Der ewige Jo Gerner;: Wolfgang Bahro spielt den GZSZ-Bösewicht seit über einem viertel Jahrhundert
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BerlinWer den Titel „Immer wieder Gerner“ für eine abstruse grammatische Konstruktion hält, kennt den Rechtsanwalt Dr. Dr. Jo Gerner nicht. Solche Leser mögen in der Minderzahl sein, denn es geht um die Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Seit 27 Jahren spielt Wolfgang Bahro hier den Anwalt mit Hang zu Intrigen und Gesetzlosigkeiten – keiner ist länger dabei. In diesem Monat wird der Schauspieler 60 und legt seine Biografie vor, naturgemäß eng mit der Rolle und der Serie verknüpft. Entstanden mit Andreas Kurtz, geschätzter Kolumnist der Berliner Zeitung, wurde es ein heiteres, anekdotisches und kurzweiliges Buch selbst für Leser, die um 19.40 Uhr sonst nie „GZSZ“ sehen. Im Interview erzählt Wolfgang Bahro, was er von seinem Leben und seinem Beruf hält.

Herr Bahro, sind Sie glücklich mit Ihrer Autobiografie? Sind Sie wirklich so ein selbstkritischer, humorvoller, sympathischer Kerl oder ist das wieder eine Rolle?

Keine Rolle, ich bin schon so, wie es da steht. Ich gebe allerdings zu, der Ton, der Humor, das kam doch mehr von meinem Co-Autor Andreas Kurtz. Aber die Geschichten stimmen alle.

Gegensätzlicher könnten ein Schauspieler und seine Figur kaum ausfallen. Der „GZSZ“-Anwalt hat drei Ehen, zahllose Verlobungen und Affären hinter sich, es gibt ungewollte, entführte, adoptierte, untergeschobene und unbekannte Kinder. Er war außerdem Restaurantchef, Zeitungsbesitzer und fast Bürgermeister. Sie, Herr Bahro, haben einen Sohn, immer dieselbe Frau und einen einzigen Beruf – wie langweilig das klingt!

Mal ehrlich, bei dem Leben von Gerner hätte ich mir schon die Kugel gegeben. Und was heißt hier langweilig! Ich habe eine tolle Familie, dazu den schönsten Beruf der Welt. Keiner ist vielseitiger – ich spiele in Filmen, im Kabarett und Theater, war zuletzt in meiner Traumrolle als Charlie Chaplin am Schlossparktheater. Schon der Anwalt Gerner allein ist eine aufregende Rolle, der Mann hat unheimlich viele Facetten.

Sie wollten erst nicht ran an die Seifenoper. Sie waren ein Profi, erfahren als Theater- und Fernsehschauspieler und trafen anfangs auf Kolleginnen, die in den Kulissen standen wie dekorative Models. Hatten Sie Fluchtgedanken?

Das nicht – wenn ich mich auf etwas einlasse, ziehe ich das durch. Tatsächlich gab es anfangs bei „GZSZ“ nur wenige ausgebildete Schauspieler. Aber das hat sich sehr professionalisiert. Wenn man eine alte Folge ansieht, fällt auf, dass Welten dazwischenliegen – inhaltlich, technisch und schauspielerisch. Heute wird nur noch mit Profis gearbeitet, es sei denn, die Rolle verlangt nach ganz jungen Menschen. Auch für sie gibt es mehrere Casting-Durchgänge.

Indessen ist dieser Anwalt die Rolle Ihres Lebens. Das Format hat sich durchgesetzt, spielt jährlich rund 220 Millionen Euro an Werbung ein. Da macht jemand etwas richtig – was?

Das ist eine Volksserie geworden. Jugendliche finden sich wieder mit ihren Problemen, die sie in der Schule, in der Liebe, mit Freunden oder Drogen haben. Die Perspektive der Eltern kommt vor, dazu natürlich Partnerprobleme, Trennung, Streit, alles, was einem selbst passieren kann in einer Familie oder auf der Arbeit. Hier wird es zu fesselnden Folgen verdichtet. Wie früher beim Tratsch im Treppenhaus reden Leute heute darüber, was der Gerner gestern wieder angestellt hat.

