Berlin - So ein kleines bisschen gemein ist sie ja schon, diese Ornamentierung. An der Kalkstein-Fassade ist sie zu sehen, am kupfernen Portal, auch innen an den gläsernen Foyerwänden, ja sogar an den Lampenschirmen: Es ist eine Variante der berühmten orientalischen Girih-Muster mit hochkomplexer, aperiodischer Geometrie vor allem aus Fünf- und Zehneckformen.

Vor einigen Jahren fanden amerikanische Wissenschaftler heraus, dass die seit dem Mittelalter vielfach für Moscheen und Paläste verwendete Matrix mutmaßlich auf mathematischen Kenntnissen beruht, die dem Wissenstand des Abendlands auf diesem Gebiet so etwa 500 Jahre voraus waren.

Wichtigster europäischer Partner

Eben dies führt die Republik Türkei also ab heute ihren okzidentalen Besuchern täglich vor Augen. Denn die neue Botschaft des Landes, am Traditionsstandort in der Tiergartenstraße 19 - 21, wird an diesem Dienstag eröffnet. Das Ereignis in der Hauptstadt Deutschlands, zweifellos dem wichtigsten europäischen Partner der Regierung in Ankara, ist so wichtig, dass der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich das Haus einweihen wird.

Er kommt am späten Nachmittag, auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wird zugegen sein, wenn die etwa hundert Mitarbeiter der damit weltweit größten Auslandsvertretung der Türkei ihre Arbeit aufnehmen.

Das Gebäude, entworfen von den Berliner Architekten Volkmar Nickol, Felipe Schmidt und Thomas Hillig, setzt einen modern-sachlichen Akzent neben die Botschaften aus Italien und Japan, die, gebaut in der NS-Zeit, noch den düster-verschlossenen Neoklassizismus nach Albert-Speer-Manier zeigen.

„Die Türkei will sich als moderner offener Staat präsentieren“, sagt Mitarchitekt Thomas Hillig. Drinnen gibt es viel Glas, kühn ins hohe Atrium ragende Balkone und einen Festsaal für 1400 Personen. Draußen schimmert rötlich der teils durchbrochene, teils aufgeraute türkische Kalkstein, rechts oben am Haus ist der Halbmond samt Stern von der türkischen Nationalflagge in die Fassade gehauen.

Es gibt einen Arbeitstrakt links, genannt „City“, und einen repräsentativen Flügel rechts, genannt „Palast“, in dem sich auch das Büro des Botschafters (seit Januar 2012 Hüseyin Avni Karslioglu) befindet. Gerade Karsligolu kann sich freuen über seine neue Arbeitsstätte, arbeitete er bisher doch in der Rungestraße in Mitte in einem doch stark gewöhnlichen Bürohaus.

Etwa 30 Millionen Euro soll der Neubau am Tiergarten gekostet haben, bestätigt wird das nicht. Er steht auf einem Grundstück, auf dem schon das Osmanische Reich seine deutsche Auslandsvertretung hatte, bis 1944 auch die Republik Türkei. In den Bombenangriffen des Weltkriegs wurde der Altbau zerstört.

Neben den Botschaftsangehörigen dürften noch andere Berliner mit Türkeibezug gespannt Erdogans Dienstagspläne verfolgen. Die Amateur-Fußballer vom BAK aus dem Wedding wollen am Abend den Zweitligisten 1860 München schlagen, wie zuvor schon Hoffenheim. Es hält sich das Gerücht, dass Erdogan ins Jahn-Stadion fährt, um, nun ja, seine Landsleute anzufeuern..