Warten unterm Sternenhimmel: Die Simulation zeigt, wie der U-Bahnhof Museumsinsel einmal aussehen wird.
Foto: Max Dudler

BerlinDas wichtigste Detail zuerst: 6662 Lichtpunkte werden im U-Bahnhof Museumsinsel erstrahlen. 6662 kleine Sterne an einem ultramarinblauen Himmel, zu dem die Decke der Tunnelstation gestaltet wird. „In zwei bis drei Wochen wird damit begonnen, die Konstruktion zu montieren“, sagt der Architekt Max Dudler, der den Bahnhof an der Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 in Mitte entworfen hat. „Viele Besucher werden wegen des Sternenhimmels hierherkommen“, hofft er.

Noch ist viel Fantasie nötig, um sich vorzustellen, wie es in der Station mehr als 16 Meter unter dem Spreekanal aussehen wird. Max Dudler, architektengemäß schwarz gekleidet, steht auf dem nackten Beton des künftigen Bahnsteigs. Die Gleise, auf denen die U-Bahnen zum Hauptbahnhof und nach Hönow halten werden, liegen zwar schon.  Vielerorts wird aber noch gearbeitet. 

Am Montag wurde eine wichtige Etappe gefeiert: Der Rohbau ist fertig.  Vor der Kulisse der Schlossbaustelle zog ein Kran den Richtkranz hoch. Wegen des Sturmtiefs „Sabine“ war die Feier nach unten ins Zwischengeschoss des künftigen U-Bahnhofs verlegt worden. Dort trug Oberpolier Herbert Herold „mit Gunst und Verlaub“ den Richtspruch vor und leerte mit zwei Kollegen zügig eine kleine Flasche Schnaps. Aber es gab ja auch wirklich etwas zu feiern: Acht Jahre nach dem Baustart kann nun der Ausbau des U-Bahnhofs Museumsinsel beginnen.

Grundwasser muss in Schach gehalten werden

„Wir stießen oft an Grenzen und dachten: Wir schaffen es nicht“, erinnerte sich Jörg Seegers, der Technische Geschäftsführer der BVG Projekt GmbH. „Doch wir haben Mut, Kreativität, starke Nerven und Durchhaltevermögen bewiesen.“  

Dieses Teilprojekt gilt als das schwierigste beim Weiterbau der U5. Es entsteht im historischen Zentrum. „Nebenan steht die Alte Kommandantur mit der Bertelsmann-Repräsentanz. Dort beginnt auch die Straße Unter den Linden“, sagte Seegers’ kaufmännische Chefkollegin Ute Bonde. Viele Anwohner gibt es nicht. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ehemann Joachim Sauer leben nicht weit von der U-Bahn-Baustelle entfernt.

Auch der Bahnsteig des U-Bahnhofs Museumsinsel ist im Rohbau fertig. Ab Sommer 2021 werden hier Fahrgäste auf die U5 warten.
Foto: Berliner Zeitung/ Gerd Engelsmann

Wasser gibt es nicht nur über dem U-Bahnhof – in Form des Spreekanals. Es ist auch im Untergrund reichlich vorhanden, was vor allem anfangs immer wieder zu Verzögerungen führte. Um das Grundwasser in Schach zu halten, kam es zur größten unterirdischen Bodenvereisung Europas.  95 Rohre, jeweils 105 Meter lang und Lanzen genannt, wurden ins Erdreich getrieben, erklärte Henning Schrewe, der Deutschland-Chef des schweizerischen Bauunternehmens Implenia.  

Im November oder Dezember beginnt der Zugbetrieb

Sie nahmen minus 37 Grad kalte Kalziumchloridlösung auf, die den Boden in 80 Tagen in einen 35 Meter breiten und 105 Meter langen Eisblock verwandelte. 2000 Messfühler kontrollierten die Temperatur. So entstand bis Mitte 2019 der Stollen zwischen den Gleisen, der nun zum Bahnsteigbereich ausgebaut wird. Bereits im Jahr davor war der Tunnelabschnitt auf den Namen Lavinia getauft worden. Lavinia Frey ist die Programmchefin der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss.

„Große Ingenieurskunst“, lobte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Auch er freut sich auf den Sternenhimmel. Vor 22 Jahren hatte Max Dudler mit seinem Entwurf, bei dem er sich von Karl Friedrich Schinkels Bühnenbild für die Zauberflöte inspirieren ließ, den Wettbewerb gewonnen. Jetzt ist die Montage in Sicht. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Dudler.

Die Metallbaufirma Heckmann in Hoppegarten ist dabei, die Stahlkonstruktion herzustellen. Arbeitszüge werden sie in den U-Bahnhof bringen, wo sie zusammen mit anderen Elementen an der Decke angebracht wird. Die Sterne, die dort leuchten werden, sind die Enden von Lichtfasern. Vom Prinzip her lässt sich das Ganze mit einer Glasfaserleuchte aus den 1970er-Jahren vergleichen.

Ab November oder Dezember 2020 wird die U5 aus Hönow, die heute am Alexanderplatz endet, zum Hauptbahnhof weiterfahren. Wie berichtet kursiert bereits ein möglicher Erffnungstermin: der 19. November 2020. Doch dazu will sich niemand offiziell äußern. Klar ist aber, dass die Bahnen den U-Bahnhof Museumsinsel zunächst ohne Stopp durchfahren werden. Erst ab Sommer 2021 seien Halte möglich, so Jörg Seegers. Wann genau, ließ er offen: Vielleicht am Ende des zweiten Quartals, vielleicht danach. 

Neue Direktverbindungen - auch in den Osten Berlins

„Die neue U-Bahn-Strecke erschließt nicht nur Berliner Attraktionen“, sagte Michael Müller. Sie wird auch eine weitere Ost-West-Achse bilden, die zahlreiche neue Direktverbindungen ermöglicht - unter anderem zu den Großsiedlungen im Osten Berlins. „Wir erwarten 150.000 Fahrgäste pro Tag“, sagte der Senatschef.

Die rund zwei Kilometer lange Fortführung der U5 war auf 525 Millionen Euro kalkuliert. Wegen einiger Havarien kommt ein zweistelliger Millionenbetrag hinzu, sagte Ute Bonde. Viele Grüne und manche Sozialdemokraten fänden es gut, wenn nun erst einmal ins bestehende U-Bahn-Netz investiert wird. Dort summiert sich der Instandhaltungsrückstand auf über 1,7 Milliarden Euro.

U-Bahn-Netz soll wachsen

Beim Richtfest waren aber die Befürworter von Netzerweiterungen in der Mehrheit. Implenia-Chef Schrewe warb für weitere Investitionen in den U-Bahn-Bau. Sicher sei das technisch kompliziert und aufwendig, es entlaste aber den Verkehr an der Oberfläche, sagte er.

Die U7 müsse über Rudow hinaus zum Flughafen BER in Schönefeld verlängert werden, forderte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Die Strecke wäre vor allem für die vielen Menschen wichtig, die dort arbeiten werden. Die U6 wiederum bräuchte einen Abzweig zum künftigen Wohn- und Forschungsstandort auf dem heutigen Flughafen Tegel.  „Auch nach Weißensee wäre eine U-Bahn-Strecke sinnvoll“, sagte Gothe. Solche Planungen gibt es schon lange.

„Die Weiterentwicklung des Netzes ist richtig und nötig“, bekräftigte der Regierende Bürgermeister. Jörg Seegers und seine Leute stehen bereit: „Wir haben gezeigt, dass Berlin auch Großprojekte kann.“