Tucholskygarten an der Torstraße: Streit um grüne Brache in Berlin-Mitte hat ein Ende

Berlin - Susanne Gerber kommt seit vielen Jahren täglich an ihr vorbei, über die Jahre war sie ihr ans Herz gewachsen: Eine Brache, ein wenig verwildert, von der Straße aus kaum einsehbar, und das inmitten einer Stadt, die von Verdichtung spricht und Bauland teuer verkauft, begeisterte die Künstlerin, die auch an der UdK lehrt. Manchmal kam sie einfach her, um in den Himmel zu schauen und das Stück Grün an der lauten, ständig befahrenen Torstraße zu genießen. Ein bisschen Urlaub von der Großstadt; Gerber wohnt nicht weit entfernt, sie hat einen kleinen Balkon zur Straße, mit ein paar Grünpflanzen, über mehr Garten verfügt die 67-Jährige nicht.

Die Brache hatte es ihr angetan, zumal die Künstlerin zu diesem Thema 2010 einen Beitrag bei der Architekturbiennale in Venedig veröffentlicht hat. „Das war immer ein bisschen mein Vorgarten, ich habe da oft einfach nur gesessen“, sagt Gerber, die im Spätsommer mit einer Nachbarin auf die Idee kam, dass es doch ganz nett wäre, auf der Brache zu gärtnern. Nichts Großes, ein paar Kräuter, ein paar Beete, ein bisschen Landlust zwischen all den Straßen und dem Beton. Die Initiative Tucholskygarten war geboren, bei Zusammenkünften im nahen Sozialtreff Volkssolidarität fanden sich Nachbarn und Mitstreiter, die offenbar ebenfalls Gefallen an der Idee fanden. Berlin sei doch so eine fremde Stadt geworden, ein Stück Garten, das wär’s!

Falsche Auskunft

Man traf sich zur Begehung, eine kleine Gruppe begann mit ersten Gärtnerarbeiten, ein paar Brombeeren wurden gepflückt und ein paar Hochbeete angelegt, eine Schulklasse wollte auf mitgebrachten Paletten etwas pflanzen, so Gerber. Eine schöne Sache sei das gewesen, und trotzdem wäre sich die Initiative immer darüber bewusst gewesen, dass das Projekt in dem Moment hinfällig wäre, in dem ein Eigentümer der Brache auf den Plan träte. Was auch passierte. Doch schon vorher hatte sich die Gruppe um Susanne Gerber kundig gemacht und glaubte sich auf der sicheren Seite. „Das Katasteramt gab uns die Info, dass das Gelände der Bahn gehöre“, so Gerber. Eine Architektin aus der Gruppe erzählte von einem Freund bei der Bahn, der könne Einzelheiten in Erfahrung bringen, was dieser tat: Das Gelände gehöre der Bahn. Es hätte zwar einen Kaufinteressenten gegeben, den Künstler Thomas Demand, doch veräußert worden sei die Brache nicht. Zu sensibel, hieß es, man könne dort nichts bauen.

Dass dies ein Irrtum war, erfuhr die Initiatorin an einem Sonntag im September, als Gerber auf eine Dame traf, die sich als Assistentin von Thomas Demand vorstellte. „Ich wurde recht barsch nach meinen Personalien gefragt von dieser Dame“, so Susanne Gerber. Bei der Dame handelt es sich um Kristin Kuhn, Assistentin von Thomas Demand, die von einem Nachbarn des Geländes über die Gruppe informiert wurde.

Kuhns Version klingt anders: „Ich habe Frau Gerber gefragt, ob sie die Ansprechpartnerin der Initiative sei und sie dann nach ihrem Namen gefragt. Ich muss ja mit jemandem reden können. Frau Gerber war vehement in ihrem Auftreten. Sie behauptete immer wieder, das Gelände gehöre der Bahn, was nicht stimmt, das Gelände gehört Herrn Demand. Wir haben es einzäunen lassen, denn die Bauarbeiten darauf sollen demnächst beginnen, und wenn die Initiative sich richtig informiert hätte, wäre uns allen doch dieser Ärger erspart geblieben“.

Bahn hat keinen Anteil

Womit Kuhn offenbar recht hat, denn auch Thomas Demands Anwälte verweisen auf einen gültigen Auflassungsvermerk, die den Künstler, der in Berlin und Los Angeles lebt, als rechtmäßigen Besitzer des Flurstücks 553 und zu Teilen des Flurstücks 526 ausweist. „Ich weiß nicht, woher die Initiative Tucholskygarten die Information hat, dass das Gelände der Bahn gehört oder gehört hat, die Flurstücke gehörten dem Liegenschaftsfonds Berlin“, so Klaus Tim Bröcker, Anwalt von Thomas Demand.

Die Initiative jedenfalls hat sich damit abgefunden und will neue Brachen auskundschaften, um Berlin ein wenig davon abzutrotzen, von dem die Stadt früher mehr als genug hatte: Freiraum für charmante Ideen. Doch der Künstler war offenbar schneller damit: Er will ein Atelierhaus auf der Brache errichten.