Berlin - Seit fünf Jahren ist die Dresdener Straße nördlich vom Oranienplatz in Kreuzberg für den Durchgangsverkehr gesperrt. Nur Anlieger, Rettungs- und Lieferfahrzeuge dürfen dort fahren. Der Grund für die Verkehrseinschränkung liegt in der Berliner Geschichte: Unter der Straße verläuft ein alter U-Bahntunnel aus dem Jahr 1920, der nie als solcher genutzt wurde. Weil die Straße wegen des Tunnels dort nur eine Traglast von 16 Tonnen aushält, wurde die Dresdener Straße als Einbahnstraße ausgewiesen. Zwischen Oranienplatz und Alfred-Döblin-Platz, wo sich im Untergrund der Rohbau eines U-Bahnhofs befindet, ist sogar diese Tragfähigkeit gefährdet. Deshalb wird der alte U-Bahnhof jetzt zugeschüttet.

„Wir dürfen kein Risiko eingehen, da auf diesem Teilstück sogar Fundamente von Gebäuden ins Erdreich rutschen könnten“, sagt der Tiefbauamtschef von Friedrichshain-Kreuzberg, Helmut Schulz-Herrmann. Diese Gefahr hätten mehrere Statikgutachter belegt. Der Bezirk will die Dresdener Straße wieder zu einer „normalen Straße“ machen, sie soll in beide Richtungen befahrbar werden. Das erfordert laut Schulz-Herrmann eine Traglast von 30 Tonnen – je Richtung.

Ein Anschluss für Wertheim

Die Geschichte des U-Bahntunnels unter der Dresdener Straße hat der Verein Berliner Unterwelten erforscht. Dort beschäftigt man sich seit der Vereinsgründung im Jahr 1997 mit allem, was sich unter der Stadt im märkischen Sand befindet. „Die U-Bahn war damals, im Jahr 1920, als Teil der einstigen AEG-Linie gedacht, die von Gesundbrunnen nach Neukölln führen sollte“, sagt Vereinschef Dietmar Arnold. Tunnel und Bahnhof waren ausgeschachtet, als die Strecke plötzlich verlegt wurde und einen Umweg über den Moritzplatz nahm.

Arnold vermutet, dass das Unternehmen Wertheim, das am Moritzplatz ein Kaufhaus hatte, damals einen eigenen U-Bahn-Anschluss wünschte. Arnold: „So wie Karstadt am Herrmannplatz wollte Wertheim auch eine U-Bahn-Station für seine Kunden.“ Wertheim soll sich auch an den Baukosten für den neue Streckenführung beteiligt haben.

Im Bahnhofsrohbau mit den imposanten Säulen aus schwedischem Granit richtete der Stromversorger Bewag daraufhin eine Schalterstation ein, die bis in die 1980er-Jahre existierte. Ein Großteil des Tunnels wurde zum Luftschutzbunker ausgebaut. Arnold: „Dort findet man sogar noch ein Stück Mauer, weil seit der Teilung der Stadt 1961 ein Teil des Bunkers unter Ost-Berliner Gebiet lag.“

Der etwa hundert Meter lange U-Bahnhof soll ab der kommenden Woche verfüllt werden. „Dafür wird über mehrere, eigens gebohrte Löcher zunächst die Luft rausgesaugt und dann ein spezielles Sandgemisch hineingepumpt“, erläutert Tiefbauamtschef Schulz-Herrmann. Die Masse, auch „flüssige Erde“ genannt, werde so fest wie Beton. Die Verfüllung, die etwa ein halbes Jahr dauere, sei mit gut einer Million Euro die preiswerteste Lösung für das oberirdische Statikproblem.

Teure Sanierung

Bei den Berliner Unterwelten sei man sehr enttäuscht, sagt Vereinschef Dietmar Arnold: „Wir haben dem Land Angebote für eine Sanierung des Tunnels und des Bahnhofs gemacht, die etwas über zwei Millionen Euro gekostet hätte.“ Allerdings nur für die „kleine Lösung“, das heißt, wenn der Bezirk bei den derzeitigen 16 Tonnen Traglast geblieben wäre. Arnold: „Weil jetzt aber 30 Tonnen für jede Richtung gewünscht sind, müssten 92 Tonnen Baustahl zusätzlich eingebaut werden.“ Das könne der Verein allein nicht stemmen. Der Bezirk vertut laut Arnold eine Chance: „Es ist ein Trauerspiel, wie leichtfertig mit der Geschichte umgegangen wird.“

Jetzt will sich Arnold darum bemühen, Führungen in jenem Teil des Tunnels anzubieten, der Luftschutzbunker war. Er hat mit seiner 1,80 Meter dicken Betondecke keine Statikprobleme verursacht und bleibt erhalten. Erste Gespräche mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg über Führungen seien ermutigend verlaufen, sagt Arnold.