Berlin war immer eine Stadt im Wandel - und immer eine Stadt für exzellenten Journalismus.
Foto: Berliner Zeitung/ Paulus Ponizak

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Vor einigen Tagen erhielt ich einen handgeschriebenen Brief einer langjährigen Abonnentin. Sie freue sich, dass wir gemeinsam mit mutigen und engagierten Verlegern das vor vielen Jahren begonnene, anspruchsvolle Projekt der Berliner Zeitung nun fortsetzen wollen. Ein Leser schrieb mir, er habe versucht, andere Zeitungen als die Berliner Zeitung zu lesen, sei dort jedoch nie recht glücklich geworden. Er werde nun, da die Zeichen auf Neuanfang stehen, zurückkehren. Bei einem Abendessen erzählte ich einem ehemaligen Bonner Beamten von unseren Plänen für die Berliner Zeitung: Wir wollen auf Phrasen verzichten. Wir wollen schweigen, wenn es nichts zu sagen gibt. Wir wollen neutral und unvoreingenommen berichten. Wir wollen unsere Leser in die Lage versetzen, sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. „Wenn Ihrer Redaktion das gelingt“, sagte mein Gesprächspartner mit ermunterndem Kopfnicken, „dann werden Sie viele neue Leser gewinnen. Ich werde Ihre Zeitung lesen und werde Sie beim Wort nehmen.“

Ich war erstaunt, dass man mit der simplen Beschreibung unseres Handwerks solch eine Reaktion auslösen kann. In seinem Buch „Zeitungsstadt Berlin“ schrieb der Historiker und Zeitungsmacher Peter de Mendelssohn im Jahr 1959, die Berliner seien seit jeher „die leidenschaftlichsten und unersättlichsten Zeitungsleser der Welt“. Mehrmals in 200 Jahren Berliner Zeitungsgeschichte waren alle Blätter der Stadt nach Kriegen komplett verschwunden. Doch bereits wenige Jahre später blühte in Berlin stets eine neue Zeitungslandschaft. Immer wieder fanden sich Enthusiasten, die die ausgestorbene Gattung belebten. Im März des Jahres 1813 hatten die Russen Berlin von der französischen Fremdherrschaft befreit. Die Spenersche Zeitung lieferte, so Peter de Mendelssohn, Nachrichten über die Ereignisse erstmals nicht mehr „in Form von ‚Bauerngesprächen‘, sondern in klarer und sachlicher Berichterstattung“.

Nach der Revolution von 1848 brachen aus Süddeutschland Leopold Ullstein und aus Ostdeutschland Rudolf Mosse nach Berlin auf. Sie nutzten die neue Technologie der Zeitungsrotation und veränderten das Gesicht der Stadt. 1877 kauften sie von dem „mutigen und aufrechten Publizisten“ Dr. Peter Langmann die Berliner Zeitung. Langmanns Geldgeber wollten in die in finanzielle Schwierigkeiten geratene Zeitung kein Geld mehr stecken. Das Blatt stand vor dem Bankrott. Ullstein rettete die Zeitung, die später den Namen BZ tragen sollte und im geteilten Berlin den Boulevard des Westens unterhielt. 

Ein Neuanfang

In seiner ersten Einladung zu einem Abonnement schrieb der Verleger Ullstein im Januar 1878: „Die Berliner Zeitung steht auf einem durchaus freisinnigen Standpunkt, unabhängig von Cliquen- und Parteienwesen.“ Mit „beträchtlicher Courage“ legte sich die junge Zeitung mit der reaktionären Reichsregierung an und veröffentlichte im September 1878 eine programmatische Erklärung, in der es hieß: „Die Berliner Zeitung will eine konstitutionelle Regierung, keinen Kanzler-Absolutismus. Sie verlangt, dass das deutsche Volk frei sei und nicht wie eine besiegte Nation behandelt werde.“ Solch unerhörte Worte und Gedanken wollte die damalige Obrigkeit nicht zulassen, wie de Mendelssohn berichtet: „Im April 1879 wurde durch Befehl des Generalkommandos des Gardekorps den Berliner Truppen das Lesen und Halten aller liberalen Zeitungen verboten.“

Bismarcks eiserne Faust traf die Redakteure auch persönlich schwer. Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens schrieb die Berliner Zeitung 1887: „Unsere Redakteure haben monatelang mit persönlicher Freiheit gebüßt für das, was ihnen im überschäumenden Gefühl des Unmuts aus der Feder floss.“ Mit dem Nationalsozialismus wurde die freie Presse mit einem Schlag abgeschafft. Jüdische Verleger wurden enteignet. Die Journalisten verloren ihre Jobs. Wem die Flucht nicht gelang, der wurde in den Vernichtungslagern ermordet – Juden, Kommunisten, Christen, Freisinnige, Homosexuelle. Die moralische Kernschmelze raffte den Journalismus in Berlin vollständig hinweg.