Seriendarsteller ist ein harter Job, Arbeitsbeginn gern um sieben Uhr, unentwegt muss Text gelernt, täglich eine Folge fertig werden. Kein Laisser-fair wie bei Kollegen mit zwei Filmen im Jahr.

Sicher, es gibt dichte Tage, morgen bin ich um 7:15 Uhr am Set und drehe zehn Bilder hintereinander. Aber das ist nicht die Regel, das gleicht sich aus. Es gibt Formate, da bleibt die tragende Figur von morgens bis abends am Set, aber nicht bei uns. Bei 21 Hauptdarstellern verteilt sich die Intensität der Arbeit.

Keine Figur hat sich so lange gehalten wie Ihr Anwalt. Weil die Zuschauer durchtriebene, abgebrühte Kerle mehr lieben als die anständigen und die treuen?

Das hat wohl auch damit zu tun, dass ich versuche, die Rolle mit Charme zu spielen. Er ist ein Mistkerl, ja, aber ich will ihm auch Sympathie mitgeben. Viele mögen ihn, weil sie sein möchten wie er. Wenn ihm ein Kellner pampig kommt, kauft er das Restaurant, um den rauszuschmeißen. Seine Macht und sein Erfolg imponieren dem Zuschauer.

Man merkt, Sie lieben die Rolle, haben sie sogar vor übergriffigen Drehbuchautoren geschützt. Als die Ihre Ehefrau erniedrigen wollten, sind Sie eingeschritten. Haben Sie etwa Einfluss auf den Fortgang der Dinge?

Jeder Kollege, der den Eindruck hat, dass die Rolle beschädigt wird, findet bei Produzenten und Drehbuchschreibern Gehör. Die meisten Geschichten werden akzeptiert, aber nichts ist unverrückbar. Bei den Proben montags können wir Einwände und Vorschläge vorbringen. Insofern haben Schauspieler auch Einfluss.

Ärgert es Sie, dass Ihnen nie ein großer Kinofilm angeboten wurde?

Ja, schon. Aber ich sage mir, das liegt an der deutschen Film- und Fernsehmentalität. In den USA gibt es dieses Schubladendenken nicht, die Einteilung in ernste Schauspieler und Komödianten. Da läuft alles unter Entertainment, wer populär ist, bekommt auch in anderen Genres eine Chance. George Clooney hat ewig Serien gespielt, bevor er auf der Leinwand Erfolg hatte. Immerhin bekam auch Hallervorden große Filmrollen, wenn auch erst im Alter.

Ich war baff, als ich las, was passiert, wenn Sie von Zuschauern im Baumarkt aufgestöbert werden – einmal sind Sie entnervt und ohne Einkauf vor Fans geflüchtet. Gibt es Orte, die Sie meiden?

Ich gehe an keine vollen Strände mit vielen jungen Leuten und niemals in Fastfood-Ketten. Auf Weihnachtsmärkte aber möchte ich nicht verzichten, tarne mich mit Basecap und Sonnenbrille. Sonst bin ich nur beim Posieren für Selfies.

Sie sind ein geborener Berliner. Mögen Sie die Stadt überhaupt?

Mich nerven die ewigen Baustellen, und zwar richtig. Aber den trockenen Humor der Berliner, den liebe ich.

Das Gespräch führte Birgit Walter.

Volksfernsehen:

„Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ läuft seit 1992 bei RTL und ist damit die erfolgreichste und älteste tägliche Serie im deutschen Fernsehen.

Sie spielt in Berlin, wird in Babelsberg gedreht, von rund drei Millionen Zuschauern gesehen und hat eine enorme Fan-Basis in den sozialen Medien – allein 1,5 Millionen Follower auf Facebook.

Wolfgang Bahro, geboren 1960 in Wilmersdorf als Sohn von Spirituosenhändlern, brach das Studium von Psychologie und Theaterwissenschaften ab, um Schauspieler zu werden. Er begann am Hansa-Theater und hatte Erfolg in Fernseh-Mehrteilern wie „Die Brüder Oppermann“ oder „Durchreise – die Geschichte einer Firma“, bevor er Serienkönig wurde.

„Immer wieder Gerner. Mein Leben als Bösewicht der Nation“, Riva 2020, 224 S., 19,99 Euro.