Vor kurzem war es erneut so weit. Wieder lag auf dem Bahnsteig ein Kothaufen, und wieder mussten die Fahrgäste aufpassen, dass ihre Fahrt zur Arbeit oder zur Uni nicht mit einem unangenehmen Erlebnis begann. Sie bemühten sich, nicht hinzuschauen, schnell wegzukommen, den Anblick bald wieder zu vergessen. Doch Sebastian Wolff will die Zustände im U-Bahnhof Südstern nicht länger hinnehmen. „So kann es hier nicht bleiben“, sagt der Angestellte aus Kreuzberg, der mit der U 7 zum Adenauerplatz pendelt. „Was hier passiert, stinkt gewaltig.“

„Alaska“ steht auf dem abgenutzten Schlafsack, in den sich ein Mann eingerollt hat. Während gegen 8.30 Uhr die Pendler zur U-Bahn strömen, liegt der Wohnungslose neben dem Eingang zum U-Bahnhof, und es sieht so aus, als würde er dort noch lange schlafen.

Kältebahnhöfe gibt es seit 2003

Nicht nur tagsüber halten sich in der Station Menschen auf, die keine Bleibe haben – auch in der Nacht. Während Berlins U-Bahnstationen nachts sonst nur an Wochenenden geöffnet sind, bleibt der U-Bahnhof Südstern in der kalten Jahreszeit in allen Nächten zugänglich – wie auch der U-Bahnhof Lichtenberg an der U 5.

Die Stationen sind offen für Wohnungslose, die sich aufwärmen, Wind und Regen entkommen, in Ruhe schlafen wollen. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) heißen sie „Kältebahnhöfe“ – ein Angebot, das es seit 2003 gibt. In der Nacht zu Montag wurden im U-Bahnhof Südstern 14 Wohnungslose gezählt, in Lichtenberg waren es vier. „Dies ist ein Notnagel für die Ärmsten und Schwächsten unserer Gesellschaft“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz.

Doch es ist auch ein Angebot, das bei Fahrgästen für Unmut sorgt. Der Kothaufen, der Dienstagfrüh unweit der Bahnsteigkante Richtung Spandau vor der Wand lag, war kein Einzelfall, sagte Wolff. „Allein seit Dezember ist so etwas mehr als ein halbes Dutzend Mal vorgekommen. Wohnungslose halten sich hier nicht nur auf, sie verrichten hier auch ihre Notdurft.“ Allzu oft erstreckten sich Urinlachen auf dem Bahnsteig, und Müll liegt herum.

Auch in der U-Bahn sind immer mehr Obdachlose

„Morgens werden wir von unfassbaren Düften empfangen, so dass man den U-Bahnhof am liebsten gleich wieder verlassen würde“, so der 52-Jährige. Aber er müsse zur Arbeit – wie andere Fahrgäste auch.

Auch in den U-Bahn-Zügen würden Fahrgäste immer öfter mit Wohnungslosen konfrontiert. „Auf der U 7 jedenfalls werde ich jeden Tag auf jeder Strecke dreimal angebettelt – keine Übertreibung“, erzählte Wolff. „In anderen Städten, auch in Hamburg und München, ist das anders. Da ist es in der U-Bahn sauber. Warum klappt das in Berlin nicht? 99 Prozent der Berliner sind leider so drauf, dass sie alles hinnehmen, aber sich nicht beschweren. Deswegen ändert sich auch nichts.“

Wohnungslose im Nahverkehr – das ist ein Thema, das Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB ebenfalls bewegt. „In bitterkalten Nächten ist es okay, dass die BVG Bahnhöfe öffnet“, sagte er. „Doch wir finden, dass soziale Probleme nicht auf Fahrgäste abgewälzt werden dürfen.“ Die Kältebahnhöfe seien nicht nur ein Hygiene-, sondern auch ein Sicherheitsproblem. „Uns wird immer wieder berichtet, dass Wohnungslose in die Tunnel laufen.“ Auf den Linien U 1 bis U 4 weisen die Teile der Stromschienen, die unter Spannung stehen, nach oben – hochgefährlich. Die BVG dürfe die Folgen, die ihr Angebot für die zahlende Kundschaft hat, nicht länger wegdrücken. „Zumindest muss sie Toiletten aufstellen“, sagte Wieseke.

An Alternativen wird gearbeitet

Es ist nicht so, dass sich die BVG nicht um die Wohnungslosen kümmert, entgegnete Petra Reetz. Sicherheitskräfte schauen regelmäßig vorbei. Falls nötig, rufen sie den Kältebus der Stadtmission. Aber nicht jeder wolle in eine Unterkunft – etwa weil Tiere und Alkohol dort meist nicht akzeptiert werden. Es gebe immer mehr Obdachlose aus dem Ausland, zum Beispiel aus Osteuropa, die einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen. Die Sprecherin fragte, was die Alternative zu den Kältebahnhöfen wäre: „Ist es den Kritikern lieber, wenn Obdachlose in Berlin auf der Straße erfrieren?“

Im Senat gibt es Lob für das Engagement der BVG. Doch klar sei auch: „Das kann kein Dauerzustand, keine dauerhafte Lösung sein. U-Bahnhöfe sind kein adäquater Übernachtungsort für obdachlose Menschen“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Unter dem Motto Kältehilfe sei die Zahl der Notschlafplätze bereits erhöht worden – auf 1100. Weitere Verbesserungen seien in Sicht. Kneiding: „Wir arbeiten an einer gesamtstädtischen Lösung, für die keine U-Bahnhöfe mehr gebraucht werden.“

Im Bahnhof Südstern ist es nun 9 Uhr. Ein Mitarbeiter der Firma Sasse ist gekommen, um Kot, Urin und Müll zu entfernen. Schimpfend beginnt er mit der Arbeit.