Dinosaurier-Skelett Tristan Otto im Naturkundemuseum
Foto: Thomas Uhlemann

BerlinTristan Otto ist seit Millionen Jahren tot. Für Johannes Vogel, Direktor des Museums für Naturkunde Berlin, ist der T.rex allerdings ein erstaunlich präsenter Zeitgenosse und er hat noch immer große Erwartungen an ihn. „Vor 66 Millionen Jahren hat es ihn erwischt. Dasselbe sollte uns nicht passieren“, sagt Vogel. Klimawandel, Artensterben, Existenzsorgen der Menschheit – eine ganz schön große Aufgabe für einen Saurier, wenn er allein durch die Präsenz seiner Überreste aktuell bedrohliche Szenarien positiv beeinflussen soll. Tristan Otto, so sieht Johannes Vogel jedenfalls den Auftrag, soll eben mal die Welt retten.

Es hat sich am Freitag eine große Zahl an Menschen um Johannes Vogel und Tristan geschart. Tristan Otto wird verreisen – mindestens für die Dauer eines Jahres. In den nächsten Wochen wird das Skelett mit seinen 300 Einzelteilen in Berlin abgebaut, jedes Teil in einer eigens angefertigten kleinen Kiste verpackt und nach Kopenhagen geschickt, wo das Skelett wie ein Puzzle wieder zusammen gesetzt werden soll.

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Von April an soll Tristan Otto ein Jahr lang in Kopenhagen gezeigt werden und auch dort einen ähnlich großen Rummel bewirken wie in Berlin. Anschließend kehrt er voraussichtlich zurück. Aber das ist noch lang hin, wie Johannes Vogel etwas vage formuliert. Am Wochenende gibt es im Berliner Museum jedenfalls ein großes Abschiedsfest.

In den vergangenen vier Jahren hat das Skelett des Tyrannosaurus rex drei Millionen Besucher in das Naturkundemuseum an der Invalidenstraße in Mitte gelockt. Tristan Otto hat damit die Besucherzahlen dieses vorher etwas verschnarcht wirkenden Museums in ungeahnte Höhen katapultiert. Er ist ein Kassenschlager für das Museum, aber auch ein Ausdruck für die Bedeutung der Institution in der Museumslandschaft der Stadt und ein imposanter, konkret sichtbarer Nachweis für den Forschungsanspruch dieses Leibnitz-Instituts im Rahmen der Forschungslandschaft.

Das alles lässt sich an Zahlen festmachen. Etwa 500.000 Besucher hatte das Museum vor Tristan pro Jahr. Mit dem Aufstellen des imposanten Raubsauriers kletterten sie auf 850.000. Jetzt liegen die Zahlen stabil bei etwa 750.000.

Nicht nachlassender Dino-Hype

Entsprechend groß ist der Abschiedsrummel. Peter Kjaergaard, der Direktor des Statens Naturhistoriske Museums in Kopenhagen, wie das dänische Pendant des Berliner Museums heißt, ist am Freitag gekommen, Forscher sind da, Pressevertreter. Das ist ein großes Aufgebot für ein paar Knochen, die für ein Jahr an ein anderes Museum ausgeliehen werden, bevor sie wieder zurückkehren. Aber so ist es, und das hat noch mehr Gründe.

Seit Steven Spielberg in seinem Film „Jurassic Park“ in den 90er-Jahren die mythenbeladenen Tiere in animierter Aktion zeigte, ist die Faszination für Saurier kontinuierlich gestiegen. Der Dino-Hype hat bei Kindern seitdem auch nicht mehr nachgelassen. Schubladenweise besitzen Kinder heutzutage detailgetreue Nachbildungen aller möglichen Saurier. Sie sehen Informationssendungen im Fernsehen an und konfrontieren ihre Eltern beständig mit einem Wissensvorsprung, dem sich in letzter Konsequenz doch nur mit einem Besuch im Museum bei den echten Überbleibseln dieser Kolosse begegnen lässt. Aber da ist noch mehr.

