Berlin - Wenn man auf der Suche nach einer möglichen Lösung für urbane Verkehrsprobleme in den Marzahner Westen gelotst wird und dann auf dem Schotterparkplatz vor einer alten Fabrikhalle steht, fühlt man sich nicht gerade so, als wäre das Ziel zum Greifen nah. Aber dann steht da plötzlich ein junger Mann in Jeans, Pulli und Sneakern. „Hier sind Sie richtig“, sagt er und streckt dem offenbar etwas ratlos schauenden Besucher pandemiekonform die Faust entgegen. „Kremer, Firma Citkar.“

Und schließlich fallen sie auf: An der Stirnseite der Halle parkt eine kleine Flotte von Fahrzeugen, die mit Fahrerhaus und Kastenaufbau einerseits und kaum zwei Finger dick bereiften 20-Zoll-Rädern andererseits im Niemandsland gängiger Fahrzeugkategorien unterwegs sind. „Weder Fahrrad noch Auto, aber Transporter“, sagt Jonas Kremer. „Das ist der innerstädtische Wirtschaftsverkehr der Zukunft.“

Der 27-Jährige hat das inzwischen 26-köpfige Unternehmen Citkar vor drei Jahren in Berlin gegründet. Es ist Teil einer aufstrebenden Indie-Szene der Mobilitätsbranche, die nach neuen Fahrzeugkonzepten sucht, während die etablierten Automobilhersteller einzig darauf setzen, die Verbrennungsmotoren ihrer Modelle durch Stromaggregate zu ersetzen. Kremer hatte mit 19 Jahren die Idee, aus einem Kettcar für Kinder eine praktikable Alternative zu einem dieselgetriebenen Kleintransporter für Handwerker machen. Ein City-Kettcar, aus dem irgendwann Citkar wurde.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
1,5 Kubikmeter Laderaum und europalettentauglich.

Dabei war Kremer nie Techniker, er ist gelernter Bürokaufmann. Tatsächlich hat er bis heute nicht einmal einen Führerschein. Dennoch: Die Entwürfe für das Fahrzeug stammen von ihm selbst, und in seiner Heimatstadt Bonn hat er auch den ersten Prototypen zusammengeschraubt.

Mit 22 zieht er 2016 nach Berlin und setzt auf das vitale Start-up-Biotop der Hauptstadt. Tatsächlich findet er hier die nötigen Experten, Unterstützer und Investoren. Bald hängt er seinen sicheren Behördenjob an den Nagel und macht sich mit Citkar selbstständig. Ein paar Millionen Euro, einige Prototypen, Auszeichnungen wie dem Best Mobility- oder dem Green Product Award sowie zwei Patente später hat der elektrifizierte Tret-Transporter dann die Serienreife erreicht.

In dessen offener Kabine sitzt man fast wie in einem Auto. Das Lenkrad ähnelt dem eines Rennwagens. Es ist eher rechteckig als rund, hat Schalter, Tasten und ein kleines Display. Auch die Gänge des Fünfgang-Getriebes wählt man per Knopfdruck. „Wir wollen auch Leute erreichen, die niemals auf ein Fahrrad steigen würden“, sagt der Citkar-Chef. Loadster heißt der Marzahner Tret-Transporter. Loadster wie Roadster. Arbeit soll auch Spaß machen.

Und Arbeit ist nötig. Um den Motor zu starten, muss in die Pedale getreten werden. Über das Tretlager wird in einem Generator Strom erzeugt, der den Elektromotor an der Hinterachse antreibt. Eine Kette gibt es nicht, nur Kabel. Außerdem liefern noch zwei Akkus Strom, um das leer 180 Kilogramm leichte Cargo-Bike zu beschleunigen. 25 km/h sind möglich. Die Reichweite liegt bei etwa 50 bis 60 Kilometern.  Verschiedene Versionen sind zu bekommen. In den eineinhalb Kubikmeter großen Frachtcontainer passt sogar eine Euro-Palette. Einstiegspreis: 11.700 Euro.

