Berlin - Dicht an dicht stehen die historischen Straßenbahnen im Depot an der Wendenschloßstraße, allesamt sind sie blitzblank gewienert und sehen aus wie neu. Ein wahrer Traum für Liebhaber solcher Technik. „Dies hier ist mein Lieblingswagen“, sagt Hartmut Gröschke und deutet mit einer fast zärtlichen Geste auf eine orange-beige Straßenbahn – Typ Gotha-Großraumwagen TDE aus dem Jahr 1959.

Das Modell steuerte Gröschke früher selbst. Es war 1983 bei einem Schülerpraktikum auf dem Betriebshof Köpenick, als er seine Liebe zur Straßenbahn entdeckte. Später studierte er in Dresden und erhielt 1991 seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur für elektrische Bahnen. Bei der BVG war er dann drei Jahre Straßenbahnführer.

Und der Gotha-Großraumwagen war damals noch im fahrplanmäßigen Einsatz. „Er war nicht ganz einfach zu steuern, besonders beim Bremsen musste man viel Gefühl haben“, sagt der heutige 53-Jährige.

Das älteste Stück war ein Stall

Später wurde Gröschke auch Mitglied im Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin, der bereits seit 1967 existiert und sich der Restaurierung historischer Straßenbahnen widmet. „Das erste Fahrzeug, welches der Verein restauriert hat, war der Triebwagen 10 – genannt Lotte – aus dem Jahr 1903“, erzählt er. Der Wagen war als Attraktion für den Festzug des Köpenicker Sommers im Jahr 1969 vorgesehen.

Seitdem wachsen Sammlung und Verein unaufhörlich. Heute sind es 50 historische Bahnen und 125 Mitglieder, die Hälfte davon sind allerdings nur Fördermitglieder. Es überrascht wenig, das Frauen in der absoluten Minderheit sind. Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, meistens am Sonnabend.

Die Arbeit im Verein nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. „Wir sind eben ferrosexuell“, sagt Gröschke und lächelt süffisant. Eisenbahnfreunde sind ein spezielles Völkchen, die sich auch gern selbstironisch als „Pufferküsser“ bezeichnen.

Acht Themenfahrten im Jahr

Normalerweise ist Gröschke jeden Abend für etwa eine Stunde mit Vereinsarbeit beschäftigt. Als stellvertretender Vorstand kommen viele Dinge zusammen, unter anderem auch die Finanzplanung. Haupteinnahmequelle des Vereins sind die acht Themenfahrten im Jahr, bei denen pro Fahrgast eine Gebühr von 6 Euro verlangt wird.

Die Fahrt mit den historischen Straßenbahnen beginnt meist am Alexanderplatz gegen 11 Uhr und 14 Uhr und endet nach zwei Stunden wieder dort. Reservierungen werden nicht angenommen. Die Devise lautet: einfach einsteigen, bezahlt wird beim Schaffner. Die 150 Sitzplätze sind meist ruckzuck besetzt, Stammgäste haben sich diese Termine im Kalender angestrichen.

Natürlich kleiden sich der Zugführer und der Schaffner in historische Uniformen, und unterwegs gibt es fachmännische Erklärungen zur Bahn und der Technik. Die erste Fahrt dieser Saison startet am 22. April.

In diesem Jahr sind an drei Tagen im Depot an der Wendenschloßstraße Führungen geplant. Auch das bessert die Vereinskasse auf.

Kuriose Zufälle führen zu neuen Fundstücken

Die alten Bahnen gehören der BVG. Anfangs beschränkte sich die Sammlung auf Vorkriegswagen und Fahrzeuge der BVG-Ost, nach der Einheit kamen Wagen aus dem Straßenbahnhof Britz hinzu. Dort wurden einige Wagen abgestellt, als im Jahr 1967 in West-Berlin die Straßenbahn den Betrieb einstellte.

„Doch manchmal führen auch kuriose Zufälle zu neuen Fundstücken“, sagt Gröschke. Und erzählt von einem Ausflug nach Werder/Havel, als ein Mitglied des Vereins einen alten Straßenbahnwagen entdeckte, der zum Hühnerstall umfunktioniert worden war. Es war ein Pferdebahnwagen von 1883 aus Berlin, der dann noch zwei Jahre lang in Werder eingesetzt wurde.

Der Wagen steht nun, tadellos restauriert, im Depot und ist das älteste Stück der Sammlung. Alle Wagen haben noch ihre historischen Beschriftungen und sind unterteilt in Raucher- und Nichtraucherwaggons. Die älteren Modelle haben vorn und hinten Plätze auf einer Plattform, so dass den Passagieren der Fahrtwind entgegenweht.

100 Jahre Straßenbahngeschichte

Ein besonders schönes Exemplar ist der Triebwagen 2990 der Großen Berliner Straßenbahn aus dem Jahr 1906, der edel dunkelgrün-beige lackiert ist und der mit einem Aufwand von 6000 Arbeitsstunden restauriert wurde. Er hat im Führerstand noch einen riesigen Fahrschalter mit einer Messingplatte mit Kennzeichnung für Vorwärts, Rückwärts, Fahren und Bremsen.

Gröschke kennt die Technik bis ins Detail und fachsimpelt: „Im Gegensatz zum Auto gibt es hier keine Gänge, alles wird durch die elektrische Verschaltung der Fahrmotoren und Widerstände zum Reduzieren der 600 Volt Fahrspannung erreicht.“ Im Führerstand hängt auch noch ein Metallstab, um die Weichen manuell zu verstellen.

Neuester Zugang ist eine knallgelbe Tatra-Straßenbahn aus Prag aus dem Jahr 1988, die bis vor kurzem noch im Liniendienst eingesetzt war. Gröschke sagt: „Damit können wir über 100 Jahre Straßenbahngeschichte zeigen!“

Der kleinste Ort mit Straßenbahn

Seinen Hauptjob hat Gröschke bei der BVG, dort ist er von Montag bis Freitag als Hauptsachbearbeiter Stromversorgung in Lichtenberg tätig – vereinfacht gesagt, ist er verantwortlich dafür, dass sogenannte Gleichrichterwerke gebaut und betrieben werden, in denen die ankommende Spannung von 10.000 Volt heruntergeregelt, gleichgerichtet und verteilt wird, so dass für die Straßenbahnen eine Fahrspannung von rund 600 Volt in die Fahrleitung eingespeist werden kann.

In Zukunft – falls die BVG einen neuen Betriebshof baut und der alte Betriebshof an der Wendenschloßstraße nicht mehr benötigt wird – könnte der Verein dort ein Museum einrichten und alle Wagen an einem Ort bündeln. Doch noch sind diese Pläne nicht spruchreif. Wer nicht so lange warten will, kann in Woltersdorf, südöstlich von Berlin im Kreis Oder-Spree, jeden Tag mit einer historischen Straßenbahn fahren: Dort sind alte Gotha-Züge unterwegs, die 1960 produziert wurden.

Nebenbei ist Woltersdorf Deutschlands kleinste Kommune mit einer eigenen Straßenbahn – die Streckenlänge beträgt 5,6 Kilometer.