Zum gelingenden Konsum gehört auch ein Gespür für den Zeitpunkt der Trennung. Irgendwann ist das schicke Jackett zerschlissen, lässt sich die lange geliebte Klamotte nicht mehr mit einem erhabenen Vintage-Gefühl tragen. Dahin, kaputt, verbraucht.

Aber oft kommt der Moment des Abschieds von den schönen Dingen des Lebens viel zu früh. Die luxuriöse Espressomaschine, Siebträger, hatte nicht nur gute Dienste getan, sondern war auch ungemein formschön. Dies ersparte dem guten Stück den Weg auf den Müll. Wir brachten es einfach nicht übers Herz. Also beließen wir es an seinem angestammten Platz und ersetzten es durch ein sehr viel preiswerteres neues Gerät.

Doch, doch, wir hatten alles versucht. Die Maschine wurde sogar zum Hersteller zurückgeschickt und kam mit den handelsüblichen Bemerkungen zurück. Zu alt, zu teuer, lohnt nicht mehr. Wir schauten uns tröstend an und erinnerten uns resigniert des vierstelligen DM-Preises.

Ein, zwei Jahre später kamen wir mit Stefan Hermann ins Gespräch. Er führt das Kaffeegeschäft Macchina-Caffè in der Alten Schönhauser Straße. Bringt sie doch vorbei, sagte er, es klang eine gewisse Vorfreude auf das Modell mit. Es sei der Kessel gewesen, sagte er später, schwierige Sache. Aber jetzt geht sie wieder. Für uns war es wie eine Wiedergeburt. Der Glaube an den Zusammenhang von Qualität und Konsum kehrte zurück. Vielleicht lohnt es ja doch, in die guten Dinge zu investieren.

Wir bringen unsere Espresso-Maschinen seither regelmäßig zu Stefan Hermann und seiner Crew zur Wartung. Das müsse man das regelmäßig machen, sagt Hermann. Nichts sei schlimmer als Espresso, dessen Wasser durch verdreckte Düsen und Schläuche hindurch muss. Trauen Sie niemandem, der Ihnen bitteren Kaffee serviert.

Im gewöhnlichen Einzelhandel sieht das natürlich anders aus. Die Haltbarkeit der Dinge ist begrenzt, und ganze Branchen stehen im Verdacht, ihre Produkte nach dem Prinzip einer geplanten Obsoleszenz herzustellen. An irgendeiner Stelle geht frühzeitig kaputt, was kaputtgehen soll. Reparatur zwecklos, der Neukauf die sich nach allen Regeln der Handelskunst aufdrängende Alternative. Richtig nachweisen lässt sich diese Handelsstrategie nur selten. Die bessere Gegenwehr bieten Leute wie Stefan Hermann, die mit ihrer handwerklichen Neugier und Begabung den Konsumkreislauf zu verlängern wissen.

Für den Schuhhändler Udo Robakowski ist die Reparatur bereits ein Teil der Geschäftsidee. In dem kühl gestalteten Ladengeschäft „Schuh Konzept“ in der Bleibtreustraße bietet er rahmengenähte Damen- und Herrenschuhe verschiedener Hersteller an und führt exklusiv für Berlin und Brandenburg die Londoner Traditionsmarke John Lobb, der einst als Schuhmacher der Könige und König der Schuhmacher bezeichnet wurde.

Stil ist hier Programm, und die Schuhreparatur wird nicht als Flickwerk aufgefasst, sondern als natürliche Verlängerung des Herstellungsprozesses verstanden. „Speziell rahmengenähte Schuhe verdienen die gleiche Leidenschaft und Hingabe bei der Reparatur, wie sie auch beim Hersteller einst angewandt wurden“, heißt es auf der Homepage von Schuh-Konzept.

Man verfügt über einen speziellen Maschinenpark und bildet auch Lehrlinge für exklusives Schuhhandwerk aus. Das Wort „abgelaufen“ ist in diesem Zusammenhang der Auslöser eines kreativen Prozesses. Das gibt es natürlich nicht umsonst. Die Reparatur in Geschäften wie Macchina Caffè und Schuh Konzept lohnt sich naturgemäß erst ab einem gewissen Wert der Ware. Das bescheidene Glück jedoch, das Leben eines schönen Stücks verlängert zu haben, übersteigt mühelos die Freuden eines schnöden Neuerwerbs. Für die Geschäftsinhaber trägt es auch dazu bei, zufriedene Kunden an sich zu binden.

In der kleinen Boutique von Lily Mendelssohn in der Charlottenburger Pestalozzistraße steht die Reparatur nicht im Mittelpunkt. Aber wenn eine hinterhältige Motte zugebissen hat, weiß Lily Mendelssohn Rat und hat auch den passenden Faden dazu.

Sie entwirft und fertigt Strickmode, die das einstige Ökoimage alles Selbstgestrickten mühelos abgestreift hat. Geradlinige Formen und mutige Farbkombinationen geben ihren Pullovern, Westen, Stulpen, Schals und Kleidern den Hauch von etwas Unverwechselbarem, das sich wohltuend von der herkömmlichen Industrieware abhebt.

Dem Trend zur kompetenten Wiederherstellung sind keine Grenzen gesetzt. Handydoktoren und PC-Retter bieten ihre Dienste auf allen erdenklichen Werbekanälen an, und im Fahrradhandel gibt es seit geraumer Zeit die Möglichkeit, sich schicke Renn- und Tourenmaschinen aus lauter gebrauchten Einzelteilen zu einem fahrtauglichen Zweiradboliden zusammenbauen zu lassen.

Wer zu all dem eine philosophische Begründung braucht, der findet sie hinreichend von Günter Anders ausgearbeitet. In seinem Großwerk über die „Antiquiertheit der Menschen“ beschreibt er die prometheische Scham, die den Menschen befalle, weil er von lauter perfekten Geräten umgeben ist, von denen er sich nicht mehr vorstellen könne, dass sie einmal von ihm oder seinesgleichen hergestellt worden seien. Durch das Handwerk, das Basteln und die Reparatur halten wir zumindest vorübergehend dagegen und arbeiten an der schönen Illusion, noch Herr im eigenen Haus zu sein – selbst wenn mal der Strom ausfällt.