Da kommen selbst Doppeldecker nicht mit. Moderne Doppelgelenkbusse können deutlich mehr Menschen befördern – ein aktuelles Modell bietet 180 Fahrgästen Platz. Jetzt zeichnet sich ab, dass Fahrzeuge dieser Größe auch in Berlin eingesetzt werden. Das kündigte Daniel Hesse, der bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) die Stabsabteilung Technische Innovation leitet, am Freitag an. Als ganz große Gelbe könnten die Elektrofahrzeuge auf zwei Routen im Westen der Stadt rollen – ob als Oberleitungsbus oder ohne Strippe, also ausschließlich mit Batterie, ist aber inzwischen wieder offen.

Die Crème de la Crème der Elektrobusbranche ist nach Berlin gekommen. Hersteller von Rang und Namen zeigen auf dem Busbetriebshof Spandau ihre aktuellen Modelle – und jeder, der sich für die Zukunft des Busverkehrs interessiert, kann an diesem Sonnabend und Sonntag gern vorbeikommen. Bis 2030 soll die Zahl der batterieelektrischen Busse in Berlin von derzeit 140 auf 1750 wachsen, da ist etwas Öffentlichkeitsarbeit ganz sinnvoll.

„Linz hat den Längsten“

Wer beim E-Bus-Tag der BVG der Star ist, lässt sich schwer sagen. Doch der große Oberleitungsbus, den die Linz AG von Oberösterreich auf die weite Reise in den westlichsten Berliner Bezirk geschickt hat, wäre ein veritabler Anwärter. Der Doppelgelenkbus des belgischen Herstellers Van Hool fällt allein schon durch seine Länge auf: knapp 24 Meter. Rechnet man den Überstand des Stromabnehmers hinzu, sind es sogar rund 25 Meter. Drinnen bietet er rund 60 Sitzplätze. Insgesamt hat das Niederflurfahrzeug Raum für insgesamt rund 180 Fahrgäste. Darum werden vier Ein- und Ausgänge benötigt.

Einen Teil seines Pensums kann der Linzer Trolleybus auch ohne Fahrleitung zurücklegen. „Mit seiner Batterie schafft er acht bis neun Kilometer“, sagt der Fahrer. Doch das vollelektrische Vehikel gebe es auch in einer anderen modernen Version: ohne Stromabnehmer, mit einer Batterie als einziger Kraftquelle – also nicht als O-Bus, erzählt er. Für die südschwedische Stadt Malmö hat das Nahverkehrsunternehmen Nobina der Firma Van Hool 21 Riesenbusse des Typs Exqui.City 24 abgekauft. In deren Fall werden die Batterien auf dem Busbetriebshof geladen werden.

In Spandau verkehren auf manchen Routen 40 Busse pro Stunde und Richtung

In Berlin gibt es Riesenfahrzeuge dieser Art bislang nicht. Die größte Kapazität bieten derzeit die Doppeldeckerbusse. In jedem Bus haben nach BVG-Angaben etwas mehr als 110 Menschen Platz, die meisten im Sitzen. Allerdings ist die Flotte, die bis zum Ende des vergangenen Jahres ausschließlich aus Fahrzeugen des Typs MAN A39 bestand, auf knapp ein Viertel geschrumpft. Rost, Mängel und hohe Betriebskosten summierten sich zu einer Negativbilanz, die manch einen bei der BVG darüber nachdenken ließ, ob das Landesunternehmen in Zukunft nicht komplett auf Doppeldecker verzichten sollte.

Inzwischen hat der britische Hersteller Alexander Dennis damit begonnen, die neue Doppeldecker-Generation zu liefern – für immerhin rund 600.000 Euro das Stück. Im Dezember traf das erste Exemplar des Enviro 500 in Berlin ein. Damals hieß es, dass die Flotte bis Frühjahr 2023 auf 200 Dieselfahrzeuge wachsen sollte. Doch Windschäden in der Fabrik in Scarborough haben den Lieferplan durcheinandergebracht, hieß es jetzt.

Obwohl die Fahrgastzahlen auch bei der BVG immer noch nicht wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht haben, gibt es weiterhin Abschnitte im Berliner Busliniennetz, auf denen zahlreiche Menschen unterwegs sind. Dort wird viel Kapazität benötigt. So ist der Bezirk Spandau eine Hochburg des Busverkehrs. „Dort gibt es Strecken, auf denen heute bis zu 40 Busse pro Stunde und Richtung verkehren“, sagte Arnd Stephan vom Institut für Bahntechnik während eines Symposiums beim E-Bus-Tag.

