„Ich habe mir für diese Geschichte eigentlich eine Ruhepause genommen“, erzählt meine Bekannte Elena Dmitrieva, 51, als ich sie viele Monate nach unserem letzten Treffen auf ihre Herzensangelegenheit anspreche.

„Jahrelang ging dieser Krieg für mich weiter. Und am 24. Februar, als Russland einen Krieg gegen die Ukraine entfesselte, war ich so schockiert und niedergeschlagen, dass ich mir sagte, ich kann es nicht weitermachen. Jener Krieg wurde für mich Geschichte, verdrängt von diesem, dem gegenwärtigen.“

Wir steigen aus ihrem Auto vor dem Eingang zur sowjetischen Denkmalanlage im Treptower Park aus. Ich habe Elena eigentlich auch hier kennengelernt, als sie mich zu einer deutsch-russischen Veranstaltung abholen wollte, noch im letzten Jahr.

Manuel Genolet

Heute, wenige Tage vor dem 8. Mai, gehen wir zurück in den Park, um über ihr großes Anliegen zu reden. „Ich habe mich zurückgezogen, aber du wolltest mich sprechen, also sind sie nicht damit einverstanden, dass ich sie beiseite gelegt habe. Sie brauchen mich weiter“, sagt sie.

Im Treptower Park liegen 7200 sowjetische Soldaten begraben – doch kaum jemand erkennt den genauen Ort

Sie – das sind rund 7200 sowjetische Soldaten, die im Treptower Park begraben liegen. Nur wenige wissen aber, wo genau. Auf den Schildern zur Anlage steht nichts dazu geschrieben, und selbst die russische Botschaft in Berlin verwirrt mit fehlerhaften Artikeln, in denen behauptet wird, die Sammelgräber würden im Zentrum der Anlage liegen, unter den fünf Kränzen, die zum Ehrenmal führen. Aber das stimme nicht, kontert meine Bekannte. Das im Zentrum seien nur die Beete, die fünf Jahre Krieg symbolisierten.

Wir betreten zusammen die Denkmalanlage und gehen nach links zum großen Zaun hinter den seitlich wachsenden Bäumen. Hier, vor dem Zaun, zeigt sie auf eines von vielen flachen, grün bewachsenen Vierecken. Hier seien die Soldaten tatsächlich begraben worden. In 16 Sammelgräbern hier und genau so vielen auf der anderen Seite. Die deutsche Historikerin Helga Köpstein hat das ebenfalls längst dokumentiert.

Elena Dmitrieva
Menschen erholen sich auf den Sammelgräbern im Treptower Park, Sommer 2021.

„Man kann öfter beobachten, wie Mädels direkt auf den Gräbern Yoga oder Picknicks machen oder in der Sonne liegen. Ich kam im Winter letzten Jahres hierher, als der Schnee fiel, und mir wurde sofort schlecht, weil die Gräber alle Schlittenspuren hatten und Schneemänner auf ihnen standen. Wissen die Leute denn nicht, dass das hier eigentlich ein Friedhof ist und kein Freizeitpark? Wie kann man diesen Fehler korrigieren, die Gräber irgendwie markieren?“

Es geht ihr aber nicht nur um die Markierung der Gräber als solcher. Vielmehr recherchierte sie aus eigenem Antrieb heraus vor allem in den beiden Pandemie-Jahren rund 3500 Namen hier bestatteter Soldaten, für die es bisher keine Listen gab. Auf der Liste, die die Russen Anfang der 90er-Jahre der Stadt Berlin beim Abzug ihrer Truppen überreichten, standen nur rund 2500 Namen. Später wurden in Russland Archive mit 1000 weiteren Namen von insgesamt 7200 Soldaten veröffentlicht, und das war’s.

„Diese Geschichte holte mich aus einer tiefen Depression heraus“

Für Elena Dmitrieva jedoch begann alles noch früher. 2016 arbeitete sie freiwillig bei einer Gedenkaktion des Vereins „Obelisk International e.V.“ zum 8./9. Mai, die die Menschen über die Sammelgräber und die Menschen darin aufklärte. „Diese Geschichte holte mich aus einer tiefen Depression heraus, denn ich konnte mich lange nicht in Berlin finden.“

Die Moskauerin, deren Eltern aus der Ukraine kommen, folgte 2013 mit drei Töchtern ihrem Mann nach Berlin und arbeitet seitdem unter anderem als Fotografin. „Ich habe anfangs allerdings nur die Jungs bemitleidet, dass ihre Gräber so für Freizeitaktivitäten missbraucht werden und niemand etwas dagegen unternimmt“, sagt sie.