So wurde Tristan Otto aufgespürt

Tristan Otto wurde 2010 von dem Fossiliengräber und Paläontologen Craig Pfister gefunden. Man könnte auch sagen, aufgespürt. Pfister gräbt mit dem Einverständnis von Landbesitzern in Montana (USA) nach Dinosauriern. Er hat bereits mehrere Tyrannosaurier gefunden. Auf einer seiner Wanderungen entdeckte er im Jahr 2010 einen Beckenknochen, der aus der Erde ragte. Zwei Jahre später hatte er seinen Fund geborgen und bot das nach wissenschaftlichem Standard freigelegte und präparierte Skelett zum Verkauf an. Die Käufer und heutigen Eigentümer Niels Nielsen und Jens Peter Jensen, zwei dänische Geschäftsleute, stellten dem Berliner Naturkundemuseum das Skelett kostenlos zur Verfügung. Und das war ein Glücksfall für das Museum. Denn so schmückten die Knochen kein Privathaus eines Multimillionärs wie es in den USA häufiger vorkommt. Und sie ermöglichen dem Berliner Museum viele Dinge.

Manches davon hat damit zu tun, wie heutzutage Forschung betrieben wird, wie auf der Internetseite des Museums zu lesen ist. „Mit dieser Vereinbarung zeigt Tristan Otto einen Weg aus einem bisher von der Wissenschaft stark kritisierten Dilemma: dem Erwerb von Fossilien und Artefakten durch Privatpersonen. Damit stünden die oft wertvollen Stücke der Forschung nicht mehr zur Verfügung. Andererseits können viele Museen die Kosten für Bergung und Aufarbeitung nicht aufbringen. Das Beispiel von Tristan Otto zeigt einen Weg aus diesem Problem. Gleichzeitig führt die Präsentation und jede Information, die über und um das Tier gesammelt werden können, zu einer Wertsteigerung – in jedem Sinne eine Situation, von der alle profitieren“, schreibt das Museum. Der Nachteil ist allerdings, dass Privateigentümer eben auch weiterhin bestimmen können, ob und wo das Skelett gezeigt wird. Ab jetzt, so wollen es Nielsen und Jensen, soll das in Kopenhagen geschehen. Denn dort wird gerade ein neues Museum gebaut.

Tristan Otto: Ein besonderes Dino-Skelett

Aber Tristan Otto ist eben auch ein besonderes Skelett, und da muss auch ein renommiertes Naturkundemuseum Kompromisse machen. Es ist eines der wenigen Originalskelette eines T.rex in Europa. Zwölf Meter lang, vier Meter hoch, tiefschwarz und mit 170 Originalteilen bei insgesamt 300 Knochen außergewöhnlich vollständig. MB.R.91216: So lautet der wissenschaftliche Name von Tristan Otto. Es ist eine Inventarnummer des Museums, woran sich vielleicht erkennen lässt, dass die Bindung an das Berliner Naturkundemuseum wohl von Dauer sein wird, auch wenn das Skelett in Privatbesitz bleibt und der neue Vertrag für die Zeit nach Kopenhagen erst noch geschlossen werden muss.

Am Freitag sind auch die beiden Paläontologen des Museums gekommen, die sich intensiver mit dem Skelett befasst haben. Daniela Schwarz hat sich mit den Zähnen des T.rex beschäftigt, Oliver Hampe mit dem linken Unterkieferknochen. Natürlich ist in den vergangenen vier Jahren noch mehr passiert: Sämtliche Knochen sind untersucht und beschrieben worden. Tristans Verletzungen, vor allem Knochenbrüche, wurden diagnostiziert. Forscher haben sich mit seiner Fortbewegung und dem Ökosystem, in dem er lebte, befasst. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse gibt es aber erst mal nur zu den Zähnen und dem Unterkieferknochen. Wie alt Tristan Otto geworden ist und ob es ein Männchen oder Weibchen ist, weiß man immer noch nicht.

Zähne wie Messer

Dass Saurier immer noch Massen anziehen, kann man im Naturkundemuseum jeden Tag besichtigen. „Da, der Dino, der Kopf bricht durch die Wand“, ruft ein kleiner Junge schon im Eingangsbereich aufgeregt und zeigt nach oben, dort, wo das Skelett eines ganz anderen Sauriers mit einem modellierten Kopf ergänzt wurde und jetzt scheinbar bis auf die andere Seite kurz vor den Infocounter ragt. Man muss sich also nicht wundern, dass Tristan Otto in den vergangenen Jahren so viele Besucher gehabt hat. Das Museum ist auch am Freitag wieder voll. Schulklassen und Kindergartengruppen sind im Museum unterwegs. Und wen wollen sie sehen? „Na, den T.rex natürlich“, sagt ein kleiner Junge, wenn man einfach mal eine Kindergruppe fragt.

