Klein, aber etwas ganz besonderes: Der Flughafen Tegel im Bordwesten der Stadt.
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BerlinEine Flieger-Ära geht demnächst zu Ende. In vier Wochen, am 8. November 2020, schließt der Flughafen Berlin-Tegel endgültig seine Türen. Bis dahin bleibt die Dachterrasse des Flughafens geöffnet und ermöglicht zum letzten Mal hautnahe Kerosin-Erlebnisse. Erlebnisse, wie sie die beiden Autorinnen Julia und Evelyn Csabai in ihrem Buch „Allerletzer Aufruf Tegel“  gesammelt haben. Die skurrilsten und schönsten Tegel-Momente aus über 20 Jahren Arbeit im Sechseck haben die beiden zusammengetragen und setzen so dem Dinosaurier unter den Flugplätzen, seinen Mitarbeitern und seinen Passagieren ein Denkmal.

Einer dieser Millionen von Passagieren, die von Tegel in die Welt flogen, oder in Berlin landeten, blieb den Schwestern besonders in Erinnerung: „Auf dem Gang stolperte ich fast über einen am Boden schlafenden Mann. Nichts Seltenes.“ Ständig sei man ja in Tegel auf Obdachlose gestoßen. „Doch noch nie hatte ich einen Schlafenden vor einem Ankunft-Gate mitten im Durcheinander der Wartenden gesehen. Er lag auf dem Bauch und schlief tief und fest.“ Es muss ein bezaubernder Moment gewesen sein, als eine junge Frau aus dem Gate kommt, ihre Tasche ablegt und anfängt, den Schlafenden sanft zu streicheln und wach zu küssen. Leise flüstert sie ihm zu: „Ich bin gelandet.“ Lächelnd öffnet er die Augen, sie umarmen sich und gehen davon. Liebende in Berlin. Überhaupt, die Liebe. Aus jeder Zeile des überarbeiteten und neu aufgelegten Buches spricht die Liebe der Autorinnen zu einem sehr besonderen Arbeitsplatz. Eine große Familie sei die Belegschaft hier gewesen.

Otto-Lilienthal-Flughafen in Berlin-Tegel. Das Sechseck hielt durch, auch als die Passagierzahlen stiegen und der BER einfach nicht fertig werden wollte.
Foto: imago images/Günter Schneider

Und wie in jeder guten Familie werden die besten Geschichten über Generationen weiter erzählt. Geschichten über Liegengelassenes und Vergessenes etwa. Der skurrilste Fund? Conny, eine Mitarbeiterin, die 30 Jahre lang bei Lost and Found in Tegel arbeitete, überlegt: Ein Herr mit einem Holzbein hatte einmal sein Bein an Bord vergessen. Doch noch irrwitziger scheint in der Rückschau eine Episode mit einer jungen Frau, die gerade aus London gelandet war. Am Gepäckband fiel es ihr siedend heiß ein: „O Gott, o Gott“,  schrie sie und wollte sofort zurück in den Flieger. Doch die Sicherheitsmänner blieben hart, bis sie bekannte: „Aber mein Baby, ich habe mein Baby im Flugzeug vergessen!“

Die Autorinnen Julia und Evelyn Csabai arbeiteten über 20 Jahre als Fluggastbefragerinnen am Flughafen Tegel. 
Foto: Daniela Eger / be.bra Verlag

Die Schwestern erinnern sich an die Hochzeit der Fluggesellschaft Pan-Am, als Tegel ein flirrender Umschlagplatz der jungen Fliegerfamilie war, in der jeder jeden kannte. Mit einem Blankoticket eroberten sich die Mitarbeiter von Tegel aus die ganze Welt. Die Homebase in Berlin versorgte die feierwütigen Stewards und Stewardessen mit Drinks, auch auf der Tegeler Polizeiwache sollen die Beamten einen ganzen Schrank voll Bier und Schnaps gehabt haben. Stets Freund und Helfer.

Auch beim Zoll haben die Männer und Frauen in den vergangenen Jahrzehnten so einiges erlebt. Sie erinnern sich etwa an den unauffälligen Herren im Anzug, der freudig eine Frau mit beachtlicher Oberweite begrüßte, und einen Koffer voller geschmuggelter Viagra-Pillen bei sich trug. „Für den Eigenbedarf“, argumentierte er schlaff. Der Vorrat hätte für 200 Jahre gereicht, rechneten ihm die Zöllner aus. Apropos Oberweite: Eine Dame ließ tatsächlich einmal kurz vor dem Start ängstlich im Cockpit fragen, ob ihre frisch operierten Brüste hoch in der Luft platzen könnten. Der wiehernde Kapitän kam persönlich an den Platz der Dame, um sie zu beruhigen.

Von Wolfgang Joops Dalmatinern, die bei Air Berlin immer als Passagiere in der Kabine mitfliegen durften, über liebeswerte Dauerbewohner des Flughafens bis zu ekeligen Funden in Koffern spannen die Csabai-Schwestern einen unterhaltsamen Bogen. Aber auch an tragische Ereignisse erinnern sie. An versuchte Flugzeugentführungen, einen Unfall, bei dem ein Auto in den TUI Schalter raste und eine Mitarbeiterin tödlich verletzte. An die Kofferflut vom Winter 2010, bei der Flughafenmitarbeiter einen Monat damit beschäftigt waren, die Gepäckstücke wieder ihren Besitzern zuzuordnen.

Geschichten zum Flughafen Tegel. Erschienen im be.bra-verlag, 14 Euro.

„Mit der Schließung des Flughafens Tegel geht ein großes Stück Stadtgeschichte zu Ende“, sagt Engelbert Lütke Daldrup, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. Auf dem eigentlich längst zu klein gewordenen Flughafen seien bis zuletzt deutlich mehr Passagiere abgefertigt worden, als man für möglich gehalten hat – 24 Millionen Passagiere 2019. „Tegel am Laufen zu halten, war eine wichtige Bedingung, um den BER fertig bauen zu können. Tegel hat Berlin einen großen Dienst erwiesen.“ Jetzt gilt es, den betagten Flughafen gebührend in den Ruhestand zu verabschieden.

Den ersten Linienflug nach Tegel absolvierte die französische Fluggesellschaft Air France. Am 2. Januar 1960 landete eine Lockheed Super Constellation am neuen Flughafen. Mehr als sechzig Jahre später wird um 15 Uhr wieder eine Maschine der Air France als letzte am Flughafen Berlin-Tegel in Richtung Paris-Charles-de-Gaulle abheben.