Liudmila Kotlyarova
Elena blickt auf den Gedenkstein für die Gefallenen der Roten Armee vom 01.05.1946. Er steht zwischen den 16 Sammelgräbern. (Foto vom 4. Mai 2022 im Treptower Park)

Vor etwa zwei Jahren entdeckte sie aber die offiziellen russischen Portale „Das Projekt des Volkes“ und „Das Gedenken des Volkes“, wo zuletzt die Listen der gefallenen Rotarmisten und Archive aus dem Krieg veröffentlicht werden, manchmal mit Fotos und für Elenas Suche sehr hilfreichen Kampfberichten. So konzentrierte sie sich auf die bereits bekannten Listen und schaute, wo die Soldaten vorerst beerdigt wurden.

„Habe ich beispielsweise fünf Soldaten gefunden, die ursprünglich in einem Grab sonst irgendwo begraben waren, und nur einer von ihnen wurde dann offiziell für Treptow aufgeführt, gehe ich logischerweise davon aus, dass sie zusammen umgebettet wurden“, erklärt sie. So habe sie fast alle Namen gefunden und in einer Tabelle, nach den ehemaligen Sowjetrepubliken sortiert, zusammengefasst – darunter auch rund 100 Frauen, die überwiegend Ärztinnen und Funkerinnen waren. Nur etwa 200 Namen würden noch fehlen.

Oft stolperte sie über Fehler in der sowjetischen Liste und musste sie korrigieren. In einigen Fällen hätten sich auch Verwandte der Soldaten an sie gewandt. „So stellte ich etwa fest, dass Maxim Timofejewitsch Dmobarskij von der Liste, 1914 in Odessa geboren und im April 1945 in einem Hospital bei Berlin verstorben, eigentlich Dlubarskij hieß.“

Wir stehen vor einem Sammelgrab, auf das Elena Fotos von mehreren Soldaten legte. Vor vielen Jahren waren alle 32 Gräber eigentlich noch von niedrigen Betonplanken umgeben. Doch dann wurde Schicht für Schicht Sand rund um die Gräber aufgetragen, und sie wurden zu flachen, grünen Wiesen.

Liudmila Kotlyarova
Elena schaut auf die Fotos einzelner im Treptower Park begrabenen Soldaten.

Sie habe versucht, erzählt Elena weiter, mit dem Berliner Senat und der russischen Botschaft darüber zu sprechen. „Aber es wurde bisher keine Lösung gefunden“, bedauert sie. „Wir Freiwillige dürfen lediglich zum 9. Mai für eine Woche die Fotos und Schilder mit dem Wort 'Sammelgräber' aufstellen.“

Sie stelle auch keine Anforderungen an den Berliner Senat, denn die Stadt Berlin gebe schon einen Haufen Geld aus, um die Denkmalanlage in Ordnung zu halten. Warum kümmert sich aber der russische Staat nicht um die Gräber? „Man hat offenbar keine offizielle Organisation dafür“, vermutet Elena. „In Deutschland hat man den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, daher haben sogar rund 25.000 in Sewastopol begrabene deutsche Soldaten Namen auf ihre Gräbern, und es gibt Anweisungen, wie man diese pflegt. In Russland kümmern sich wohl nur Volontäre um die Gräber der Rotarmisten – und nur innerhalb des Landes.“

Mit ihrer Arbeit möchte Elena Dmitrieva die Menschen jedoch darauf aufmerksam machen, dass im Treptower Park nicht nur russische Soldaten bestattet wurden. „Hier fanden Menschen aller Nationalitäten aus allen Sowjetrepubliken, Christen und Muslime die letzte Ruhe, darunter etwa 1500 gebürtige Ukrainer, 500 Belarussen, 150 Kasachen, 100 Litauer, Armenier, Aserbaidschaner, alle zwischen 18 und 56 Jahren alt. Zusammen braucht sie wohl niemand, aber nach den ehemaligen Republiken unterteilt schon. Das glaubte ich wenigstens.“ Doch Erfolg hatte Elena nach eigenen Worten auch mit den anderen Botschaften nicht.

