Berlin - Immerhin erinnert er sich an ihren Namen. Anders als jener „angenehme Herr“ aus Brüssel, den Donald Trump für Jean-Claude Juncker hielt, obwohl es höchstwahrscheinlich Donald Tusk war,  ist Angela Merkel dem künftigen US-Präsidenten ein Begriff. Die Kanzlerin sei „mit Abstand einer der wichtigsten Regierungschefs“ in Europa, hat Trump gesagt. Das  ist ein merkwürdig gebrochener Superlativ. Er passt zu der Leerformel „Ich mag sie, aber ich kenne sie eben nicht“, die der mächtigste Mann der Welt an anderer Stelle bemüht.

Wenn an diesem Freitag in Washington der 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, dann herrscht in Berlin wie in vielen anderen Hauptstädten vor allem Ratlosigkeit. Der neue Mann im Weißen Haus hat einiges über seinen narzisstischen Charakter, seine Neigung zur provokanten Zuspitzung und seine bisweilen aufreizende Unwissenheit preisgegeben. Die Grundzüge seiner Politik jedoch liegen weitgehend im Dunkeln.

Trump stellt Merkel auf eine Stufe mit Putin

Viel spricht dafür, dass sich daran auch nach der rund 20-minütigen Antrittsrede nicht viel ändert. In deren Mittelpunkt dürften die amerikanische Innen- und Wirtschaftspolitik stehen. Ein kohärentes Konzept für die Rolle der USA in der Welt wird man kaum erwarten können von dem Mann, der am liebsten („bing, bing, bing“) über Twitter kommuniziert und keine schriftlichen Vorlagen mag, die länger als eine Seite sind.

In der Vor-Twitter-Zeit hätte ein Politiker, der so extrem polarisiert wie Trump, die Wochen zwischen seiner Wahl und dem Amtsantritt genutzt, um die Wogen zu glätten. Trump hat seit November das Gegenteil gemacht.  Statt zu versöhnen, hat er weiter gespalten: Er pöbelte gegen ausländische Konzerne. Er attackierte die Medien. Und zuletzt lieferte er sich noch eine Fehde mit dem schwarzen Bürgerrechts-Vorkämpfer und Kongressabgeordneten John Lewis. Mit der Bild-Zeitung empfing Trump zwar eine ausländische Zeitung, doch die Botschaft an die deutschen Leser war vor allem, dass die Kanzlerin für Trump auf einer Stufe mit dem russischen Autokraten Putin steht.

Neustart der internationalen Beziehungen

Trumps Amtsantritt markiert den tiefsten Einschnitt in den transatlantischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Westen als Wertegemeinschaft existiert nicht mehr. „America First“, lautet die oberste Devise des neues Präsidenten, der sein Land mit Zäunen und Zollmauern abschirmen will. Für internationale Organisationen hat Trump kein Verständnis. Der milliardenschwere Immobilien-Mogul preist sich selbst als „Deal-Maker“, als Geschäftemacher.

Er will die USA wie ein Unternehmen führen. Jeder kann sich um einen Job oder einen Auftrag bewerben. Aber entschieden wird nach nüchternen Kosten-Nutzen-Aspekten. Geschichtliche Wurzeln, gemeinsame Prinzipien und Ideale oder auch Verträge spielen keine Rolle: Die Nato? „Obsolet“. Die Europäische Union? „Ein Mittel zum Zweck für Deutschland“. Er wolle einen Neustart der internationalen Beziehungen, hat Trump gerade erklärt. Alles auf Null also.

Mit wem soll man in Washington zukünftig reden?

Setzt Trump die radikale Entideologisierung und Ökonomisierung der amerikanischen Außenpolitik tatsächlich um, wird das weitreichende Folgen für Europa haben. Die baltischen Staaten müssen den Verlust ihres Schutzschilds befürchten, den deutschen Autobauern drohen Strafzölle, der alte Kontinent muss politisch enger zusammenrücken und mehr Verantwortung übernehmen – und das in einer Zeit, in der er selber von Fliehkräften geschwächt wird. Gleichzeitig stößt Trumps autoritärer Populismus auch in Deutschland auf überraschende Sympathien. Ausgerechnet die radikale Linke und die radikale Rechte, bei denen bislang der Anti-Amerikanismus tief verwurzelt war, loben plötzlich den neuen US-Präsidenten wegen seiner Putin-Nähe, seines Protektionismus, seiner Investitionspläne und seiner Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik. Eine gespenstische Allianz. 

Bisweilen  ist völlig unklar, wie viel von Trumps Ankündigungen umgesetzt wird. Die Zusammenstellung des Regierungsapparats kommt zwar voran, aber die designierten Minister äußern sich teilweise anders als der Präsident. Wer will, mag daraus Hoffnung schöpfen. Tatsächlich aber verstärkt der chaotische Amtswechsel das beunruhigende Gefühl der globalen Unsicherheit. „Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?“, fragte einst US-Außenminister Henry Kissinger. Zu Beginn von Trumps Präsidentschaft stellt sich die Frage ganz neu: Wen soll man künftig in Washington anrufen, wenn es um die Zukunft der Weltordnung geht?