Schaut man sich die beispiellos großartige Solidaritätskampagne für den Journalisten Deniz Yücel an, der in der Türkei in Untersuchungshaft sitzt, könnte man zu der Auffassung gelangen, in Deutschland brauche man sich um die Demokratie und das gute Verhältnis zwischen Deutschen und Türken keine Sorgen machen. Von links bis rechts haben die Zeitungen große Anzeigen gedruckt. Künstler, Politiker, Intellektuelle aller Nationalitäten unterschrieben den Aufruf. Die Kanzlerin nutzte den politischen Aschermittwoch, um von der Türkei die sofortige Freilassung von Yücel zu fordern. Alle sind „Deniz“.

Wer in den letzten Monaten aufmerksam durch Berlin ging – und das trifft wahrscheinlich auf Frankfurt, Bochum oder Stuttgart genauso zu – der weiß: Dies ist ein kleiner Teil der deutsch-türkischen Realität, und es sind längst nicht alle hier lebenden Türken mit oder ohne Doppelpass, die die Lage so sehen, wie die wunderbare Shermin Langhoff, die in dieser Zeitung ein Plädoyer für die Freiheit geschrieben hat. Die Realität hat noch ganz andere Facetten. Spätestens seit dem Putschversuch im vergangenen Jahr musste dem Letzten klar werden, dass der Konflikt innerhalb der Türkei auch unter den türkischstämmigen Deutschen ausgetragen wird. Es ist kein Kulturkampf. Da geht es nicht um Religion oder Brauchtum. Hier geht es um Politik. Als im September 2015 die kurdische HDP, in der Türkei verfolgte Oppositionspartei, in Kreuzberg für die Freilassung der verhafteten Abgeordneten in Ankara demonstrierte, wurden die Aktivisten massiv beschimpft und bedroht. Nach dem Putsch in der Türkei gingen in Berlin 3 000 für Erdogan auf die Straße.

Die Türkei trägt ihren politischen Kampf bewusst nach Deutschland. Erdogan hat 2010 bei seinem spektakulären Auftritt in Köln noch gesagt, er wolle, dass sich die Türken integrieren, sie sollten sich aber nicht assimilieren. Dem konnte man noch skeptisch zustimmen. Türken mit Tirolerhüten, Schweinshaxen essend findet man in Deutschland richtigerweise nicht einmal mehr in der Karikatur.

Aber darum geht es nicht. Es geht darum, den demokratischen Konsens in Deutschland zu stören. Inzwischen muss man fürchten, dass die Integration in politischer Hinsicht misslungen ist. Bei einer Demonstration für Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch im vergangenen Jahr hörte  ich eine Frau mit wutverzerrtem Gesicht in Richtung einer Fernsehkamera brüllen: „Wir sind nicht eure Kümmeltürken“. Es war eine Frau in Jeans mit offenem Haar. Das Wort Kümmeltürken hatte ich zuletzt in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gehört.

Es geht also rückwärts. Erdogan schickte erst den türkischen Staatspräsidenten, jetzt seine Minister nach Deutschland, um für das Referendum zur Abschaffung der Demokratie zu werben. Er will die türkischstämmigen Deutschen in die Loyalität zwingen. Als hierzulande die doppelte Staatsbürgerschaft möglich wurde, hatten wir die Vorstellung, dass nicht Deutschsein oder Türkischsein unser Zusammenleben bestimmt, sondern der Wunsch, in einer Demokratie zu leben. Wir müssen jetzt damit rechnen, dass auch Deutsche mit Doppelpass die Türkei in eine Diktatur stimmen. Das wäre dann das Gegenteil dessen, was wir gewollt haben.