Die Gänge sind lang, die Räume groß. Es gibt viel Platz überall für Filmemacher, Maler, Schneider, Designer, Bühnenbildner. Bei Lorcan O’Byrne, 58 Jahre alt, steht das Atelier voll mit Farbtöpfen, Pinseln und Leinwänden. Ein paar Räume weiter, bei Sebastian Körbs, 35, sieht es ganz anders aus. Er hat das mehrere Meter lange Bild, an dem er gerade arbeitet, mitten in seinem Atelier auf Böcken platziert. Bei Michele Caliari, 49, hängt ein großformatiges Foto von einem Berg im Trentino, Italien an der Wand, der eine unglaubliche dreidimensionale Präsenz vermittelt. Es ist, als ob der Berg aus dem Foto herausragt. Dieses Foto ist wie ein Skulptur.

Die Kündigungen für die Ateliers sind ausgesprochen - Künstler sollen am 30. September ausziehen

„Die Ateliers hier sind ein Traum“, sagt Sebastian Körbs. Nicht nur das Räumliche, auch das Gemeinsame ist bei den Treptow Ateliers außergewöhnlich. Man besucht sich gegenseitig, spricht über die Arbeiten, verbringt Zeit miteinander. Etwa 35 Künstler arbeiten an der Mörickestraße in Treptow unter dem Dach eines ehemaligen Industrie- und später Schulgebäudes. Gerade gründen sie einen gemeinsamen Verein. Sie wollen mehr sein als nur Ateliernachbarn. Gemeinsam sind sie nämlich auch in einer existenzgefährdenden Lage, und dann kann gemeinsames Auftreten als Verein nur gut sein.

Denn der Traum, von dem Sebastian Körbs spricht, ist bedroht. Die Künstler fürchten, dass sie Ende September ausziehen müssen, weil der Eigentümer dann eineinhalb Jahre lang das jetzt zweigeschossige Gebäude um weitere drei Stockwerke aufstocken und den Altbestand sanieren will. Die Kündigungen für ihre Atelierräume sind ausgesprochen. Am 30. September sollen die Künstler ausziehen.

Künstlern wurde zuerst Bleibe während der Sanierung versprochen

Überall in Berlin gibt es solche oder ähnliche Probleme. Künstler verlieren ihre Ateliers, weil Mieten steigen, alte Gebäude zugunsten teurer Neubauten abgerissen werden, mit denen sich dann höhere Renditen erzielen lassen. Jedes Jahr gehen in Berlin 350 Ateliers verloren. Der Senat versucht gegenzusteuern, noch in dieser Legislaturperiode sollen aus 1000 vom Land geförderten Künstlerateliers 2000 werden. Die ganze Atelierbeschaffung wurde professionalisiert und die Berliner Immobilienmanagement Gesellschaft (BIM) eingebunden. Trotzdem passiert an vielen Orten in der Stadt ähnliches wie jetzt an der Mörickestraße. Und wie Wohnungsmieter finden auch Künstler nur schwer noch bezahlbare Räume in der Stadt. Wohnungen, Kitaplätze, Ateliers – von allem gibt es zu wenig. Einer frisst den anderen.

An der Mörickestraße hatte der heutige Eigentümer das Haus Ende 2012 als Atelierhaus ausgeschrieben, kuratiert. Damals sind die meisten der Künstler, die heute dort arbeiten, eingezogen. „Uns wurde gesagt, dies soll ein dauerhaftes Atelierhaus werden. Der Besitzer hat eine Party für uns gemacht. Er wollte einen Ausstellungsraum herrichten, was dann aber nicht passiert ist“, sagt Sebastian Körbs.

Die Künstler zahlten vier Euro pro Quadratmeter, mittlerweile sind es bei manchen sechs Euro. „Es hieß immer, irgendwann muss was gemacht werden am Haus“, sagt Körbs, bei laufendem Betrieb allerdings, erst die eine Seite des Hauses, dann die andere. So stellten sich das jedenfalls die Künstler vor. „Es wurde gesagt, wir würden hier bleiben, auch während einer Sanierung“, sagt Sebastian Körbs.

