Reisen bildet. Auch wenn es auf der U Bahn-Linie 8 nur ein paar Stationen weit geht.
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BerlinIch fahre jetzt wieder öfter U-Bahn. Nicht, weil es da gemütlicher zugehen würde als auf dem Fahrradweg. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln gilt: Unterm Strich zähl’ ich. Es gilt: Survival of the Fittest, Fattest, Frechest, Flachest. Aber ich kann wenigstens etwas lernen. Mehr jedenfalls als Kraftausdrücke im ortsüblichen Regiolekt: Icksagdamawattdupissnelke!

Am Donnerstag auf der Linie 8 zum Beispiel. Neben mir telefoniert eine Frau mit dem Organ von Ella Fitzgerald, und obwohl sie nicht auf Deutsch in ihr Handy ruft, das sie wie eine Tafel Zartbitterschokolade vor den Mund hält, lässt sie bei den übrigen Insassen des Waggons keinerlei Zweifel aufkommen, dass sich das Gegenüber warm anziehen muss.

Eine Ansage für Herrn Krause?

Möglicherweise handelt es sich um eine Krise in der Beziehung, ruft sie in die Zartbittertafel: „Lass mir die Schlampe unter die Augen kommen, der kratze ich die Augen aus!“ Gibt es ein Problem am Arbeitsplatz, zu dem sie gerade fährt? „So, Herr Krause, sie Dummschwätzer! Ich bin gleich da, und dann geige ich Ihnen mal die Meinung, dass Sie so klein sind mit Hut!“ Aber würde Herr Krause sie verstehen? Vielleicht klagt sie einer Freundin ihr Leid, und die Verbindung ist schlecht hier unten  zwischen Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz. Möglich wär’s.

Allerdings kommen die Erwiderungen klar und deutlich aus der Plasteschokolade. Knapp sind sie, und könnten soviel heißen wie: „Dieser Schuft.“ Oder: „Cool, dass Du Dich das traust.“ Zum Abschied wird es ausführlicher, möglicherweise: „Na dann, wir sehen uns, mach’s gut, und lass den Kopf nicht hängen, das ist der Kerl nicht wert.“

Ella Fitzgerald steckt das Handy in eine Handtasche, die auf ihrem Schoß ruht wie ein weißes Kaninchen. Sie dreht ihren Kopf zu ihren Sitznachbarn, nach links, nach rechts, zu mir. Ich lächle, sie lächelt zurück. Ich habe das Gefühl, dass sie jetzt einen Kommentar von mir erwartet. Ich sage: „Interessante Sprache.“ Sie sagt: „Igbo.“ Ich frage: „Wie?“ Sie wiederholt: „Ig-bo! Das spricht man in Nigeria.“ Dann steht sie auf, als wäre diese Erklärung der Sinn ihrer Fahrt mit der U 8 gewesen.

Kurz darauf komme ich auf die Arbeit. „Hallo.“ „Moin.“ „Tach.“ Ein Kollege telefoniert. Er trägt ein Headset und sagt gerade etwas ins Mikro, das kling wie: „Feinchen. Tschüh.“ Diese Sprache beherrsche ich. Ein bisschen jedenfalls.