Er gehört zu dem Expertenteam, das im Auftrag der BVG vor drei Jahren eine Machbarkeitsuntersuchung vorgelegt hat. Dabei ging es um die Frage, ob Oberleitungsbusse in Spandau sinnvoll wären. Die damalige Antwort war ein klares Ja. „Wo viel los ist, lohnen sich solche Busse“, bekräftigte Stephan am Freitag. Die Prüfungen ergaben, dass Hybrid-O-Busse, die Abschnitte auch ohne Fahrleitung überbrücken können, in diesem Fall wirtschaftlicher sind als andere Arten von E-Bussen.

Nach Staaken – und auf der Heerstraße

Wie berichtet, wurden zwei mögliche Einsatzbereiche identifiziert, auf denen die BVG Oberleitungsbusse testen will. Zum einen die Linie M32, die vom Bahnhof Spandau über den Brunsbütteler Damm in den Ortsteil Staaken zur Berliner Stadtgrenze führt – zum anderen die zum Teil noch stärker frequentierte Heerstraße, auf der Busse der Linien M49, X49 und X34 in Richtung Charlottenburg unterwegs sind.

Berliner Zeitung/Peter Neumann
Er sorgt beim E-Bus-Tag auf dem Bushof Spandau an diesem Wochenende für Aufsehen: der Doppelgelenkbus der Linz AG. Das Fahrzeug versorgt sich mithilfe eines Stromabnehmers und aus einer Batterie mit Strom.

Klar sei auf jeden Fall, dass auf diesen Routen künftig Elektrobusse mit hoher Kapazität eingesetzt werden sollen, bestätigte BVG-Planer Daniel Hesse am Freitag. Doppelgelenkbusse würden sich anbieten – auch wenn mit den Behörden noch zu prüfen sei, ob Straßen hier und da angepasst werden müssen. Bei der BVG rechnet man derzeit mit einer Kapazität von 60 Sitz- und 95 Stehplätzen pro Bus, das macht 155 Fahrgäste pro Fahrzeug. Doch ob die geplanten Mega-Busse tatsächlich unter einer Fahrleitung durch Spandau rollen werden, ist inzwischen nicht mehr so klar wie noch im Jahr 2019.

In den drei Jahren seit dem Erscheinen der O-Bus-Untersuchung sei der technische Fortschritt weitergegangen, und Rahmenbedingungen hätten sich verändert, gab Hesse zu bedenken. So habe sich die Batterietechnik deutlich verbessert, die Reichweite pro Ladung sei größer als früher, sagte er. Bei Van Hool spricht man davon, dass ein moderner Trambus mit vollem Akku 350 bis 400 Kilometer schafft.

Auf der anderen Seite steigen die Baukosten immer weiter, so Hesse. Das würde auch die Errichtung einer O-Bus-Infrastruktur kostspieliger machen. Masten müssen gesetzt, Unterwerke gebaut werden, in denen die Energie eingespeist wird. Fahrleitungen sind zu ziehen. Kein Wunder, dass für den Bau einer O-Bus-Strecke ein Planfeststellungsverfahren erforderlich ist. „Auch diese Entwicklung muss natürlich in eine Wirtschaftlichkeitsberechnung eingehen“, sagte der BVG-Mann.

2028 könnten die ersten Elektro-Doppeldecker durch Berlin fahren

Oberleitungsbusse – oder nicht? Die Antwort auf diese Frage hält sich das Landesunternehmen deshalb vorerst offen. Mit dem Senat, der als Aufgabenträger die Interessen des Landes Berlin wahrnimmt, ist noch einiges zu besprechen. Doch eines wird immer wahrscheinlicher: Durch Berlin werden künftig größere Busse rollen als derzeit, bekräftigte Daniel Hesse am Freitag. Auf der Linie M32 in Spandau könne es vielleicht 2025 oder 2026 so weit sein. „Eines ist klar: Die Stadt wächst, immer mehr Wohnungen werden gebaut.“ Darauf müsse auch die BVG reagieren.

Auch elektrische Doppeldeckerbusse sollen künftig durch Berlin rollen, so Hesse weiter. Technisch sind sie eine Herausforderung, denn die Batterien müssten schon relativ groß werden. „Wir haben die Industrie gefragt, ob die Herausforderung lösbar wäre“, sagte der Chefinnovator der BVG. Die Hersteller hätten signalisiert, dass dies grundsätzlich möglich wäre. Hesse hält es für möglich, dass 2028 die ersten E-Doppeldecker den Einsatz beginnen - etwas später als zuletzt angekündigt.