Die stille Leere hat auch eine gewisse Poesie.
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BerlinHeimweg. Alles sieht wie immer aus im frühen Dunkel. Bis auf ein Detail. Meist ist der Fahrradständer vor der Kita leer nach 17 Uhr. An diesem Abend aber blieb ein winziges Rad zurück. Im Schein der Laterne und im Allesgrau des Dezemberabends wirkt es verloren in seinen quietschfröhlichen Farben. Die gleiche Verlorenheit strahlen bunt lackierte Spielgeräte aus, wenn sie nicht mehr genutzt werden. Irgendwie sieht man das. Woran, weiß ich nicht.

Auch denke ich beim Anblick des Kinderfahrrades an diese Wäschestangen zwischen Häuserblocks. Häufig stehen sie auf einer akkuraten Betonfläche. Die wiederum ist von Rasen umgeben, auf dem noch nie jemand gepicknickt hat. Abgenutzt und müde sieht er dennoch aus. Die Stangen auch. Sie sind immer leer. Zwingend in das Ensemble gehören einige Mülltonnen, geschützt durch ein Häuschen aus Beton oder Holz. Mindestens eingezäunt.

Überhaupt ist vieles in der Stadt umzäunt, noch mehr fällt mir das auf, seitdem ich das Büchlein „Schöne Orte“ des Berliner Fotografen Björn Kuhligk in die Finger bekommen habe. Gärten. Steinhaufen in oder um Steingärten herum. Parkplätze. Sportplätze. Spielplätze. Auch der Garten der Kita endet an einem Zaun.

Auch andere Grenzen – Flatterbänder, Mauern, verschlossene Türen – spielen in auf den Bildern eine große Rolle. Und eben Leere. Auf dem Sportplatz spielt niemand außer das trübe Licht halbherzig in den Pfützen. Die Dixi-Klos scheinen sich aneinander zu lehnen, jedes in der Reihe an seinen Nebenmann. Als würden sie sonst umfallen in ihrer temporären Nutzlosigkeit.

Stühle stehen unbesetzt um einen Tisch. Das Wartehäuschen scheint selbst zu warten. Im ganzen Buch ist kein Mensch zu sehen und doch sind sie allgegenwärtig in ihrer Abwesenheit. In ihrem Bedürfnis, zu umzäunen, zu schützen und zu bewahren, aber auch, sich voneinander abzugrenzen und andere fernzuhalten.

Ein Atemzug

Die meisten dieser Orte sind auf den ersten Blick gar nicht schön und auch nicht auf den zweiten. Dennoch verstehe ich Kuhligks Titel nicht ironisch. Zäune sind zwar selten hübsch anzusehen und wenn sie Steinbrocken umgeben, die wiederum Steingärten abzäunen, Inbegriff einer bizarren Trostlosigkeit. Doch die stille Leere hat auch eine gewisse Poesie. Als ob die Stadt kurz einen leisen Atemzug macht. Oder auch zwei oder drei – und vorbei.

„So bleibt vor der Hand / nur als Tatbestand / das Wort „Verlassen“ / in den Sand geschrieben“ singe ich vor mich hin. Sang Georg Kreisler. Und kurz vor dem Ende: „Oben von der Autostraße blickt man auf die Stelle, wo das Wort mal war – jetzt ist es fort“. Mit diesem Lied ist es wie mit den leeren Stühlen, dem regennassen Sportplatz, den einsamen Wäscheständern und dem zurückgelassenen Kinderfahrrad. Traurig und schön ist es. Und so sicher wie die Liebenden sich ihrer gegenseitigen Liebe versichern an dem Ort, an dem das Wort nicht mehr ist, so sicher wird morgen jemand das Fahrrad abholen.