Berlin - Die Bandbreite der Meinungen war ziemlich groß. „Eine Straßenbahn? Wozu brauchen wir eine Straßenbahn?“, fragte eine Anwohnerin. „Die Buslinie, die es schon gibt, ist doch viel preiswerter.“ Eine andere Frau sagte: „Und was ist mit den Tieren, die hier leben“ – mit Hasen und Füchsen zum Beispiel? Ein junger Mann bezeichnete den Plan dagegen als „supertolle Idee“. Er wolle die Neubaustrecke, sagte er – und bekam Beifall.

Die lebhafte Bürgerversammlung am Donnerstagabend zeigte: Das Vorhaben, die Wissenschaftsstadt Adlershof und den Bahnhof Schöneweide per Straßenbahn zu verbinden, stößt auf unterschiedliche Reaktionen. Am Ende überwogen aber die positiven.

Mehr als 200 Bürger füllten den Bunsen-Saal im Forum Adlershof. Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner war gekommen, um mitzuteilen, dass die Genehmigungsprozedur für die Strecke bald startet. „Wir werden das Planfeststellungsverfahren in Kürze einleiten“, sagte der Grünen-Politiker. Er warb für das Verkehrsmittel: „Es geht darum, das wachsende Berlin für die Zukunft fit zu machen. Dass die Straßenbahn dazu gehört, ist unstrittig. Sie ist leistungsfähig, flexibel, nicht so teuer wie anderes.“

Viele neue Direktverbindungen

In der Tat: Mit 6,1 Millionen Euro pro Kilometer ist die geplante Strecke eines der preiswerteren Verkehrsprojekte in Berlin. Die Baukosten der Autobahn A 100 nach Treptow schlagen pro Kilometer mit dem 25-fachen Betrag zu Buche, die Verlängerung der U-Bahn-Linie U 5 in Mitte kostet sogar 40 Mal so viel.

Für Adlershof II, so der Arbeitstitel der 2,7 Kilometer langen Trasse, werden 16,5 Millionen Euro eingeplant. Für dieses Geld bekommen die Nutzer einiges geboten – „viele neue umsteigefreie Verbindungen“, sagte Rico Gast, bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) Chef der Straßenbahn. Besser als der Bus.

Bislang hieß es, dass zwei Linien über die Neubaustrecke geführt werden sollen, nun sind es drei. Neu ist, dass die M 17 aus Falkenberg über den jetzigen Endpunkt in Schöneweide hinaus zum S-Bahnhof Adlershof verlängert wird. Die 63 aus Mahlsdorf, die heute an der Karl-Ziegler-Straße endet, soll bis Schöneweide weiterfahren. Und die 61 aus Rahnsdorf soll bis zum Landschaftspark Johannisthal verkehren, vielleicht sogar bis Schöneweide.

Sehr gute Nutzen-Kosten-Relation 

Auf der Strecke dürfte also einiges los sein. „Wir rechnen mit bis zu 12.400 Fahrgästen pro Tag“, so Gast. Die Schienen werden nicht nur durch die Wohnviertel am Groß-Berliner Damm und durch die Wissenschaftsstadt Adlershof, den boomenden Forschungs- und Gewerbestandort, führen. Sie erschließen auch den ehemaligen Rangierbahnhof, der sich dazwischen erstreckt.

Noch ist er eine grüne Brachfläche, die gerade von ihrer Zauneidechsenpopulation befreit wird. Die Reptilien werden nach Herzberge umgesiedelt, der Umzug kostet mehr als vier Millionen Euro. Aber schon bald sollen auf dem einstigen Bahngelände viele Büro- und Gewerbebauten entstehen – was der Tramstrecke auf dem Groß-Berliner Damm weitere Fahrgäste bescheren dürfte.

Kein Wunder also, dass Gutachter eine sehr gute Nutzen-Kosten-Relation errechnet haben, wie Senatsplaner Matthias Horth mitteilte: „Faktor 3,0 – das ist in Berlin der mit Abstand höchste Wert für ein Straßenbahnprojekt.“ Der Nutzen, in Euro ausgedrückt, ist dreimal so hoch wie die Kosten. Anders gesagt: Die Investition lohnt.

Auch nachts ist Betrieb

So sieht der Zeitplan derzeit aus: „Wir hoffen, dass die Genehmigung in einem Jahr vorliegt“, sagte Wulf Heineking, Planer bei der BVG. 2019 ist Zeit für den Leitungsbau, 2020 soll der Streckenbau beginnen. Im besten Fall fährt im Dezember 2020 die erste Bahn, so Matthias Horth. „Wenn alles gut geht. Sonst 2021.“

Allerdings: Beobachter der Berliner Verkehrsszene wissen, dass hier manches etwas länger dauern kann. Adlershof I zum Beispiel, die Strecke vom S-Bahnhof zur Karl-Ziegler-Straße, sollte anfangs 1999 fertig sein, dann 2001. Aber dann stoppte der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) das Projekt – es werde nicht gebraucht. Erst 2007 ging der Bau los, vier Jahre später rollte die erste Straßenbahn.

Ob auch nachts Bahnen fahren werden, fragte eine Anwohnerin von Adlershof II. „Ja, Metrolinien wie die M17 verkehren dann im 30-Minuten-Takt“, so Gast. Wie hoch wird das Tempo sein? Maximal 60 Kilometer pro Stunde. Ist mit Lärm zu rechnen? Für einige Gebäude am Groß-Berliner Damm gebe es Anspruch auf Schallschutzmaßnahmen, sagte Heineking. Doch von einem Lärmproblem wollte er nicht sprechen. Grüne Rasengleise und elastische Lagerung dämpfen den Schall. „Deshalb werden auch keine Erschütterungen spürbar sein.“

Aber was ist nun mit den Tieren? Da war der Planer ratlos: „Tja, was sollen wir mit Hase und Fuchs machen?“ Wahrscheinlich, so hieß es, kommen sie mit der Bahn zurecht.