Auf den Transparenten, die die kaum 40 Eltern und Kinder am Freitagnachmittag vor dem Rathaus Tiergarten entrollen, steht „Muttersprache ist ein Grundrecht“. Meist aber heißt es dort: „Wir wollen Türkischunterricht zurück“. Mittendrin ist Bekir Yilmaz, der Vorsitzende der konservativen Gemeinde zu Berlin. Er hat die Demonstration angemeldet. Eigentlich für 200 Teilnehmer. Bald hält Yilmaz im strömenden Regen ein Megafon in der Hand und ruft, dass man jahrzehntelange Errungenschaften nicht einfach aufgeben dürfe. Gemeint ist der Konsulatsunterricht, an dem in Berlin mehr als 2300 türkischstämmige Schüler teilnehmen. Dort unterrichten aus der Türkei entsandte Lehrer Türkisch und Heimatkunde.

Die Senatsbildungsverwaltung hatte zuletzt „deutliche religiöse und nationalistische Inhalte“ in den Lehrplänen kritisiert. Und der Bezirk Mitte hat eine Mietforderung über 30.000 Euro im Jahr geltend gemacht, weil dieser Konsulatsunterricht in öffentlichen Schulgebäuden stattfindet. Dies aber lehnte die türkische Seite ab, dafür sei kein Geld im Etat eingeplant.

„Ich will, dass meine Kinder vernünftig Türkisch schreiben lernen“

Seither findet an den meisten Schulen in Mitte der in Berlin seit Jahrzehnten angebotene Konsularunterricht nicht mehr statt. „Und Kreuzberg und Neukölln wollen nun auch so verfahren“, sagt Yilmaz. Eine Mutter aus Wedding ist deshalb empört. „Ich will, dass meine Kinder vernünftig Türkisch schreiben lernen“, sagt sie. Das könnten doch viele türkischstämmige Berliner gar nicht mehr. Seine Wurzeln zu kennen sei auch eine Form von Bildung, sagt eine andere kopftuchtragende Frau.

Als Beobachterin gekommen ist SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic, einst als Jugendliche aus dem Bürgerkriegs-Jugoslawien nach Deutschland geflohen. Sie betont im spontanen Streitgespräch mit Yilmaz, dass Rot-Rot-Grün ja muttersprachliche Angebote auch auf Türkisch vorbereite, um der wachsenden Zahl der mehrsprachigen Berliner etwas zu bieten. Allerdings müssten geeignete Lehrer noch gefunden werden. Deshalb brauche es eine Übergangzeit, leider habe Mitte vorzeitig gehandelt.

Angemessenes Entgelt gefordert

Yilmaz indes erweckt erneut den Eindruck, dass die Mietforderung des Bezirks etwas mit den verschlecherten Beziehungen Deutschlands zur Türkei zu tun habe – also das zunehmend autoritäre Regime des türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan eine Rolle spiele. Doch das weist Mittes Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU) zurück.

„Bereits vor zwei Jahren hatte das Bezirksamt beschlossen, künftig nicht mehr ausnahmsweise auf die Erhebung eines Entgeltes für die Nutzung der Räume zu verzichten“, teilte er mit. Vielmehr würde wie von anderen Nutzern auch nun ein angemessenes Entgelt gefordert. Darüber sei das Konsulat bereits im November 2015 informiert worden. Spallek: „Die Diskussion begann also bereits vor dem Putschversuch in der Türkei.“

Türkei soll die Lehrpläne überarbeiten

Inzwischen hat Deutschland auch die Zuschüsse an Ditib, den Verband der türkischen Moscheevereine, erheblich reduziert. Und der Konsularunterricht insgesamt ist in der Kritik. Jahrelang hatte es keine Unterrichtsbesuche durch die Schulaufsicht gegeben, nun aber fordert der Senat den türkischen Staat heraus. „Im Frühjahr haben wir uns sehr intensiv mit dem Lehrplan zum Konsulatsunterricht auseinandergesetzt und waren mit einigen Inhalten nicht einverstanden“, berichtet Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

„Diese Inhalte wurden von uns überarbeitet und anschließend im Gespräch mit dem Konsulat dargestellt.“ Dabei sei noch einmal deutlich gemacht worden, was überarbeitet werden solle. „Uns wurde eine Arbeit zurückgeliefert, deren Inhalte noch immer Bezüge zur Religion oder zu politischen Themen aufweisen“, so Scheeres. Dies sei inakzeptabel. Die Türkei soll die Lehrpläne nun erneut überarbeiten.