Berlin - So viel Pragmatismus hätte man einer seriösen Einrichtung wie der Technischen Universität Berlin fast nicht zugetraut. Am 9. April 1946 wurde die TU gegründet. Weil jedoch der 9. April in diesem Jahr auf einen (ohnehin vorlesungsfreien) Sonnabend und außerdem noch in die Semesterferien fiel, feiert man nach – wenn ein großer Teil der rund 33.000 Studierenden wieder da ist. An diesem Montag, pünktlich zum Start des Sommersemesters, wird mit einem Festakt der 70. Jahrestag begangen.

Brigitte und Fritz Ehrhardt werden nicht mitfeiern – obwohl sie eine Einladung erhalten haben. Dabei haben sie über die Anfangsjahre eine Menge zu erzählen. Fritz Ehrhardt schrieb sich 1947 in der neuen Universität in Charlottenburg am Knie ein, wie der heutige Ernst-Reuter-Platz damals noch hieß. Er ist ein Student der (fast) allerersten Stunde, seine spätere Frau Brigitte kam 1950 dazu.

Bei seiner Immatrikulation war Fritz Ehrhardt gerade 20 Jahre alt. In den letzten Kriegstagen hatte er als Soldat einen Kopfschuss glücklich überlebt. Jetzt wollte er – wie Brigitte später – Chemie studieren. „Doch vorher musste ich arbeiten“, erzählt Fritz Ehrhardt, „200 Stunden musste jeder Student ableisten. Schutt räumen zum Beispiel.“ Berlin lag in Trümmern, das Hauptgebäude an der heutigen Straße des 17. Juni war eine Ruine.

Düstere Vergangenheit

Die Historikerin Carina Baganz hat die Geschichte der TU erforscht. Sie ist auf einen Bittbrief des damaligen Rektors an die Bezirksverwaltung Tiergarten gestoßen. Die Behörde verfügte über den gleichnamigen Park, ein Brennstofflager allererster Güte. In dem Schreiben bat der Rektor um die Erlaubnis, „aus dem benachbarten Teil des Tiergarten eine größere Menge Holz (etwa bis 40 zerschossene Bäume) entnehmen zu dürfen“. In einem anderen Brief wird von einem befreundeten Fabrikanten Trockenhefe erbettelt.

Naheliegenderweise litten in Zeiten allgemeiner Knappheit jene Institutionen besonders Not, die nichts Essbares und nichts, was man dagegen eintauschen konnte, produzierten. Die Tatsache, dass das in Ost-Berlin gelegene Hochschulkommissariat 400 Eisenbahnwagen mit Einrichtungen ost- und mitteldeutscher Unis in die Sowjetunion schickte, lässt erahnen, dass auch die Forschungs- und Lehrbedingungen prekär waren. „Studieren bedeutete in diesen Jahren organisieren“, sagt Carina Baganz.

Fritz Ehrhardt ist heute 88, Brigitte Ehrhardt 85 Jahre alt. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen, sie benutzt einen Rollator. Ihr Haus in Frohnau verlassen sie kaum mehr. Der Festakt der Uni? „Ach nein“, sagt Brigitte Ehrhardt. Ihnen falle alles mittlerweile schwer, erzählt sie und berichtet von beider Wortfindungsschwierigkeiten. „Aber es ist komisch: Die chemischen Formeln von damals, die wissen wir beide noch perfekt.“

Um Themen wie Arbeitseinsatz, Holzaktion oder Hunger wird es beim Festakt zum 70. Geburtstag der TU am Montag weniger gehen. Dafür will dabei die Kuratoriumsvorsitzende Rita Süssmuth darüber sprechen, dass die humanistische Bildung an einer technischen Universität „heute unverzichtbarer denn je“ ist.

Ähnliches trieb bereits die Gründer vor sieben Jahrzehnten um. Insbesondere die Briten, in deren Machtbereich die neue Universität lag, sprachen von einer „Beseelung“ durch Geisteswissenschaftler. Zwar sollte es nach Gründung noch vier Jahren dauern, ehe die Humanistische Fakultät an den Start ging (siehe Chronik), die Pläne lagen aber von Anfang an auf dem Tisch.

Zu düster waren die Hinterlassenschaften der Vorgänger-Institution, der Technischen Hochschule (TH). Diese war, wie so viele deutsche Schulen und Unis, schon vor Machtübernahme der Nationalsozialisten tief braun gefärbt. Forscherin Carina Baganz hat das Schicksal 107 vertriebener oder entlassener jüdischer oder politisch missliebiger Professoren oder anderer Hochschul-Lehrer der TH recherchiert – übrigens kehrten nur sechs nach der Neugründung zurück.

NS-Waffenforschungsschmiede

Vor allem aber die Geschichte der Wehrtechnischen Fakultät der TH war eine schwere Hypothek für einen demokratischen und vor allem friedlichen Neuanfang unter alliierter Aufsicht. Die Wehrtechnische Fakultät war von Anfang an eine NS-Waffenforschungsschmiede gewesen. Viele Arbeiten waren geheim und galten als so brisant, dass Titel von Protokollen oder Dissertationen gefälscht wurden. Motto: Achtung, Feind liest (und lernt) mit!

Die Wehrtechnische Fakultät gehörte zu den größenwahnsinnigen Plänen für die zu bauende Reichshauptstadt Germania: Am Teufelssee im Grunewald entstand das Hauptgebäude, am 28. November 1937 legte Hitler den Grundstein. Die Pläne von Germania-Architekt Albert Speer sahen zudem links und rechts der Heerstraße eine Hochschulstadt gigantischen Ausmaßes vor.

Doch schon die Wehrtechnik im Wald geriet so teuer, dass außer einem Rohbau nichts mehr kam. Und selbst dort hat angeblich bis zum Kriegsende keine einzige Lehrveranstaltung stattgefunden. Nach dem Krieg wurde das Monstrum abgerissen. Seine Fundamente dienten als Basis für die Aufschüttung des aus Trümmern bestehenden Teufelsberges.

Platz vier in Deutschland

Und heute? Steht die TU im Wettbewerb um die besten Köpfe unter den Professoren und Studierenden weltweit. Dabei verfügt die TU zwar über besonders geförderte sogenannte Exzellenz-Cluster, gehört aber – anders als die Humboldt- und die Freie Universität – nicht zu den elf Exzellenzuniversitäten Deutschlands.

Und auch bei den Rankings auf der Suche nach der vermeintlich besten Uni der Welt/Europas/Deutschlands kommt es immer darauf an, wen man wonach fragt. Im aktuellen britischen QS Top-Universities Ranking belegt die TU Berlin den 178. Rang weltweit, unter den großen technischen Universitäten Deutschlands wird sie an Platz vier geführt. Dass da noch mehr geht, beweist der Stifterverband Deutschland: Er führt die TU deutschlandweit auf Platz 1 bei der Gründungsunterstützung.