Tristan Otto wird seinem Ruf als gefährlichster Raubsaurier ja auch eindrucksvoll gerecht. Schwarz glänzend ragen die Zähne aus dem Maul, wirken wie Messer. Bis zu 20 Zentimeter sind sie lang. Vier Reißzähne hat der Saurier vorne, 32 im Oberkiefer und 30 im Unterkiefer. Der linke Unterkieferknochen ist etwas größer als der andere. Etwas unruhig und rau sieht die Knochenoberfläche aus. Anfangs vermuteten die Forscher einen Tumor als Ursache für eine offensichtliche Schwellung. „Wir haben uns diese Schwellungen sehr genau angesehen“, sagt Oliver Hampe. Die Saurierforscher haben die Schädelknochen sogar in die Charité transportieren lassen, um Computertomographien anzufertigen.

Tristans CT in der Charité

Es muss eine amüsante Erfahrung für die an dem Forschungsprojekt beteiligten Mediziner der Charité gewesen sein, als sie die Millionen Jahre alten versteinerten Saurierknochen „einfach zwischen die Patienten schoben“, wie Oliver Hampe formuliert. Die Strahlungsdosis wurde etwas erhöht, gesundheitliche Schäden musste man schließlich bei diesem Patienten nicht befürchten.

Heraus kamen aus dem Computertomographen sehr klare Bilder. Bei dem Unterkieferknochen lassen sie allerdings eher auf eine chronische Entzündung schließen als auf bösartige Strukturen: Adern und Nervenbahnen sind gut erhalten, die Knochensubstanz ist nicht zerstört wie es bei einem Tumor der Fall gewesen wäre. Aber durch die Entzündungsprozesse schwoll der Knochen an. Der glänzende Schimmer und die schwarze Farbe stammen von der tonhaltigen Erde, mit der die Knochen bedeckt waren.

Nur etwa 45 Prozent echte Knochen

Im Museum steht zwar ein vollständiges Saurierskelett. Aber nur 40 bis 45 Prozent der Knochen sind präparierte Originale, der Rest wurde nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzt. Die eine der beiden Krallen zum Beispiel ist eine Rekonstruktion. Und auch der gesamte Schädel. Allerdings nicht, weil Knochen fehlen. Das Original war zu schwer für die Montage und steht jetzt gleich neben dem Saurier in einer Vitrine. Es sind fast alle Schädelknochen erhalten, und das sind fast 50 Stück. „Für uns Wissenschaftler sind natürlich nur die Originalknochen interessant“, sagt Hampe.

Oliver Hampe ist bereits während der Präparationsphase bei Tristan Otto gewesen. Er reiste in die USA und begutachtete die Knochen, bevor sie präpariert wurden. Tristan hat auch Rippenbrüche, aber für die Forschung ist das nichts besonderes. Im Naturkundemuseum wird auch an anderen Sauriern noch geforscht.

Daniela Schwarz hat sich bei ihren Forschungen von Anfang an auf Tristans Zähne konzentriert. „Für uns war es etwas Besonderes, dass wir auch in die zahntragenden Knochen hineinschauen konnten, um zu sehen, wie der Zahnwechsel bei diesen Tieren funktioniert hat“, sagt Daniela Schwarz. Sie geht davon aus, dass Tristan alle zwei bis drei Jahre sämtliche Zähne ausgetauscht hat. Im Knochen sind bereits die Ansätze von nachwachsenden Zähnen zu sehen. Daniela Schwarz hat nach den Untersuchungen an Tristan Otto im Oktober vergangenen Jahres gemeinsam mit ihrer Kollegin Franziska Sattler eine Studie im Fachjournal Historical Biology zum Zahnwechsel des Tyrannosaurus veröffentlicht. „Man wusste schon vorher, dass bei Dinosauriern wie bei heutigen Reptilien die Zähne regelmäßig ausgetauscht werden. Die machen das nicht wie wir, dass sie einmal im Leben alle Zähne wechseln, sondern es findet regelmäßig statt. Beim T.rex wusste man aber nicht so genau, wie es im Inneren der Kiefer aussieht, wie häufig die Zähne ausgetauscht werden, was für Ersatzzähne nachkommen“, sagt Daniela Schwarz.

