Brandenburg - Der Strand am Ufer des Fürstenseer Sees ist heute breiter als früher. Anwohner, die hier schon immer leben, können sich noch gut erinnern: Wo sich jetzt im Sommer Badegäste im Sand ausstrecken, stand man vor 30 Jahren schon mitten im See. Heute laufen sie bis zur Wasserkante ein Stück weiter als damals. Und vor mehr als 60 Jahren, kurz nach dem Krieg, war der See sogar noch größer. Die Uferlinie lag dort, wo heute ein Laubwald wächst.

Der Fürstenseer See im Osten des Müritz-Nationalparks steht für viele andere Gewässer in Nordostdeutschland, die in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Wasser verloren haben. „Wir beobachten seit den 1980er-Jahren einen generellen Rückgang der Seespiegel, der häufig mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht wird“, sagt Achim Brauer, Professor für Geowissenschaften am Geoforschungszentrum in Potsdam.

Um das Jahr 2008, als die öffentliche Diskussion um den Klimawandel zunahm, lasen er und seine Kollegen immer wieder Schlagzeilen wie: „Trocknen die Seen in Brandenburg aus?“ Sie beschlossen, das Phänomen zu untersuchen, und wählten vier Gewässer in Nordostdeutschland aus, die in den letzten 30 bis 40 Jahren kontinuierlich abgesunken waren: neben dem Fürstenseer See auch den Redernswalder See und den Giesenschlagsee in Brandenburg sowie den Tiefen See in Mecklenburg-Vorpommern. Überraschenderweise zeigte sich in den ersten Jahren der Beobachtung, dass die Pegel wieder schnell anstiegen – ein Trend, der mit der Dürre in diesem Jahr gestoppt sein dürfte.

Viel Regen im Mittelalter

Die Forscher wollten wissen: Hat es solche niedrigen Pegel auch schon zu anderen Zeiten gegeben? Wie weit kann ein Seespiegel sinken? Und welche Ursachen könnte das haben? Dafür analysierten sie historische Daten, aber auch Sedimente am Grund der Seen, die sich über die Zeit dort abgelagert und aufgeschichtet haben. Ähnlich wie an Jahresringen von Bäumen können sie aus diesen Sedimenten Informationen über die Klimahistorie und die Geschichte eines Sees ablesen.

Demnach hat es über die Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder Schwankungen gegeben. Im Mittelalter war der Wasserstand zum Beispiel deutlich höher als heute. Das könnte am damals vorherrschenden Klima gelegen haben. „Gerade im Mittelalter war es sehr feucht“, sagt Brauer. In extremem Ausmaß zum Beispiel im Sommer 1342. Damals setzte ein Starkregen ein, der einfach nicht mehr aufhören wollte.

Schriftliche Quellen, die bis heute erhalten sind, berichten über eine Jahrtausendflut, die weite Teile des heutigen Deutschlands verwüstete. Flüsse wie Main, Rhein, Donau und Elbe schwollen an und rissen Brücken mit sich. Das Ereignis ging unter dem Namen Magdalenenflut in die Geschichte ein. Die starken Niederschläge hinterließen tiefe Schluchten, die heute noch im Taunus zu sehen sind.

Trockenlegungen zur industriellen Revolution

Doch nicht nur das Klima hat Einfluss auf die Seen. Auch der Mensch mit seinem Wassermanagement könnte ein Grund für die hohen Pegel gewesen sein. Denn im Mittelalter war die ostdeutsche Landschaft voll von Wassermühlen. Allein im heutigen Gebiet von Brandenburg gab es Hunderte. Da das Mahlen von Getreide mühselig war, nutzte man die Wasserkraft. Sprichwörter wie „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ oder „Dem anderen das Wasser abgraben“ stammen aus dieser Zeit.