Treptower Künstler wollen bezahlbare Ateliers

Dann allerdings kam die Kündigung. Für die Betroffenen vollkommen überraschend. Es sind Gewerbemietverträge. Die Künstler sollen Ende September das Haus verlassen. Kommuniziert wurde erst, das Haus werde abgerissen, um neu zu bauen: Wohnungen, eine Kita und mehrere Künstlerateliers. Die jetzigen Nutzer der Räume reagierten schockiert. „Ich wäre nicht hierher gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass es nur für ein paar Jahre ist. Ich hatte mich beim Berufsverband Bildender Künstler für einen Raum beworben, dann habe ich von diesem Ort gehört. Er ist perfekt für mich“, sagt Lorcan O’Byrne.

Seit fast einem Jahr geht es nun hin und her. Der Eigentümer, ein Architekt aus München, sagt, die Künstler sollen ja Teil des neuen Konzepts sein. „Durch eine Aufstockung des historischen Bestandes soll das derzeit als Atelierhaus genutzte Gebäude in Zukunft eine Kita für 70 Kinder, 24 Familienwohnungen zur Miete und 25 nachhaltige Ateliers umfassen“, teilt ein mit der Projektkommunikation Beauftragter mit. Es gibt eine Internetseite, auf der das Projekt als „Beitrag gegen die gängige Gentrifizierung“ vorgestellt wird. Der schlechte Bauzustand und das Entwicklungspotenzial mache Sanierung und Aufstockung nötig: 4500 Quadratmeter Mietfläche auf fünf Geschossen sollen entstehen. Im alten Gebäudeteil sollen Kita und Künstler einziehen. Die drei neuen Geschosse sollen aus Holz sein, die Wohnungen großzügig, mit 100 Quadratmetern Wohnfläche, Wohnküchen, Maissonette wie bei Le Corbusier. Gemeinschaftsbereiche sollen entstehen und Terrassen, ein Ausstellungsraum, Photovoltaik.

Das klingt alles sehr schön. Den Betroffenen ist das allerdings viel zu unkonkret. Sie haben nichts in der Hand. Ihre bisherigen Verträge laufen am 30. September aus. „Hier geht es um unsere Existenz. Wir können uns nicht auf eine Liste schreiben, in der Hoffnung, dass wir dann nach der Sanierung zurückkehren dürfen. Vielleicht wird die Miete verdoppelt, dann können wir uns das nicht leisten. Wir brauchen konkrete Verträge und auch eine Lösung für die Zeit von Abriss und Neubau. Ich kann mich mit meinen Bildern ja nicht jahrelang in meine Wohnung setzen und da malen“, sagt O’Byrne. Die Treptower Künstler wollen mindestens 1200 Quadratmeter Fläche zu einem Preis, den sie sich leisten können, das wären, so haben sie sich gemeinsam festgelegt höchstens zehn Euro pro Quadratmeter Warmmiete.

Bei der Kommunikation zwischen Künstlern und Eigentümer zeigt sich Hilflosigkeit des Senats

Das, was der Eigentümer auf seiner Internetseite beschreibt und die Wahrnehmung der Künstler sind zwei verschiedene Welten. „Ich sehe nicht, dass wir bleiben können. Das was der Eigentümer sagt und was er tut sind zwei verschiedene Schuhe“, sagt Sebastian Körbs.

Die Künstler haben sich mittlerweile Hilfe geholt, beim Bezirksbaustadtrat, beim Regierenden Bürgermeister, beim Atelierbeauftragten. Vielleicht, so heißt es jetzt, können sie umziehen in ein Haus der BIM. Es gibt bereits Gespräche über Finanzierung und Konditionen, aber das Ganze ist noch vage. Und selbst, wenn es klappt, ist es keine Lösung zu diesem Zeitpunkt: Ende September. Die Treptow Ateliers bräuchten wenigstens eine Verlängerung ihrer Verträge für den Übergang.

Fragt man in der Senatskulturverwaltung nach Möglichkeiten, vermittelnd in die Kommunikation zwischen Künstlern und Eigentümer einzugreifen, offenbart sich eine Hilflosigkeit, die nicht auf diesen einen konkreten Fall begrenzt ist. „Es sind privatrechtliche Verträge, unsere Möglichkeiten sind extrem begrenzt“, sagt Sprecher Daniel Bartsch. Immerhin, der Atelierbeauftragte kümmere sich, versuche eine Lösung zu finden. Darüber hinaus findet aber auch Bartsch, Berlin habe, was die Situation der freien Kunstszene betrifft, ein manifestes Problem. Damit sei es aber auch ein Problem des kreativen Outputs dieser Stadt. „Wir verstehen die Sorgen“, sagt Bartsch. Nicht nur in Treptow.