Der geplante Bau des 150 Meter hohen Wohnturms des US-Investors Hines am Alexanderplatz droht zu scheitern. Der Grund: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben massive Bedenken gegen das Projekt, das in unmittelbarer Nähe zum Tunnel der vielbefahrenen U-Bahn-Linie 5 entstehen soll.

Der Tunnel liegt laut BVG vollständig im Grundwasser. Sollte es durch den Bau des Hochhauses zu einem unkontrollierten Wassereintritt in die U-Bahnröhre kommen, könnten „bis zu 17 U-Bahnhöfe geflutet werden“ und „infolgedessen der U-Bahnbetrieb mehrere Jahre erheblich beeinträchtigt“ werden, warnt BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta in einem Brief an Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Der Brief liegt der Berliner Zeitung vor.

Störungen des U-Bahnbetriebes

Hines will auf dem Areal neben dem Elektronikmarkt Saturn einen 150 Meter hohen Wohnturm nach Plänen des US-Star-Architekten Frank O. Gehry errichten. Das Hochhaus soll auf einem aus dem Jahr 1930 stammenden Fundamentblock errichtet werden. Durch diesen Block verläuft der Tunnel der U-Bahn-Linie 5.

Zwar haben BVG und Hines in den vergangenen Jahren eine Nachbarschaftliche Vereinbarung ausgehandelt, nach der die technischen Risiken für das Projekt minimiert werden sollen, doch ergibt sich laut Nikuttas Schreiben aus verschiedenen Gutachten, dass „eine Gefährdung der Tunnel sowie wesentliche Störungen des U-Bahnbetriebes nicht ausgeschlossen werden können“.

Aufsichtsrat entscheidet

Nikutta stellt deswegen klar, dass die BVG den Bau des Hochhauses „nicht befürworten“ könne. Aus unternehmerischer Sicht und zum Schutze der Fahrgäste würde sie die ausgehandelte Nachbarschaftliche Vereinbarung „nicht unterzeichnen“. Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung der BVG am 25. April steht das Thema auf der Tagesordnung. Insider erwarten, dass es in Anbetracht des hohen Risikos kaum eine Mehrheit für die Unterzeichnung der Vereinbarung mit Hines gibt. Dann würde das Hochhausprojekt nach Lage der Dinge vor dem Aus stehen.

Denn bisher gibt es noch kein Baurecht für den 150 Meter hohen Turm. Weil der Standort für das Hochhaus zwischenzeitlich geändert wurde, muss für das Vorhaben ein neuer Bebauungsplan erarbeitet werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat die Arbeit an dem Bebauungsplan bisher davon abhängig gemacht, dass sich Investor und BVG einigen. Die Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde Katrin Dietl bekräftigte diese Haltung am Dienstag.

Sicherungsmaßnahmen geplant

„Die Nachbarschaftliche Grundsatzvereinbarung zwischen der BVG und Hines ist Grundlage für die Weiterführung des Bebauungsplanverfahrens“, sagte sie. „So lange diese nicht unterzeichnet ist, können wir den Bebauungsplan nicht weiterführen.“ Hines-Geschäftsführer Christoph Reschke erklärte am Dienstag, er sei „sehr erstaunt“ über die Bedenken der BVG. Dies könne nur „ein Missverständnis“ sein.

Es seien Sicherungsmaßnahmen auf der Baustelle geplant. Die befürchtete Flutung von 17 U-Bahnhöfen halte er deswegen für unrealistisch. Der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto empfiehlt, „dass Hines an den ursprünglichen Standort“ für sein Hochhaus zurückkehrt, wenn die Risiken am jetzigen Platz zu groß seien.

Baugenehmigung liegt vor

Am Alexanderplatz soll sich das Gesicht Berlins so stark verändern wie sonst nirgendwo in der Stadt. Neun bis zu 150 Meter hohe Wolkenkratzer können dort nach dem überarbeiteten Masterplan des Architekten Hans Kollhoff entstehen. Für zwei Projekte gibt es bisher konkrete Ideen. Eines davon ist das Vorhaben von Hines. Das andere Projekt wird vom russischen Investor Monarch voran getrieben. Danach soll neben dem Einkaufszentrum Alexa ein 150 Meter hoher Wohnturm entstehen.

Für den Turm liegt bereits eine Baugenehmigung vor. Außerdem plant der Kaufhof einen Turm. Der Eigentümer des Hotels Park Inn, das französische Unternehmen Foncière des Régions (FdR), will zwei Hochhäuser errichten. Laut Stadtentwicklungsverwaltung sind diese Hochhaus-Standorte nicht gefährdet – jedenfalls soweit der Planungsstand derzeit eine Beurteilung zulasse.

Verständnis im Senat

Für die Entscheidung des BVG-Aufsichtsrats über die Nachbarschaftliche Vereinbarung mit Hines kommt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) eine besondere Rolle zu, da sie Vorsitzende des Gremiums ist. Die Wirtschaftsverwaltung erklärte am Dienstag: „Unabhängig von den Diskussionen um eine Neugestaltung der Berliner Mitte, zu der zur Attraktivität auch Hochhausprojekte zählen können, muss die Funktionsfähigkeit der Stadt beachtet werden.“

Dazu gehöre ein funktionierender öffentlicher Personennahverkehr. „Wenn Bauprojekte die Betriebssicherheit von Schnellbahnen – hier der U-Bahn an einem zentralen Knotenpunkt – gefährden können, muss im Interesse aller Berlinerinnen und Berlinern sorgfältig hingeschaut werden“, so Behördensprecher Matthias Borowski. Die BVG habe am Leipziger Platz leidvolle Erfahrungen machen müssen, so dass eine sorgfältige Prüfung und Abwägung sicher richtig sei.