Als ich nach meinem Abitur von meinem friesischen Heimatdorf nach Oldenburg gezogen bin, war ich vor allem von einem Umstand angetan: Es gibt Busse. Busse gab es zwar auch in meinem Dorf, aber höchstens dreimal täglich und nicht mehr nach 19 Uhr abends. Entsprechend groß war meine Begeisterung, als ich nach Berlin zog und rund um die Uhr öffentliche Verkehrsmittel nutzen konnte.

In meiner Anfangszeit fuhr ich so viel U-Bahn, wie ich nur konnte. Auch wenn ich das heute nicht mehr so ganz nachvollziehen kann, liebte ich die BVG regelrecht. Vor allem gefielen mir die vielen verschiedenen Leute, die mir so über den Tag verteilt in der U-Bahn begegneten. Nicht nur waren es mehr als mein Dorf Einwohner hat, die Masse der BVG-Fahrgäste war für mich ein Beispiel an Rücksichtnahme, Gleichheit und Solidarität. Das klingt pathetisch, aber ich war beeindruckt, wie selbstverständlich sich der Geschäftsmann eine Sitzbank mit der Punkerin teilt, der türkische Jugendliche seinen Platz für die Rentnerin räumt, und alle den Straßenmusiker mit ein paar Münzen bezuschussen.

In letzter Zeit wird meine Liebe zu den BVG-Fahrgästen allerdings auf eine harte Probe gestellt. Immer wieder begegnen mir in der U-Bahn Männer, die sich so raumeinnehmend auf den schmalen Sitzen niederlassen, dass andere Fahrgäste stehen müssen. Kürzlich stieg ich nachts am Kottbusser Tor in die U 8 und sah dort wieder einen Mann, der breitbeinig und nach vorn gebeugt die gesamte Bank einnahm. Zusätzlich hielt er es nicht für nötig, seine riesige Sporttasche auf den Schoß zu nehmen und blockierte damit auch noch die gegenüberliegende Zweierbank.

Normalerweise sage ich nichts, so wichtig ist mir ein Sitzplatz nun auch wieder nicht. Aber in dieser Nacht regte es mich ungeheuer auf. Weil es immer Männer sind, die so sitzen. Weil sie alle anderen in die unangenehme Situation bringen, den Sitzplatz bei ihnen erbitten zu müssen.

Ich plusterte mich also vor dem Mann auf und fuhr ihn in harschem Ton an: „Haben hier neben deinen dicken Eiern wohl auch noch andere Leute Platz?“ Mühsam rückte er zur Seite und, als ich mich hinsetzte, sagte er leise: „Das sind keine dicken Eier, das ist ein steifes Knie.“ Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Der eigentliche U-Bahn-Rüpel war dann wohl ich.