In der Halle werden die Fahrzeuge zusammengeschraubt. Etwa 95 Prozent der Loadster-Teile kommen aus Deutschland. Der Fahrzeugrahmen und einiges mehr sogar direkt aus Berlin. Aus Asien bezieht Citkar den Motor, den Generator und die Akkus. Nachhaltigkeit bedeute nicht nur kein Abgas, sondern auch kurze Lieferwege, sagt der Jungunternehmer. Die Kapazität läge bei 160 Fahrzeugen pro Monat. Davon ist man aber noch weit entfernt. Laut Kremer gehe derzeit im Schnitt eine Bestellung am Tag ein. Aber der Chef ist zuversichtlich. „Wir haben erst im Oktober angefangen“, sagt er.

Immerhin darf die Finanzierung der Marzahner Firma als gesichert gelten. Vor eineinhalb Jahren war das  Berliner Investment-Unternehmen Rumford Partner bei Citkar eingestiegen und hatte zwei Drittel der Anteile für einen einstelligen Millionenbetrag übernommen.

Geführt wird Rumford Partner übrigens von dem Berliner Unternehmer Quirin Graf Adelmann, der bislang nicht unbedingt mit einer besonders grünen, sondern sehr bunten Investmentstrategie aufgefallen war. So ist der 46-jährige Jurist beispielsweise am DDR-Museum ebenso beteiligt wie an der Schnapsbrennerei Mampe. Darüber hinaus gehören eine Autowerkstatt samt Waschstraße, zwei Musikerhäuser mit Proberäumen, etliche Start-ups oder ein Unternehmen für Krebstherapie zum Beteiligungsportfolio Adelmanns. Nun also auch Citkar, dessen Loadster der Investor als „absolutes Spitzenprodukt im Bereich der urbanen Mobilität“ bezeichnet.

Davon rollen bislang etwa 150 Exemplare auf den Straßen, rund 30 in Berlin. Zu den Kunden gehören Grünflächenämter, Online-Supermarktbetreiber wie Bringoo, E-Scooter-Vermieter, die mit dem Cargo-Bike die Akkus ihrer Roller-Flotte tauschen und vor allem Handwerker. Für Kremer gehören sie zur wichtigsten Zielgruppe. Maler, Elektriker, Klempner, Schornsteinfeger, die vorzugsweise in ihren Kiezen unterwegs sind und mit dem nahezu fixkostenfreien Loadster auf Radwegen am Stau vorbeifahren und fast überall parken könnten. Loadster statt Renault Kangoo. „Die Leute erleben selbst, dass die Wege immer zeitraubender und damit teurer werden“, sagt Kremer.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Schrauber beim schrauben.

Um der potenziellen Kundschaft den Umstieg oder wenigstens die Bekanntschaft mit dem unbekannten Fahrobjekt zu erleichtern, kann man den Loadster auch für 500 Euro im Monat mieten. Kremer will das Mietgeschäft neben dem Verkauf sogar als festen Teil des Citkar-Vertriebs etablieren. Bis 2025 sollen in den 20 größten europäischen Städten Mietpools mit jeweils bis zu 200 Fahrzeugen aufgebaut werden. Parallel ist zudem der Einstieg in den US-Markt geplant. „Kann sein, dass wir in vier Jahren in den USA schon mehr Fahrzeuge verkaufen als in Europa“, sagt Citkar-CEO Kremer.

Zuvor geht es aber erst einmal um den hiesigen Markt. Dass hier die Chancen tatsächlich nicht schlecht stehen, lässt das jüngste Förderprogramm des Berliner Senats vermuten. 600.000 Euro waren zur Verfügung gestellt worden, um damit den Einsatz von Lastenrädern in Unternehmen, Vereinen und bei Soloselbstständigen mit bis zu 3000 Euro zu fördern. Das Antragsportal dafür wurde am 10. Mai um 14 Uhr freigeschaltet. Um 17 Uhr musste es bereits wieder geschlossen werden, weil das Förderkonto leer war. Unter den rund 200 Antragstellern waren auch etwa 30 Handwerksbetriebe.