Kreuzberg - In der Nacht zum Mittwoch ist ein Mann auf dem Bahnsteig der U 8 im U-Bahnhof Kottbusser Tor getötet worden. Es handelt sich um einen 30-jährigen Iraner, der vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen wurde. Möglicherweise ging es dabei um einen Streit im Drogenmilieu. „Entsprechenden Hinweisen gehen wir selbstverständlich nach“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Zeugen haben in ersten Vernehmungen angegeben, dass kurz vor Mitternacht vier Männer einen Rollstuhlfahrer berauben wollten. Der 30-Jährige, der seinen gehbehinderten Onkel begleitete, sei dazwischen gegangen. Daraufhin hätten zwei Täter den jungen Mann massiv attackiert. Als der U-Bahn-Zug in Richtung Hermannstraße gegen 23.55 Uhr einfuhr, stießen sie ihn dagegen. Er geriet zwischen den Zug und die Bahnsteigkante.

Menschen, die sich auf dem Bahnsteig aufhielten, sollen gemeinsam gegen den U-Bahn-Wagen gedrückt haben, um den 30-Jährigen zu befreien. Eine Notärztin und Rettungssanitäter der Johanniter-Hilfsorganisation versuchten, das Opfer zu stabilisieren, doch sie konnten dessen Leben nicht mehr retten.

Zum Tathergang am Kottbusser Tor gibt es mehrere Versionen

Mit zahlreichen Beamten rückte die Polizei an und überprüfte mehrere Personen, die den Bahnhof verlassen wollten. Doch da waren die Täter bereits geflüchtet, offenbar über die Reichenberger Straße. Angehörige des 30-Jährigen und seines Onkel kamen zum Bahnhof, einige brachen schockiert zusammen. Sie mussten von der Feuerwehr betreut werden. Auch der Fahrer des U-Bahn-Zuges musste seelsorgerisch betreut werden.

Zunächst ermittelte die Kriminalpolizei der örtlichen Direktion. Stunden später übernahm dann eine Mordkommission des Landeskriminalamtes. Die Fahnder gehen inzwischen davon aus, dass der Mann gezielt vor den Zug gestoßen wurde. Nach Angaben von BVG-Sprecherin Petra Nelken war der U-Bahn-Verkehr auf der Linie bis 1.05 Uhr unterbrochen.

Die Polizei forderte bei der BVG die Videoaufnahmen aus den Überwachungskameras des Bahnhofs an, um Hinweise auf die Täter und den Tathergang zu bekommen. Inzwischen wurden die Aufnahmen ausgewertet. Demnach soll es eine andere Version geben, wie von den Zeugen berichtet: Zwischen dem Rollstuhlfahrer, der von dem 30-Jährigen und einem zweiten Mann begleitet wurde, sowie einer Personengruppe sollen auf dem Bahnsteig unbekannte Gegenstände ausgetauscht worden sein. Dann fuhr er weiter, und kurz darauf kam es zu der tödlichen Auseinandersetzung zwischen seinen beiden Begleitern und der Personengruppe. Auf dem Filmmaterial soll gut zu erkennen sein, dass der 30-Jährige nicht versehentlich bei einer Rangelei vor den Zug fiel sondern gezielt gestoßen wurde. Auch die Gesichter der Täter seien eindeutig identifizierbar. Sowohl Täter als auch das Opfer seien in der Drogen- und Alkoholikerszene gut bekannt, hieß es. Eine Öffentlichkeitsfahndung nach den Tätern soll es zunächst nicht geben.

Das Kottbusser Tor gilt als "kriminalitätsbelasteter Ort"

Bis zum Vormittag waren Polizisten dabei, Zeugen zu befragen. Das Kottbusser Tor ist Treffpunkt für Drogensüchtige und Dealer. Das erschwere die Ermittlungen, hieß es bei der Polizei. Die einen erzählten Geschichten, die sich nicht zugetragen hätten, andere würden schweigen, so ein Beamter. Der Bahnhof Kottbusser Tor und sein Umfeld sind von der Polizei als „kriminalitätsbelasteter Ort“ eingestuft. In der ersten Hälfte dieses Jahres registrierte die Polizei dort 1 385 Straftaten, darunter 232 Drogendelikte, die bei Kontrollen aufgedeckt wurden, 191 Taschendiebstähle und 126 Körperverletzungen. Deshalb ist sie dort seit längerem verstärkt uniformiert und in Zivil präsent.

Der AfD-Fraktionschef Georg Pazderski erklärte unter anderem: „Die Spirale der Gewalt an den Berliner Kriminalitätsbrennpunkten scheint kein Ende zu kennen. Trotz vielfacher Bekundungen ist dem rot-rot-grünen Senat die Kontrolle über die kriminelle Szene in Berlin scheinbar vollständig entglitten.“
Marcel Luthe von der FDP forderte, „die zutiefst feigen Täter“ mit aller Entschlossenheit zu verfolgen und zur Rechenschaft zu ziehen. „Derartige schreckliche Taten zeigen leider einmal mehr die Notwendigkeit der Stärkung der objektiven Sicherheit bei der BVG durch Menschen statt Kameras.“ Er forderte präsentes Sicherheitspersonal, dass Straftaten im Nahverkehr wirksam unterbinde. 

Es ist nicht die erste Tat dieser Art in Berlin

Taten, bei denen Personen ins Gleisbett der U-Bahn gestoßen werden, sind in der Hauptstadt  relativ selten. Im August dieses Jahres musste sich eine 41-jährige Frau vor dem Berliner Landgericht verantworten, weil sie im Februar eine ihr unbekannte 17-Jährige auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz ins Gleisbett gestoßen hatte. Die Jugendliche konnte sich retten. Vor Gericht sagte die Täterin, sie habe sich von der 17-Jährigen „böse angeschaut“ gefühlt.

Im Januar 2016 wurde auf dem U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz eine 28-Jährige von einem ihr unbekannten Mann unvermittelt vor eine einfahrende U-Bahn gestoßen. Sie starb. Der Täter, der schon mit 14 Jahren straffällig geworden war, wurde von einem Gericht dauerhaft in die Psychiatrie eingewiesen.