Doch nachdem sich 1945 alle Pamphlete und Propagandablätter der Nationalsozialisten im Rauch der amerikanischen Bomben und der sowjetischen Granaten aufgelöst hatten, gab es selbst in der geistigen Wüste einen Neuanfang: Die erste Zeitung nach der Kapitulation war die von der sowjetischen Militärverwaltung herausgegebene „Tägliche Rundschau“. Sie diente vor allem der Veröffentlichung von Informationen der Roten Armee. Am 21. Mai erschien die Berliner Zeitung als erste echte Tageszeitung Berlins nach dem Krieg. Mendelssohn, später einer der Gründer des Tagesspiegel, schreibt, die Berliner Zeitung „war schon eher eine ,deutsche‘ Zeitung und machte einen wesentlich ,berlinischeren‘ Eindruck“ als das Mitteilungsblatt der Armee. Die ersten Redakteure der Zeitung waren Rudolf Herrnstadt und der aus Moskau zurückgekehrte Kommunist und ehemalige Schauspieler und Dramaturg der legendären Berliner Piscator-Bühne Fritz Erpenbeck. Sie mussten die Zeitung „binnen drei Tagen auf die Beine stellen“, was wegen des Mangels von Telefonen, Post und Verkehrsmitteln eine kaum lösbare Aufgabe schien – und doch gelang.

Die westlichen Alliierten gründeten ebenfalls „ihre“ Zeitungen. Die britische Militärbehörde gab das Nachrichtenblatt Der Berliner heraus, welches eine ganz neue Form der Zeitung nach Berlin brachte – die Boulevard-Zeitung mit vielen kleinen Meldungen. Auch diese Zeitung formulierte einen hohen Anspruch. In der ersten Ausgabe war zu lesen: „Es ist die Aufgabe dieser Zeitung, Nachrichten aus aller Welt und aus Berlin so umfassend wie nur möglich und in strengster Sachlichkeit zu bringen. Berichte und Kommentare werden getrennt gehalten, sodass der Leser in die Lage versetzt wird, sich sein eigenes Urteil zu bilden.“ Die Berliner waren, so de Mendelssohn, zunächst erstaunt, fanden jedoch bald Gefallen an der Idee, Berichte über die Welt in „sachlicher, ungeschminkter“ Form zu erhalten.

Später verloren die West-Berliner Zeitungen dieses hehre Ziel leider oft aus den Augen, weil sich die Journalisten in die Rhetorik des Kalten Krieges zwingen ließen. Als politisch geführte Bezirksparteizeitung der SED ist die Berliner Zeitung mit freien Medien ohnehin nicht zu vergleichen. Wenn man die alten Ausgaben durchblättert, stehen interessante Kultur- und Lokalberichte neben der knallharten Verbreitung der Orthodoxie der Partei. Sprachlich arbeitete die Zeitung ziemlich präzise. Doch die formalen Fähigkeiten der Redakteure nutzten nicht den Bürgern, sondern dienten, weitgehend linientreu, den Interessen der Eliten. 1989 öffnete sich die Zeitung erstaunlich früh und erfrischend orientierungslos dem Dialog mit der Opposition im Osten der Stadt. Die Redakteure bemühten sich um sachliche Berichte im damals typischen, nüchternen Stil der internationalen Nachrichtenagenturen. Nach der Wende wollte der frühere Spiegel-Chefredakteur Erich Böhme als Herausgeber „nicht wiedervereinigt werden“. 1996 hat sich die Zeitung unter dem damaligen Herausgeber Dieter Schröder, der von der Süddeutschen Zeitung gekommen war, als liberal-demokratische Zeitung etabliert und diese Positionierung auch nie mehr aufgegeben.

