Der U-Bahnhof Schönleinstraße.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinVor zwei Wochen schrieb ich über Licht und Schatten am Maybachufer. Von der Emsigkeit des Marktaufbaus oben und dem drogenverseuchten Niedergang unten, am U-Bahnhof Schönleinstraße. Der ja nicht tatenlos hingenommen wird: Häufig sieht man Polizisten oder Security-Mitarbeiter auf dem Bahnsteig.

So ist es auch an dem Morgen, an dem ich ein weiteres Mal die Stufen hinabsteige. Schon oben höre ich laute Stimmen. Wem sie gelten, erkenne ich wenige Augenblicke später. Ein Mann mit Bierflasche, zotteliger Mähne, verfilztem Bart und mehr in Fetzen als Kleider gehüllt schlingert mir entgegen.

Bahnhofs-Gefühl der Ohnmacht

Unten stehen drei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, zwei Männer und eine Frau. Die Frau ruft dem Betrunkenen hinterher: „Dann puller doch in dein Wohnzimmer!“ Ich höre Verachtung in ihrer Stimme, aber auch Selbstzufriedenheit. Wegen der erfolgreichen Vertreibung? Oder weil sie ihren Spruch für sehr gelungen, gar witzig hält?

Der Mann kämpft sich indes weiter die Treppen hoch, lallt Unverständliches, zwischendurch den Satz: „Manchmal kann man es eben nicht halten.“ Mitleid erfasst mich, das vertraute Bahnhofs-Gefühl der Ohnmacht und – Wut. Wie eine Wand beim Freistoß stehen die drei Uniformierten am Treppenabsatz und schauen dem Mann hinterher.  

Denn eine Toilette gibt es oben nicht, in ein Café wird er keinen Einlass bekommen und ein eigenes WC hat er nicht. Schon gar kein Wohnzimmer. Jeder kann das sehen. Auch die Frau vom Sicherheitsdienst. Warum also hat sie das gesagt?

Uniformierte und Elende

Ich weiß nicht, was sich vor meinem Eintreffen abgespielt hat. Doch selbst wenn der Mann sich im Ton vergriffen hat – gehört es nicht zu den Aufgaben von Security-Mitarbeitern, auf Aggression nicht mit Gegenaggression zu reagieren? Anders gefragt: Würde man jemanden, der auf Fehlverhalten mit verbalem Nachtreten reagiert, für die Sicherheit in einer Schule oder einem Hotel einsetzen?

Dass Uniformierte Elende davon abhalten müssen, sich auf Bahnsteigen zu erleichtern, und die Elenden anschließend nass und stinkend weiterziehen müssen, gehört zur traurigen Realität dieser an widerstreitenden Bedürfnissen so vollen Stadt inmitten dieses reichen Landes. In der Konflikte und Probleme toben, deren augenscheinliche Unlösbarkeit einen manchmal um den Verstand bringt.

Wie man mit anderen spricht

Auch ich will mir nicht die Nase zuhalten müssen und bin jenen dankbar, die sich um Sauberkeit und Sicherheit kümmern. Ein schwerer Job. Ich will aber auch nicht, dass Menschen nicht wissen, wo sie urinieren können. Vor allem jedoch will ich nicht, dass Menschen in sauberen Kleidern und mit eigenen Toiletten und Wohnzimmern solche Menschen demütigen, die all das nicht haben.

Kein Einzelner kann etwas für deren Situation, kein Einzelner kann sie ändern. Wovon ich aber zutiefst überzeugt bin: Dass jeder Einzelne darauf achten kann, wie er mit anderen spricht. Auch und gerade mit denen, die nichts mehr besitzen als ihre Würde und eine Flasche Bier.