganz in der Nähe, gleich um die Ecke.“

Hunderte Gäste kamen ins Steglitzer Schlosspark Theater, hörten Valerians Texte, sahen und hörten den Vorträgen der Kinder zu, beklatschten die kurz bevorstehende Gründung der Stiftung, einige feierten bis morgens. Wenn man sich den Film dieser Feier ansieht, beginnt man zu verstehen, was Arsène Verny meint, wenn er die Stiftung als Stab bezeichnet. „Sie gibt mir die Kraft zu überleben.“ Nicht nur aus Liebe zu Valerian habe man sie gegründet, sondern auch als Raum – als Raum, in dem man über ihn sprechen kann, ohne immer gleich über den Tod sprechen zu müssen.

Jeder trauert anders

Anders geht es Viktorian, Valerians Bruder. Ihm ist diese Art der Trauerarbeit fremd. Hört man dem 17-Jährigen zu, so wird deutlich, wie unterschiedlich so ein „Schlag ins Gesicht“, wie er sagt, die Hinterbliebenen zurücklässt. Viktorian war für ein Auslandsjahr in den USA, als ihn die Nachricht erreichte. Er kam sofort nach Berlin, für drei Wochen, für die Beerdigung und die „erste Auffangarbeit“, wie er es nennt, dann wollte er die letzten zwei Monate aber noch zu Ende bringen.

In dieser Zeit wurde die Stiftung geboren, als er wiederkam, „waren die anderen schon an einem anderen Punkt als ich“. Er fand sich nicht wieder in dieser „Arbeit“, fand den Bruder, seinen besten Freund, nicht darin. Viktorian hätte gerne länger in der Familie getrauert, „bevor man das woanders hineinpackt“. Was für seine Eltern ein Halt war und ist, war für ihn ein Hindernis: „Wir sprechen nicht mehr über ihn.“

Mittlerweile findet Viktorian die Stiftung in Ordnung. Sie hilft seinen Eltern, sagt er, deswegen ist es gut, dass es sie gibt. Zu den Lesungen kommt er manchmal, schön sei es, Freunde und Bekannte dort zu treffen. In der Trauer geht er seinen eigenen Weg. Das Begreifen vorantreiben, das funktioniert sowieso nicht, sagt Viktorian. Zu plötzlich kommen die Erinnerungen, zu eigenwillig ist der Schmerz.

„Es gibt gute Wochen und ganz schwere“, sagt er. Und klingt dann doch ganz ähnlich wie seine Eltern. Nach dem Abitur nächstes Jahr will er „abhauen“, eine große Reise machen, Australien und Neuseeland, Südostasien, Indien, den Weg kennt er noch nicht. Nur eines weiß er: Beginnen wird die Reise in Südafrika, an einem Ort, wo auch Valerian und Viola einmal waren. Vielleicht trifft er dort den Bruder wieder, den er in der Stiftung nicht findet.

Am Donnerstag ist Valerians Tod ein Jahr her. Arsène Verny will allein sein an diesem Tag. „Ein Jahr, das ist eine Zäsur“, sagt er. Er weiß, dass die Aufmerksamkeit nachlassen wird. Darauf will er sich vorbereiten. Ganz anders geht es Viktorian und Viola. Viktorian will mit Freunden zur Julius-Leber-Brücke. Blumen hinlegen, ein Bier trinken. Und auf den Friedhof, wie Viola.

Eine Zäsur? Nein. Es hört nichts auf, und nichts fängt an. Und Sabine Arsene-Verny? Sie will unter Menschen sein, zusammen mit anderen an Valerian denken, reden, vielleicht lachen, vielleicht weinen. „Kein Totengedenktag“, sagt sie, aber er soll nicht einfach vorübergehen.

„Es ist nicht so wie in den Filmen“, sagt Arsène Verny, „dass sich alle in den Armen liegen und zusammen weinen.“ Jeder sei allein mit dem Verlust. Und jeder sei allein mit dem Wissen, dass es jeden treffen kann. Dass sich niemand sicher sein kann, nicht in einem Bruchteil einer Sekunde eine falsche Entscheidung zu treffen. Valerian selbst schrieb in seinem Text „14 Zeilen“: „Doch was ist ein Leben ohne Risiko?/ Freiheit und Sicherheit/ gingen niemals Hand in Hand.“

Kein Vater, keine Mutter können ein Kind davor bewahren. „Wir können sie über Schwellen tragen und ihnen alle Türen öffnen. Wir können sie mit Affenliebe behüten und mit Engelszungen auf sie einreden – aber vor allem schützen können wir sie nicht“, sagt Arsène Verny. Eine ungeheuerliche Einsicht, grausam, aber auch befreiend. An den guten Tagen.