Mit der industriellen Revolution, insbesondere der Erfindung der Dampfmaschine um 1780, verschwanden die Wassermühlen wieder aus der Landschaft. In der folgenden Zeit waren die Menschen bestrebt, immer mehr Teile des Landes für die Landwirtschaft trockenzulegen. Durch Drainage – mit Rohren, Gräben oder anderen Entwässerungsanlagen – entzogen sie der Landschaft das Wasser.

Überreste von Baumstümpfen verraten die Wasserhöhe

Schließlich spielt auch die Vegetation um einen See herum eine wichtige Rolle. Wachsen zum Beispiel Pflanzen wie Raps oder Mais, die viel Wasser verbrauchen, in der Umgebung, wird weniger Grundwasser gebildet, das dem See dann fehlt. Der Mensch könnte die Seespiegel also in Zukunft auch gezielt beeinflussen, indem er bestimmte Bäume und Pflanzen anlegt. Die Zusammensetzung der Baumarten von Wäldern hat Auswirkungen auf die Menge des Wassers in den Seen.

Aber die Wissenschaftler konnten noch viel weiter in die Vergangenheit zurückschauen, als mitten im Giesenschlagsee unter Wasser Überreste sehr alter Baumstümpfe gefunden wurden. Mit Hilfe der Radiokohlenstoffanalyse wurden sie auf ein Alter von etwa 10.000 Jahren datiert. Ein Glücksfund, denn die Bäume wuchsen im frühen Holozän am Ufer des Sees. Das war der Beginn unserer jetzigen Warmzeit. Seitdem ist das Klima relativ stabil geblieben. Dem Standort der Baumstümpfe können die Forscher entnehmen, dass der See zu dieser Zeit vier bis fünf Meter niedriger gewesen sein muss als heute.

Der Dürre-Sommer und seine Auswirkungen auf die Seen

Untersuchungen am Fürstenseer See und am Tiefen See zeigten ähnliche Ergebnisse, die auf sehr niedrige Seespiegel im frühen Holozän hindeuten. „Schon bevor der Mensch Einfluss nehmen konnte, hat es also immer wieder Schwankungen gegeben, die zeigen, wie empfindlich unsere Seen auf äußere Einflüsse wie Klima und Vegetation reagieren“, sagt Brauer. Die gesammelten Erkenntnisse aus der Vergangenheit erlauben ihm eine Einschätzung, wie es in der Zukunft mit den Seen weitergehen könnte. „Wenn wir zurück in die Zeit schauen, können wir sehen, dass Seespiegel das Potenzial haben, noch wesentlich mehr zu sinken, als sie es jetzt gerade tun“, sagt Brauer. Schreitet die Klimaerwärmung fort, könnte es also noch deutlich stärkere Veränderungen geben, als sie derzeit beobachtet werden.

Bei wärmeren Temperaturen verdunstet mehr Wasser. Im vergangenen Dürre-Sommer, der Ostdeutschland ganz besonders hart traf, konnte man sehen, was passiert, wenn es dann monatelang kaum regnet. Der Sauerstoffgehalt in den Seen sinkt. Eine Gefahr für die darin lebenden Tiere und Pflanzen. In manchen Seen starben viele Fische.

Biber und Blaualgen

An einigen Orten vermehrten sich Cyanobakterien, auch Blaualgen genannt, die bei Menschen die Schleimhaut reizen und Ausschlag verursachen können. Baden wollte man dort nicht mehr.

Einfluss auf den Wasserstand eines Sees können aber auch Biber nehmen. Um ihren Bau vor Feinden zu schützen, errichten sie mit Stämmen, Ästen und Pflanzen Dämme. Diese stauen das Wasser so auf, dass der Eingang zu ihrer Behausung unter Wasser liegt. Die Folgen dieser Baukunst konnte man vor kurzem im Berliner Tiergarten beobachten. Mehrere Dämme, von zwei Biberfamilien angelegt, führten dazu, dass im westlichen Bereich rund um den Neuen See die Wasserstände höher waren, östlich der Hofjägerallee dagegen niedriger.