Die Internationale Funkausstellung (IFA) in Berlin wird in diesem Jahr von einem Trend beherrscht, der dank technischer Verbesserungen, sinkender Preise und nicht zuletzt der Beharrlichkeit der Hersteller das Leben der Konsumenten in der Masse in nächster Zeit grundlegend verändern könnte: Sprachassistenten, vor allem in Audio-Geräten, mit der Veranlagung zur totalen Vernetzung.

Es ist eine Sparte mit Zukunftspotenzial inmitten eines Markts, der seit Jahren stagniert. 2018 sollen die Umsätze, die mit Unterhaltungselektronik insgesamt erzielt werden, laut Branchenverband Bitkom sogar leicht sinken. Wachstum hingegen bei den Assistenten: Während 2016 noch rund sieben Millionen Geräte mit Sprachassistenz verkauft wurden, geben mehrere Unternehmen wie Amazon für 2017 an, dass die Zahl der verkauften Geräte im zweistelligen Millionenbereich lag. 

Amazon und Google machen es vor

„Ich bin mir sicher, dass die Sprachsteuerung in diesem Jahr ihren Durchbruch in der Unterhaltungselektronik erleben wird“, prognostiziert Hans-Joachim Kamp, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Gesellschaft zu Förderung der Unterhaltungselektronik, mit Blick auf die IFA, die am Freitag beginnt.

Amazon und Google haben es mit der Echo-Box und Google Home bereits vorgemacht, jetzt zieht der Rest nach – und profitiert dabei von den bereits etablierten Künstlichen Intelligenzen (KI). Das schwäbische Unternehmen Hama zum Beispiel lässt seinen „Sirium“-Lautsprecher von Alexa lenken – Amazons digitalem Sprachassistenten, der auch im Echo-Lautsprecher steckt. So kann nicht nur die Lautstärke mit wenigen Worten geändert oder Musik beim weltweit größten Onlinehändler geordert werden. Der Nutzer kann alle Hama- oder Alexa-kompatiblen Geräte im Haus an das System anschließen und per Stimme kontrollieren.

Assistenten haben ein PR-Problem

Hersteller wie Bosch und Siemens haben sich auf Amazons Vorreiter bereits eingestellt, zu kaufen gibt es inzwischen alles von Alexa-kompatiblen Lampen, Heizsystemen, Backöfen und Waschmaschinen über Überwachungskameras und Alarmanlagen bis hin zu Gardinensteuerungen und per Stimmbefehl beheizbaren Toilettensitzen. Dieselbe Strategie zur Erlangung des Smarten Homes nutzt LG mit seiner „Think Q“-Reihe und dem neuen smarten XBoom-Lautsprecher – nur greifen die Südkoreaner mit dem Google-Assistenten bei der Sprachsteuerung auf den größten Rivalen von Amazons Alexa zurück.

Nach wie vor aber kämpfen die smarten Assistenten mit einem PR-Problem, das den Durchbruch als Alltags-Technologie bisher verhindert: Viele Nutzer fürchten um ihre Daten.

Wie jede KI werden Alexa und Co. hilfreicher, je besser sie ihre Besitzer kennen und je intensiver sie sie im Alltag begleiten dürfen. Die Lautsprecher, auf denen sie operieren, sind mit mehreren Mikrofonen versehen, die jederzeit mithören, nach einem Aktivierungswort Sprachbefehle entgegennehmen, aufzeichnen und die Audioaufnahmen in einer Cloud speichern. Die Aufnahmen können später meist gelöscht werden. Doch dann, so die Hersteller, wird die Sprache schlechter erkannt. 

Die Datensammelei birgt Gefahren. Im Fall von Alexa wurden bereits mehrere Hacks bekannt, durch die Hard- wie Software gekapert und die Besitzer abgehört werden konnten. Und auch bei Ermittlern weckt der neue intime Datenschatz Begehrlichkeiten: In einer Mordermittlung in den USA forderte das Gericht 2016 von Amazon die Herausgabe der Sprachbefehle des Tatverdächtigen.

Ein Adapter für alle soll genügen

In einer Statista-Umfrage gaben drei Viertel der Befragten an, dass sie sich eher oder sehr unsicher fühlen, wenn sie einem Sprachassistenten Informationen anvertrauen. Ungeachtet dieses Misstrauens scheinen deutsche Konsumenten aber auch willig, sich der Entwicklung zu beugen: Für 70 Prozent ist der Umgang mit KI noch ungewohnt. Sie waren aber der Überzeugung, dass er in Zukunft alltäglich werden könne.

Auch die Hersteller registrieren die noch herrschende Zerrissenheit: „Grundsätzlich ist das Thema Sprachassistenten polarisierend“, teilt LG der Berliner Zeitung mit. Eine Reihe von technisch aufgeschlossenen Konsumenten sei begeistert, andere sähen in ihr eine Bedrohung. Breit durchsetzen, glaubt LG, werde sich Spracherkennung und -steuerung, wenn der Nutzen größer sei als die „angenommene Bedrohung“. „Das ist aber ganz die persönliche Entscheidung jedes einzelnen Nutzers – basierend auf individuellen Maßstäben.“

Die Elektronik-Industrie wird jedenfalls weiterhin alles daransetzen, den potenziellen Nutzen zu erhöhen. Das Unternehmen Acme wird schon auf der IFA einen Plug vorstellen, der wie ein Adapter in die Steckdose gesteckt wird und jedes angeschlossene Gerät per Alexa und Google Assistant steuerbar machen soll, auch wenn es eigentlich nicht dafür ausgelegt ist. Im Handel soll der Smart-Adapter nur 20 Euro kosten.