Berlin - Jeden Sonntagabend der gleiche Kampf: Vor dem Hauptbahnhof stürmen Berliner, die aus dem Wochenende kommen, die Straßenbahn. Die meisten müssen die letzte Etappe ihrer Heimfahrt stehend zurücklegen – eingeklemmt zwischen anderen Fahrgästen, Koffern, Kinderwagen. Auch sonst sind die Züge voll. Die Strecke in der Invalidenstraße ist erst seit 2015 komplett. Doch was die Nutzerzahl anbelangt, hat sie es bereits auf einen Spitzenplatz in der Statistik der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) geschafft. „Die Straßenbahn ist ein Erfolgsmodell. Das Netz muss zügig ausgebaut werden“, sagt Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB .

Die Strecke zwischen dem Nordbahnhof, dem Hauptbahnhof und der Lüneburger Straße in Moabit ist der jüngste Abschnitt des mehr als 190 Kilometer langen Berliner Straßenbahnnetzes. Auf der 2275 Meter langen Verbindung in Mitte wurden im vergangenen Jahr erstmals Fahrgäste gezählt, berichtete BVG-Sprecher Markus Falkner. „Demnach sind an einem durchschnittlichen Werktag auf den Linien M5, M8 und M10 insgesamt zirka 40.000 Fahrgäste unterwegs, rund die Hälfte davon auf der M10.“ Diese Verbindung führt über die Danziger Straße zur Warschauer Straße in Friedrichshain. Sie ist auch als Partylinie bekannt, weil am Wochenende zahlreiche Nachtschwärmer mitfahren – aber auch tagsüber ist auf dieser Route einiges los.

Der Senat will das Straßenbahnnetz schnell erweitern

40.000 Fahrgäste: Diese Zahl ist doppelt so hoch wie der Prognosewert, der vor der Streckeneröffnung errechnet worden war. Damals gingen die Planer lediglich von rund 20.000 Straßenbahnnutzern pro Tag aus. Ihre Erwartungen wurden also weit übertroffen. Markus Falkner: „Mit dieser Fahrgastzahl liegt der Streckenabschnitt ungefähr gleichauf mit dem am meisten genutzten Abschnitt im Netz, der M4 zwischen Thomas-Mann-Straße und S-Bahnhof Greifswalder und umgekehrt.“

Wieder einmal zeigt sich: Wo immer in Berlin Straßenbahnstrecken gebaut werden, sind die Züge schon bald voll. „So war es auch nach der Verlängerung der Linie M2 zum Alexanderplatz 2007“, so Wieseke. Dort mussten bald mehr Züge eingesetzt werden. In der Invalidenstraße seien die Straßenbahnen beliebter als die Busse, die dort vorher auf der Linie 245 unterwegs waren.

Der Schienenbonus, wie Experten solche Fahrgastvermehrungen nennen, hat gute Gründe. Straßenbahnen bieten mehr Plätze als Busse, und sie kommen trotz mancher Behinderungen an Ampeln meist schneller voran. Kein Wunder, dass weltweit neue Strecken gebaut werden – nicht selten auch deshalb, um Innenstadtviertel wiederzubeleben. „Für Berlin kann man sagen: Die gefragten Boomstadtteile haben alle Straßenbahnanschluss“, sagte Jens Wieseke.

Die Strecke zum Hauptbahnhof kostete pro Kilometer zwölf Millionen Euro – für die neue U5 werden pro Kilometer mehr als 260 Millionen fällig. „Relativ kleine Investitionen, große Wirkung: Die Straßenbahn ist meist wirtschaftlicher als die U-Bahn“, bilanzierte Wieseke. Laut BVG ist die Fahrgastzahl allein von 2009 bis 2015 um zwölf Prozent gestiegen – auf rund 187 Millionen. „Für den Senat ist das Gebot der Stunde, das Straßenbahnnetz schnell zu erweitern.“

Drei neue Strecken werden geplant

Die Planungen sind kompliziert. Langwierige Untersuchungen stehen an, bevor überhaupt das Genehmigungsverfahren beginnen kann. Trotzdem ist man im Senat zuversichtlich, dass in knapp vier Jahren weitere Neubaustrecken eröffnet werden können – Ende 2020 oder 2021. „Das ist ambitioniert, aber machbar“, hieß es. Die BVG bereitet Planfeststellungsverfahren für drei Strecken vor: vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße, zum Ostkreuz und von der Wissenschaftsstadt Adlershof nach Schöneweide.

Jetzt müssten weitere Neubautrassen, etwa zum Potsdamer Platz und weiter nach Steglitz, geplant werden, heißt es in der rot-rot-grünen Koalition. „Die Tram und die Erweiterung ihres Netzes hat oberste Priorität und ist gegenüber dem U-Bahn-Bau wegen kürzerer Planungszeiten und preiswerterer Umsetzungsmöglichkeiten vorzuziehen“, sagte Matthias Dittmer von den Berliner Grünen.

Angesichts des Ansturms auf der Strecke zum Hauptbahnhof werden vom Senat kurzfristige Verbesserungen geplant. So prüft die BVG, ob die M5 statt wie bisher im 20- Minuten-Takt alle zehn Minuten verkehren könnte. Um auch auf der Linie M10 mehr Kapazität zu schaffen, wird die Endstelle in Friedrichshain für 40-Meter-Bahnen ausgebaut. Ende dieses Jahres könnte es so weit sein.

So viel steht fest, sagte Wieseke: „Die Straßenbahn darf nicht Opfer ihres eigenen Erfolgs werden.“