Der Sportverein Türkiyemspor, der für sein soziales und integratives Engagement vielfach ausgezeichnet wurde, ist immer mehr auf dem Weg hin zu einem beliebigen Kreuzberger Sportclub ohne größere politische Ambitionen. Mit Wirkung zum 1. November hat der Aufsichtsratsvorsitzende, der SPD-Politiker Robert Schaddach, seinen Rücktritt erklärt. Er folgt damit Jörg Steinert, Sprecher des Berliner Landesverbandes des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), der Anfang des Monats hingeworfen hatte. Zuvor hatte sich bereits der Grünen-Bundestagsabgeordnete Öczan Mutlu verabschiedet. „Jetzt reicht’s mir dann auch“, sagt Schaddach.

Der Abgeordnete im Berliner Landesparlament begründet seinen Rückzug mit dem Chaos, das im Verein herrsche. „Ganz einfache Organisationsstrukturen funktionieren nicht.“ So fehle etwa eine geordnete Mitgliederkartei, und auch die interne Kommunikation sei eine Katastrophe.

Schaddachs Rücktritt trifft den Verein in einer besonders prekären Phase. Die ehemals dritte Kraft im West-Berliner Fußball durchläuft seit drei Jahren eine Insolvenz. In den guten Zeiten wurde zu viel Geld ausgegeben, jetzt stehen die Gläubiger Schlange. Die Realität heißt Abstiegskampf in der siebtklassigen Landesliga.

Quasi synchron zum schleichenden finanziellen und sportlichen Abstieg verlief der gesellschaftliche Aufstieg Türkiyemspors. Der von Berliner Türken gegründete Verein wurde zum Vorzeige-Integrationsprojekt. Zunächst gab es Preise für die Integration von Türken in den deutschen Fußballbetrieb. Später wurde Türkiyemspor für die Integration von Deutschen und anderen in einen türkisch-dominierten Klub gelobt, danach für die Integration von Frauen und Mädchen in die Männer- und Jungsdomäne Fußball und schließlich für die Integration Homosexueller in die oft als homophob empfundene migrantische Gesellschaft.

Robert Schaddach weiß nach eigener Darstellung heute nicht mehr, ob der Verein noch für diese Werte steht. „Sie werden jedenfalls nicht nachhaltig gelebt“, sagt er. Zwar gebe es immer noch Mitglieder, die mehr wollen als einfach nur Vereinsstrukturen zum Fußballspielen. „Aber letztendlich muss Türkiyemspor sich entscheiden, ob es weiterhin ein Verein mit gesellschaftspolitischem Anspruch sein will“, sagt Schaddach.