Vor fast zwei Jahren starb die 13-jährige Ronja. Und seitdem wollen ihre Eltern wissen, wie es dazu kommen konnte. 
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-RummelsburgDas Unglück ist jetzt fast zwei Jahre her. Und noch immer rätseln Ronjas Eltern, wie es passieren konnte. Die damals 13-Jährige war am 12. Juni am Blockdammweg, Ecke Köpenicker Chaussee in Rummelsburg von einer herannahenden Straßenbahn erfasst worden, als sie mit ihrem Fahrrad den Übergang querte. Feuerwehrleute versuchten, das Kind zu bergen, das unter dem Zug lag. Als sie die Bahn anhoben und das Mädchen hervorziehen wollten, fiel der 34 Tonnen schwere Wagen herunter und tötete das Kind. Zwei Feuerwehrleute wurden dabei schwer verletzt.

Nach Informationen der Berliner Zeitung hat die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage gegen zwei Feuerwehrleute erhoben: den damaligen Einsatzleiter und den damaligen Einsatzabschnittsleiter. Der Tatvorwurf lautet fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung. Wegen der Corona-Krise ist es unwahrscheinlich, dass es noch in diesem Jahr zum Prozess kommt. Für Jeanette K. und Uwe L.,  Ronjas Eltern, wird es bis dahin keine Gewissheit geben, weshalb ihre Tochter sterben musste. Deshalb können sie nicht abschließen mit der Sache und nicht ihren Frieden finden, wie sie sagen.

Zusätzlichen Schmerz verursacht ein weiterer Umstand: Die Eltern und Ronjas Freunde richteten am Unfallort einen Gedenkort ein – auch um zu mahnen. Denn nach ihrem Empfinden brausen hier die Straßenbahnen mit viel zu hoher Geschwindigkeit entlang. Doch der Gedenkort wird immer wieder von Unbekannten geschändet. Schon dreimal verschwand das Holzkreuz. „Dreimal haben wir es erneuert“, sagt Jeanette K.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) stellte eines seiner weißen „Geisterräder“ auf. Mehrfach verschwanden Laternen, die am Rad befestigt waren. Wer das getan hat, muss einen Seitenschneider benutzt haben. Das Schild, das der ADFC am Fahrrad montiert hatte, war auch plötzlich weg und wurde durch die Eltern ersetzt. Ein Foto von Ronja verschwand, die Eltern ersetzten es. Die Blumen verschwanden mehrfach – und wurden jedes Mal durch die Eltern wieder erneuert.

Neben dem Unglücksort steht ein Fernwärmehäuschen der AG Wärme. Zu Ronjas erstem Todestag wurde dort ein Wandbild angebracht. Doch jemand stahl das kleine Blechschild am Zaun vor dem Häuschen, das dem Sponsor AG Wärme dankte. Dafür muss der Täter Werkzeug mitgebracht haben, denn das Schild war mit Kabelbindern befestigt. Immer wieder werden in der Stadt solche Gedenkorte und „Geisterräder“ zerstört. Es fehlt an Empathie und Respekt vor den Toten.

Das spüren die Eltern auch bei den Behörden. Seit dem Unglück haben Jeanette K. und Uwe L. nichts mehr von den Beteiligten gehört. Nichts von der Staatsanwaltschaft, die die Ermittlungen führt, nichts von der Polizei, der BVG und der Feuerwehr. Die Angst bei BVG und Feuerwehr ist groß, mit einer unbedachten Äußerung ein Schuldeingeständnis zu geben. „Es kam noch nicht mal ein Wort des Bedauerns“, kritisieren Jeanette K. und Uwe L.

Ihr Anwalt führt einen zähen Briefwechsel mit der Staatsanwaltschaft, die nur zögerlich mit Informationen rausrückt. Inzwischen hat ein technischer Gutachter den Fall untersucht. Wie die Dinge zu liegen scheinen, hatten die Feuerwehrleute auf einen Kranwagen der BVG gewartet, während das Kind bei vollem Bewusstsein unter der Bahn lag. Ronja sprach mit den Feuerwehrleuten und auch mit einem Vater aus ihrer Parallelklasse, der zufällig vorbeikam. „Ronja war die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein“, sagt Uwe L. „Ich möchte nicht wissen, was sie durchgemacht hat.“

Der Kran kam nicht. Er soll einen Defekt an der Bremse gehabt haben, heißt es heute. Nach rund einer Stunde machten sich die Feuerwehrleute selbst an die Bergung. „Es war furchtbar“, erinnert sich ein Zeuge. „Alle wollten nur irgendwie dieses Kind da rausholen. Jeder hat versucht, in dieser entsetzlichen Situation zu helfen.“

Mit Luftkissen hoben die Feuerwehrleute den Straßenbahnwagen an. Als zwei Mitarbeiter gerade das Kind hervorziehen wollten, passierte es: Der Wagen krachte herunter. Das Werkzeug, das die Retter benutzt hatten, war offenbar ungeeignet.

Die Staatsanwaltschaft will sich nicht äußern. „Die Ermittlungen sind abgeschlossen“, sagt ein Sprecher nur. Weiter will er sich zum Verfahren nicht einlassen. Die BVG sagt mit Hinweis auf das laufende Verfahren ebenfalls nichts, und auch nicht die Feuerwehr. Deren Sprecher sagt aber: „Der Einsatz beschäftigt uns weiterhin sehr. Wir sind tief betroffen.“

Tatsächlich hat das Geschehen tiefe Spuren auch bei den Feuerwehrleuten hinterlassen. Mehrere Feuerwehrleute sind seitdem dienstunfähig. Und auch bei den Rettern fragen sich einige, wieso sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zwei Jahre hinschleppten.

Uwe L. sagt: „Es geht uns nicht um Schuld, sondern um Übernahme von Verantwortung und dass man darüber nachdenkt, was besser gemacht werden kann.“