Heute steht die Berliner Zeitung, wie die Blätter in aller Welt, vor ganz anderen Herausforderungen. Die aktuelle Krise der Zeitungen sei, so sagen viele, die Folge der technologischen Revolution durch das Internet. Dies betrifft auch die Zeitungsstadt Berlin. Vor wenigen Tagen hat die altehrwürdige Ullstein-Zeitung Berliner Morgenpost bekannt gegeben, all ihre wichtigen Verlagsbereiche aufzugeben. Die Zeitung ist, verlagstechnisch gesehen, nur noch ein Torso. Viele Zeitungen haben sich damit abgefunden, dass ihre Tage gezählt sind. Sie besingen ihren Niedergang in Klageliedern über das Internet und die neue Generation, die sich ihre Informationen anderswo besorgt. Das Internet ist jedoch keineswegs die Ursache der Krise. Der Grund dürfte eher darin liegen, dass uns Journalisten unsere wichtigste Aufgabe in der bunten Welt der Bilder und Video-Clips nicht mehr unverrückbar vor Augen steht, nämlich die sachliche und ungeschminkte Übermittlung von Nachrichten.

Es ist unbestritten: Viele Journalistinnen und Journalisten leisten unter erschwerten Bedingungen Hervorragendes. Und doch spüren alle  in der Branche beim Blick in den Spiegel ein grundsätzliches Unbehagen. Immer wieder erliegen wir den Verführungen der elektronischen Etablissements, in denen Sein und Schein verschwimmen. Wir lavieren zwischen Illusion und Realität. Wir lassen uns treiben von PR-Maschinen und politischen Interessen. Geschäftemacher und Netzwerker wollen den Rhythmus unserer Arbeit bestimmen. Vieles kennen wir Journalisten nicht aus eigener Anschauung, hinterfragen die uns mundgerecht servierten „Informationen“ zu wenig. Statt kritischer Distanz schließen wir „Deals“ mit Informanten. Mutmaßungen und Einflüsterungen treten an die Stelle von Nachfragen. Nicht selten wissen wir schon zu Beginn einer Recherche, welches Ergebnis wir gerne niederschreiben wollen. Wir gefallen uns im eigenen Jargon. Die anderen hören wir am liebsten dann, wenn sie unsere eigene Meinung bestätigen.

Sachlich und ungeschminkt

Das alles können wir ändern. Das Internet als neue Technologie kann uns dabei helfen. Es ist ein bisher nicht gekanntes Werkzeug für Recherche und Kommunikation. Es schafft neue Räume, um zu lernen und Wissen weiterzugeben. Es ermöglicht die Kontrolle des Geschriebenen, weil viele Quellen zugänglich sind. Die alte Zeitungsstadt Berlin ist in den vergangenen Jahren zu einer Hochburg der Wissenschaften, der Kultur und der internationalen Gemeinschaften geworden. Eine Vielzahl junger Tech-Unternehmen hat sich angesiedelt. Für uns Journalisten bietet diese Vielfalt ungeahnte Möglichkeiten. Die Zuwendung an die Moderne versetzt unsere Zeitungen in die Lage, die Fülle an Informationen mit klassischem journalistischem Handwerk zu verarbeiten. Wie nie zuvor können wir unseren Lesern sachliche, ungeschminkte Informationen liefern. Wir werden in der Berliner Zeitung im Internet und in der gedruckten Ausgabe in den kommenden Wochen neue Themen aufgreifen. Wir freuen uns, dass wir unsere Redaktion mit neuen Kräften verstärken können.

Wir laden Sie, liebe Leserinnen und Leser ein, aktiv an der Neugestaltung mitzuwirken. Schreiben Sie uns, schicken Sie uns Wünsche und Hinweise. Kritisieren Sie uns und machen uns auf Lücken und Fehler aufmerksam. Unterstützen Sie unser Bemühen, unabhängig und unbestechlich zu berichten. Nach vielen Jahren der Zugehörigkeit zu großen Medien-Konzernen sind wir wieder ganz auf uns allein gestellt. Diese Unabhängigkeit ist wie frische Luft, die uns in unserem Denken und Schreiben inspirieren wird. Die heutige Berliner Zeitung wurde vor 75 Jahren gegründet, kann sich aber auch auf große Vorbilder aus Revolutionszeiten und Aufklärung berufen. Wenn wir deren Tugenden mit den Möglichkeiten der neuen Technologien verbinden, haben wir unsere beste Zeit erst noch vor uns.