Der Riss geht durch den kleinen Spätkauf, der an der Oranienstraße im Norden von Kreuzberg liegt, er verläuft zwischen Kaugummis und Schokoladenriegeln. Auf der einen Seite steht Inhaber Ramazan Ilitli, 30 Jahre, mit kurzem Bart und Zigarette in der Hand, auf der anderen sitzen seine Angestellten Dilara und Nesrin, die ihre Nachnamen nicht nennen wollen.

„Erdogan hat gewonnen, leider“, sagt Nesrin, „wir würden ihn nicht wählen. Das ist doch nicht normal, dass man seine Meinung nicht sagen darf, dass man dann ins Gefängnis kommt.“ Dilara neben ihr zuckt die Schultern und sagt: „Ich denke, er hat die Wahlen gestohlen. Dieses Ergebnis glaubt doch keiner.“

Da fährt Ilitli hoch und ruft: „Redet nicht! Informiert euch erst mal besser über unser Land!“ So geht das hin und her zwischen dem Inhaber und den Verkäuferinnen, und wenn man verstehen will, wie tief die Spaltung der Deutschtürken ist, hilft es, eine Zeit in dem Späti zu verbringen.

„Wo war die Türkei vor 15 Jahren? Und wo sind wir heute?“

2,8 Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland; mehr als 1,4 Millionen sind in der Türkei wahlberechtigt. Von denen, die ihre Stimme abgegeben haben, haben knapp 65 Prozent für Präsident Recep Tayyip Erdogan gestimmt, also noch deutlich mehr als in der Türkei selbst.

Ramazan Ilitli durfte nicht wählen, er hätte seine Stimme gern Erdogan gegeben. Wenn man ihn fragt, warum, geht es um neue Krankenhäuser und Schulen, um gut ausgebaute Straßen, es geht um den neuen Flughafen von Istanbul, der der größte der Welt werden soll, ein Prestigeprojekt man könnte auch sagen: Um Nationalstolz. „Es ist schön“, sagt er. „Wo war die Türkei vor 15 Jahren? Und wo sind wir heute?“

Dilara und Nesrin sehen das anders; beide sind Alevitinnen, Dilara noch dazu Kurdin; beides Gruppen, bei denen Erdogan wenig Rückhalt hat. Den jungen Frauen macht es Sorge zu sehen, dass sich der Konflikt aus der Türkei immer stärker bis nach Berlin fortsetzt. Dilara erzählt von ihrer Tante, die im Bus telefonierte und eine resignierte Bemerkung über Erdogan fallen ließ, da kam eine Frau auf sie zu und herrschte sie an: „Schämst du dich nicht?“ Sie sagt: „Gerade bei den jungen Leuten hier ist es Mode, für Erdogan zu sein. Die denken: Der will die Türkei krass machen. Ich denke, die werden das noch bereuen.“

Am Wahlabend, als sich Erdogans Triumph abzeichnete, gingen seine Anhänger in Berlin zum Feiern auf die Straße; sie schwenkten türkische Flaggen und AKP-Banner am Kurfürstendamm. Für Erol Özkaraca, Rechtsanwalt, ehemals SPD-Mitglied und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, ist das ein Zeichen dafür, dass ein großer Teil der Deutschtürken für die Demokratie verloren gegangen ist: „Die Integration ist gescheitert“, sagt er am Telefon, „die Leute sind mit dem Herzen und dem Geist in der Türkei.“

Özkaraca klingt niedergeschlagen; er will zunächst gar nicht reden, er habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Erdogans Wahlsieg bedrückt ihn, gerade die Zahlen aus Deutschland setzen ihm zu. „Die Leute glauben, dass er ihnen gibt, was sie hier nicht haben: Anerkennung.“

Wenn man sich in Kreuzberg umhört, winken viele Deutschtürken ab. Und die, die reden, wollen meist ihren Namen nicht nennen. „Es ist eine Katastrophe, was in der Türkei passiert“, seufzt ein Kurde, der sich in einem Café über ein Würfelspiel beugt; die Männer, die mit ihm am Tisch sitzen, haben für die kurdische Partei HDP gestimmt. „Erdogan spricht dem Volk aus der Seele. Meist geht es um Religion“, sagt er in den Rauch seiner Zigarette. „Wir haben befürchtet, dass er gewinnt. Aber wir dachten nicht, dass es so schlimm kommen würde.“

Eine nie endende Debatte

Gegenüber steht ein Gemüsehändler vor seiner Auslage, er sagt, er ist zufrieden mit dem Ergebnis, „besser geht es eigentlich nicht.“ Dann kommt seine Frau, die soll weiterreden, sagt er noch und verschwindet in seinem Laden. Aber seine Frau, eine Sozialarbeiterin, ist eher ratlos. Ja, sagt sie, wirtschaftlich habe Erdogan vieles bewirkt. „Aber die Demokratie fehlt.“ Wie sie es sich erklärt, dass ihn so viele Deutschtürken in Berlin gewählt haben? Sie lächelt dünn: „Weil sie dort nicht leben. Da ist es leicht, ihn positiv zu sehen.“

In der Nähe laufen zwei Frauen, sie tragen Kopftücher und bodenlange Mäntel. „Wir freuen uns“, sagt die Jüngere, sie ist 17 und hat gerade Abitur gemacht, „wir haben gefeiert.“ Auch sie nennen Krankenhäuser und Schulen, aber auch die Religion: „Andere Parteien sind dagegen, dass Frauen mit Kopftuch studieren“, sagt ihre Mutter, „unter Erdogan haben alle die gleichen Rechte.“

In dem Späti an der Oranienstraße geht der Streit noch weiter; das Wortgefecht heizt sich auf, dann schweigen die drei kurz. Am Ende sagt die junge Verkäuferin Nesrin: „Es ist traurig, was im Moment abgeht. Die Debatte hört nie auf.“