Dass man sich über den türkischen Staatspräsidenten amüsieren kann, kommt derzeit eher selten vor. Doch in dieser Woche musste ich herzlich lachen. Auf einer Wahlkampfveranstaltung für das Referendum rief Erdogan den türkischstämmigen Frauen in Europa zu: Bekommt nicht drei, bekommt fünf Kinder! Nun reicht der lange Art von Erdogans Geheimdienst, wie wir wissen, weit in die deutschen und europäischen Kommunen, in die Schlafzimmer aber hat er es bislang nicht geschafft.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass ein demografischer Kreuzzug, den sich Erdogan offensichtlich wünscht, seit Jahrzehnten misslingt. In Deutschland bekommen die Frauen mit Migrationshintergrund zwar mehr Kinder als deutsche Frauen – indes der Unterschied ist minimal. Von fünf Kindern sind die deutschen Türkinnen weit entfernt, sie schaffen es im Durchschnitt nicht auf drei, ja nicht mal auf zwei. Nur 1,8 Geburten pro Frau mit Migrationshintergrund weist die Statistik auf. Bei deutschen Frauen sind es 1,4.

Und die Geburtenrate ist stetig gesunken. 1970 waren es noch 2,5 Kinder im Durchschnitt. Alle Studien zeigen, dass hier lebende Frauen nicht am massenhaften Kinderkriegen interessiert sind, schon gar nicht zum Wohle eines Vaterlandes, oder auf Wunsch eines Staatspräsidenten. Seltsamerweise entwickelt sich die Geburtenquote auch ganz und gar unabhängig von der Güte der Integration. Was zeigt, dass Frauen schlau sind, haben sie die Wahl, an sich und ihre Kinder zu denken.

Marsch durch die Institutionen

Rührend ist auch Erdogans Appell, in derselben Wahlkampfrede ausgerufen, seine „Geschwister“ mögen doch bitte in Europa mehr Betriebe gründen, in die besseren Stadtteile ziehen, die schönsten Häuser bewohnen und ihre Kinder in die besten Schulen schicken. Erdogan stellt sich offenbar eine Art Unterwanderung vor, einen langen Marsch durch die Gesellschaft, um diese von innen heraus zu übernehmen. In West-Deutschland haben wir damit so unsere Erfahrungen gemacht. In den 60er Jahren traten nicht wenige Linke genau diesen Marsch durch die Institutionen an. Sie gingen in die Betriebe, in den öffentlichen Dienst, in die Universitäten und versuchten, wie der Fisch im Wasser und wie Mao es in seiner Bibel gelehrt hatte, die Massen zu elektrisieren. Sie gründeten Kinderläden, freie Schulen und trugen zu manch seltsamen Auswüchsen der Gesellschaft bei.

Zwar hat sich die bundesdeutsche Gesellschaft, blickt man 70 Jahre zurück, dramatisch verändert. Doch nicht wegen der Radikalität der Umstürzler, sondern weil aus denen, die nicht scheiterten, im besten Fall erfolgreiche Unternehmer mit sozialen Ideen, engagierte Demokraten oder kreative Politiker geworden sind.

Gutes und freies Leben

Man muss sich vor Erdogans abstruser Vorstellung, er könne die türkischen Europäer quasi als Agenten benutzen und fernsteuern, nicht fürchten. Daran ändern auch die derzeitigen Aufwallungen vor dem Referendum nichts. Die Menschen, die hierherkommen oder hier seit zwei oder drei Generationen leben, wissen sehr genau, warum sie die Türkei verlassen haben. Meist wegen der bitteren Armut und der Perspektivlosigkeit. Oft wegen politischer Verfolgung. Wie heute wieder. Die allermeisten wollen einfach ein gutes, ein freies Leben. Wie die allermeisten Deutschen auch.