Sieht schon ziemlich fertig aus: die Empfangshalle in Terminal T1 des Flughafens BER.
Foto: dpa/Patrick Pleul

BerlinEs sah so aus, als ob das Flughafenprojekt BER nach pannenreichen Jahren auf der Zielgerade sei. Doch nun ist überraschend ein weiteres Problem aufgetaucht. Nachdem in ihren Reihen Corona-Verdachtsfälle entdeckt worden seien, hat ein Großteil der Sachverständigen des TÜV Rheinland am Dienstag die Baustelle in Schönefeld verlassen. Das sagte Wolfram Stahl, Sprecher des Unternehmens in Berlin. Er betonte, dass dies die für den 31. Oktober 2020 geplante Eröffnung des neuen Flughafens nicht gefährde. Entsprechende Spekulationen würden "jeder Grundlage" entbehren. "Es geht keine Zeit verloren", betonte Stahl.  

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"Die Zeitschiene, die vereinbart wurde, ist nicht in Frage gestellt. Sie sehen einen optimistischen Geschäftsführer vor sich", bekräftigte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup am Donnerstagabend nach der Sitzung des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft FBB. "Wir müssen all jene enttäuschen, die über eine Absage der Eröffnung im Oktober 2020 spekulieren", sagte Rainer Bretschneider, der Vorsitzende des Gremiums.

"Derzeit sind Kollegen aus unserem Team in vorsorglicher, häuslicher Quarantäne", erklärte TÜV-Sprecher Stahl. "Sie gehen dort den notwendigen Tätigkeiten nach, die sich im Homeoffice erledigen lassen, beispielsweise Dokumentationen oder Berichterstellung. Aktuell entsteht dadurch kein Zeitverzug für unsere Tätigkeiten am BER.“ Auch Mitarbeiter der Flughafengesellschaft, die mit den Sachverständigen im Terminal arbeiten, sind nun von zuhause aus tätig, sagte Lütke Daldrup.

Dem Vernehmen nach sind normalerweise acht Sachverständige für den TÜV auf der Baustelle tätig. Ein Prüfer ist offenbar erkrankt, weitere fünf sind nun im Homeoffice. Zwei Sachverständige arbeiten dagegen weiterhin im Terminal, weil sie mit dem Erkrankten keinen Kontakt hatte, hieß es.

Das Magazin "Business Insider" und der Tagesspiegel hatten am Donnerstagnachmittag über den Abzug der TÜV-Prüfer von der Baustelle berichtet. Laut "Business Insider" hätten Sachverständige zudem signalisiert, dass die ausstehende "Bescheinigung der Prüfsachverständigen über die ordnungsmäßige Beschaffenheit und Betriebssicherheit der technischen Anlagen und Einrichtungsbescheinigung" nach Paragraf 76 der Brandenburgischen Bauordnung nicht im erforderlichen Zeitrahmen ausgestellt werden könne. Wesentliche Mängel seien die Ursache.

Sachverständige arbeiten im Homeoffice

Der Flughafenchef widersprach der Darstellung. "Der TÜV Rheinland hat uns so etwas nicht signalisiert", sagte Lütke Daldrup. Es bleibe dabe, dass die Prüfung der Kabeltrassen, an denen zahlreiche Mängel beseitigt werden mussten, im März 2020 abgeschlossen wird. Im April 2o20 soll die Dokumentation vorliegen, so dass einer Nutzungsfreigabe des BER im selben Monat nichts entgegensteht. Damit könne der Probebetrieb wie geplant beginnen. Wie berichtet soll es Ende April 2020 einer ersten Übung mit Komparsen geben. Im Juni 2020 werden die Probeläufe im Terminal T1 intensiviert. 

 Allerdings debattierte der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft am Donnerstag auch darüber, wie der Probebetrieb im Zeichen von Corona ablaufen kann. Wie berichtet ist die Rechtsverordnung, in der das Land Brandenburg Zusammenkünfte mit mehr als 50 Menschen verbietet, bis 19. April befristet worden. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass eine Verlängerung erforderlich wird.

Derzeit werde an einem Konzept gearbeitet, wie die Generalprobe im Zeichen von Corona aussehen könnte, sagte Lütke Daldrup. "Vielleicht wird die Anzahl der Testpersonen verringert", berichtete er. Denkbar sei auch, dass ein Teil der Probeläufe virtuell auf den Computern der Gebäudeleitzentrale stattfindet. Auf jeden Fall sei damit zu rechnen, dass im Herbst 2020 zur geplanten Flughafeneröffnung weniger Verkehr stattfinden wird als erwartet. Das werde die Inbetriebnahme des BER erleichtern, so der FBB-Chef.

Die Coronakrise beträfe die Berliner Flughäfen schon jetzt, berichtete er. Er bestätigte, dass die Zahl der Passagiere in Tegel und Schönefeld auf ein Viertel gesunken sei. Ein weiterer Rückgang werde erwartet. Beide Flughäfen blieben aber offen, weil sie gebraucht werden, so Lütke Daldrup. Der Frachtverkehr steige deutlich an. 

Kurzarbeit und Gehaltsverzicht bei der FBB

In Aufsichtsratskreisen hieß es, dass die Flughafengesellschaft demnächst Kurzarbeit für ihre Beschäftigten beantragen werde. Als Zeichen der Verbundenheit wollen der Flughafenchef und das übrige Management auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, hieß es. Dazu passte offenbar nicht, dass die Kandidatin für die Nachfolge der Finanz-Geschäftsführerin Heike Fölster, die Ende 2019 zur Bahn gewechselt war, bisher an ihrer relativ hohen Gehaltsforderung festhält. Eine Entscheidung, ob die Bewerberin den Posten der Finanzchefin übernimmt, wurde am Donnerstag nicht getroffen.

Dafür wurde der Posten des Arbeitsdirektors besetzt, den der jetzige Inhaber Manfred Bobke-von Camen aus Altersgründen verlässt. Michael Halberstadt wurde einstimmig zum neuen Personalchef gekürt. Er ist seit 2016 Personal-Geschäftsführer der Leipziger Verkehrsbetriebe, zuvor war er in der Bundesverwaltung der Gewerkschaft Verdi im Bereich Telekommunikation als Leiter der Tarifpolitik tätig. Er bezieht dasselbe Gehalt wie sein Vorgänger.

Der Vertrag mit Engelbert Lütke Daldrup, der im März 2021 endet, wurde um ein Jahr verlängert. Das Gehalt für den Vorsitzenden der FBB-Geschäftsführung bleibt unverändert, hieß es.