Betrübt senkt Elena den Kopf und seufzt schwer. Sie hätten ja auch keine Todesmesse gehabt, meint sie, denn die Sowjetunion habe ja auf die Kirche verzichtet. „Sie wurden getötet, aber ihre Seelen kamen nicht in den Himmel. Viele hatten keine Verwandten. Ich war also soweit, dass ich nach und nach Listen mit Namen vieler Soldaten in ein Männerkloster in Brandenburg brachte, damit ein Priester für sie einen Gedenkgottesdienst abhält. Es ist vor allem schwer, wenn man sich ihre Gesichter anschaut. Dann versteht man, dass in der Ukraine gerade Menschen im gleichen Alter sterben, und dann auch Ärzte und Köche…“

Elena Dmitrieva
Fotos von einzelnen im Treptower Park begrabenen sowjetischen Soldaten, darunter auch von Ukrainern, bei einer Gedenkaktion am 22. Juni 2021.

Und was tun die Russen? „Man hat hier keine Ordnung geschaffen, man hat diese Jungs zurückgelassen, und jetzt kommen noch mehr Getötete dazu. Und die hiesigen werden schon wieder vergessen. Man muss ihnen aber dankbar sein, dass sie sich hier für uns geopfert haben. Wir kennen nicht einmal ihre Namen, sie gelten seit 77 Jahren immer noch als unbekannte Soldaten.“

„Die Heimat wird ihre Helden nicht vergessen“

Wir gehen zurück zum Eingang der Anlage, wo zwei Skulpturen kniender Soldaten sich unter den zwei großen, stilisierten Fahnen aus rotem Granit einander zuneigen. Direkt vor ihnen befindet sich ein einsames Sondergrab mit Granitplatten, ebenfalls ohne Namen, wohin vier als Helden der Sowjetunion ausgezeichnete Offiziere aus der ursprünglichen Grabstätte in Lichterfelde umgebettet wurden. „Die Heimat wird ihre Helden nicht vergessen“, steht darauf geschrieben. Tja.

Liudmila Kotlyarova
Ein Blick auf das Sondergrab mit vier sowjetischen Offizieren und das sowjetische Ehrenmal, am 4. Mai 2022

„Schau mal, man hat hier mehr Bodenstrahler aufgestellt, offenbar, damit die Vandalen sich unsicherer fühlen“, sagt Elena. Immer wieder wurde das Ehrenmal in den letzten Wochen beschmiert, doch Elena sieht das gelassen: Es war schon immer so. Einige Polizisten bewachen das Gelände, an dem an diesem Nachmittag schon mehrere Menschen verweilen.

Am 9. Mai kommen bestimmt neben den vernünftigen, trauernden Russen auch die Hurra-Patrioten wieder hierher, peinlicherweise mit sowjetischen Uniformen verkleidet. Die werden sich bestimmt wieder betrinken und den Tag des Sieges über den Faschismus weiter diskreditieren. Dieser Tag wird in vielen Republiken der Sowjetunion noch als solcher wahrgenommen; Kiew gedenkt zwar am 8. Mai der Kriegsopfer, doch bis vor kurzem würdigten auch viele Ukrainer den gemeinsamen Tag des Sieges.

Liudmila Kotlyarova
So viele, so jung: Elena zeigt ihre Listen der Soldaten, von denen viele aus der ukrainischen Sowjetrepublik kamen.

Verkleidete Pseudopatrioten widern auch Elena Dmitrieva innerlich an. Wie könnte sie sich den 9. Mai noch vorstellen, jetzt, wo die Ukraine mit einem  grausamen Krieg überzogen wird? Elena mag es, wenn Musik in der Anlage gespielt wird. Allerdings keine feierliche.

Dieses Jahr wollte der Sohn des in Treptow begrabenen Oberleutnants Iwan Antonow, der bereits 78 Jahre alte Anatolij Antonow, zum ersten Mal aus der Stadt Wladimir nach Berlin kommen und für seinen Vater, den er nie gesehen hat, mit einem von ihm geleiteten Orchester mit russischen Volksinstrumenten stille Musik spielen. Doch wegen der logistischen und bürokratischen Hürden als Folge der Sanktionen gegen den Aggressor Russland könne er das gerade nicht, sagt Elena. „Aber stell dir vor, wie wichtig, wie richtig das wäre!“ Ich stimme ihr zu. Das wäre viel besser, als all das von den ahnungslosen Feierlustigen.

Morgen fährt Elena Dmitrieva auf Einladung zu einer Einbettungsveranstaltung des Volksbundes für deutsche Kriegstote des Zweiten Weltkrieges im brandenburgischen Halbe. Auch der Verein „Obelisk“, von russischen Aussiedlern geführt, ist eingeladen. Die Russen haben trotz der millionenfachen Gräueltaten der Deutschen auf sowjetischem Boden den Weg zur Versöhnung mit ihren Nachkommen schon einmal gefunden. Ob die Ukrainer sich mit den Russen versöhnen werden?