Tristan Otto: So stark konnte er zubeißen

Die Forscher gehen jetzt davon aus, dass der Zahnwechsel von hinten nach vorn erfolgte. Und der Wechsel geschah in einer festen Reihenfolge. Während ein Zahn langsam durch den von unten nachwachsenden neuen Zahn aus dem Kiefer geschoben wurde, blieb der nächste Zahn in der Reihe erhalten, damit der Saurier auch weiterhin kraftvoll zubeißen konnte. Übrigens mit einer Beißkraft von 57.000 Newton, während der Mensch nur auf 1000 Newton kommt. „Man erkennt die Reihenfolge des Zahnwechsels an der Größe der nachwachsenden Zähne“, sagt Daniela Schwarz.

Vor der Vitrine mit dem enormen Saurierkopf zeigt sie auf die unterschiedlich großen Zähne. Man betrachtet die schwarzen Überreste und plötzlich kann man sich vorstellen, dass dieser Saurier ein Lebewesen war, ein Tier mit Bedürfnissen und Beschwerden – Hunger, Durst, Müdigkeit, Zahnweh – und kein Ungeheuer wie im Spielfilm.

Damit Tristan Otto nach seinem Gastspiel in Kopenhagen nach Berlin zurückkehren kann, muss erst noch ein neuer Vertrag mit den Eigentümern geschlossen werden. Denn auch in Zukunft wird der T.rex wohl in Privatbesitz bleiben und nicht ins Eigentum des Museums übergehen. Acht Millionen Euro habe ein vergleichbarer Saurier ein Museum in den Niederlanden gekostet, sagt Vogel. Das kommt für ihn erst mal nicht infrage.

Ob noch weiter an Tristan Otto geforscht werden wird, ist unklar. Schon in den vergangenen vier Jahren haben die Forscher einige Vorhaben wieder aufgegeben, weil sich zum Beispiel zum Lebensraum und zu den Umweltbedingungen, zur Art der Fortbewegung und dem Knochenaufbau keine neuen Erkenntnisse gewinnen ließen und außerdem Forschungsergebnisse, die an Objekten in Privatbesitz gewonnen werden, international weniger anerkannt sind, weil man nicht weiß, wie lange solche Objekte der Forschung zur Verfügung stehen.

In seinen jetzigen Ausstellungsraum wird das Skelett auf keinen Fall zurückkehren. Das Naturkundemuseum wird größer und über zehn Jahre vollkommen umgebaut. Tristan Otto ist auch darin ein wichtiger Baustein. Denn er ist, abgesehen von seiner Magnetwirkung auf Besucher, auch ein Botschafter für die Forschung und damit für die Zukunft des Naturkundemuseums.

Magische Wirkung

Das integrierte Forschungsmuseum hat große Pläne. In den kommenden zehn Jahren wird sich das Museum gemeinsam mit der Humboldt-Universität zu einem Campus für Natur und Gesellschaft entwickeln. Gerade hat die Berliner Zeitung die Baupläne vorgestellt. 660 Millionen Euro investieren Bund und Land in diesen Campus. Es entstehen neue Ausstellungsräume, in denen sowohl die Vielfalt als auch die Forschung an der Natur gezeigt werden sollen. Forschung erleben – das ist die Idee der Zukunft.

Offenbar hat Tristan Otto hohen Anteil daran, dass es zu diesem Vorhaben gekommen ist. „Wir haben die einmalige Gelegenheit, uns neu zu erfinden. Tristan hat uns in den letzten fünf Jahren ganz toll geholfen, und wir gehen davon aus, dass die Magie, die er auf Politik, Gesellschaft und Geldgeber ausübt, auch in Dänemark zum Tragen kommt“, sagt Vogel. Hohe Erwartungen an ein 66 Millionen Jahre altes Tier.

Zur Verabschiedung von Tristan Otto veranstaltet das Naturkundemuseum ein Abschiedswochenende mit vielen Aktionen rund um Saurier bei freiem Eintritt Sonnabend und Sonntag, 25. und 26. Januar, 10 bis 18 Uhr.