Neukölln - Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) schlug Alarm: In Neukölln sterben seit Jahren mehr Babys als in jedem anderen Bezirk. Berlinweit erlebten 2014 bis 2016 insgesamt 352 Kinder den ersten Geburtstag nicht, 59 in Neukölln. Das waren in Berlin 31 auf 10.000 Lebendgeburten, in Neukölln 53. Reinickendorf folgt mit 44, am Ende steht Steglitz-Zehlendorf mit 14.

Liecke führt das nicht nur auf die relative Armut der Neuköllner und sprachliche Barrieren bei Migranten zurück, sondern auch auf einen Facharztmangel. Statt 45 gab es mit Stand Anfang 2017 nur 27 Frauenärzte. Mit 23 verfehlt Neukölln auch bei den Kinderärzten das Ziel von 24.
Dr. Babett Ramsauer ist Leitende Oberärztin der Klinik für Geburtsmedizin im Vivantes-Krankenhaus Neukölln.

Welche Rolle spielt das Krankenhaus?

Die renommierte Klinik ist auf Früh- und Hochrisikogeburten spezialisiert, Frauen aus ganz Berlin und aus Brandenburg werden hier betreut. Ramsauer, ärztliche Leiterin des Kreißsaals, stimmt Liecke erst einmal zu: „Neukölln ist ein sozial ziemlich schwacher Bezirk, manche Eltern gehen mit ihren Kindern selbst dann nicht zum Kinderarzt, wenn einer da ist. Grundsätzlich ist ja bekannt, dass ein soziales auch ein medizinisches Risiko ist.“

Die niedergelassenen Kinderärzte im Bezirk seien mit keinem Makel behaftet, sie arbeiteten gut. Eine Rolle bei der höheren Sterblichkeit könnte das Krankenhaus jedoch selber spielen: „Wir zählen auch extreme Frühgeburten, die Lebenszeichen zeigen, als Lebendgeburten.“ Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen, bis zur abgeschlossenen 37. Woche gilt ein Baby als Frühchen.

Zusätzliche Kinder- und Jugendärzte

Inzwischen könnten auch Kinder eine Lebenschance haben, die nach der 23. Woche geboren werden. Diese Chance wolle man ihnen geben, lasse sie aber auch gehen, wenn die 500-Gramm-Babys nicht leben können. Diese Fälle gingen als in Neukölln gestorben in die Statistik ein. Ramsauer: „Heute haben wir andere Möglichkeiten in der Medizin als vor zehn Jahren. In anderen Ländern wird anders verfahren. Geburten unter der 26. Woche gelten in den Niederlanden als Abort, die Schwangeren werden nicht in hoch spezialisierte Kliniken verlegt.“

Was die Fachärzte angeht, teilte die Kassenärztliche Vereinigung mit, dass Berlin insgesamt zehn zusätzliche Kinder- und Jugendärzte beziehungsweise -Psychiater bekomme. Davon werde auch Neukölln profitieren. Bei den Frauenärzten gebe es zwar in Neukölln zu wenige, gleich nebenan in Tempelhof-Schöneberg aber eine überdurchschnittliche Versorgung.