Mobil mit dem Mobiltelefon: Per App können Uber-Kunden Mietwagen bestellen, die von Chauffeuren gefahren werden. Die Autos gehören nicht Uber, sondern Subunternehmen.  
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BerlinBislang ist Uber vor allem in großen Städten tätig. Doch das US-Unternehmen baut sein Engagement außerhalb der Metropolen aus – nun auch im Berliner Umland. Ab sofort vermittelt Uber auch in Falkensee im Landkreis Havelland  Fahrdienste. In der sechstgrößten Stadt des Landes Brandenburg begann Uber an diesem Donnerstag ein Pilotprojekt, das mindestens bis zum Ende 2020 dauern soll. Es ist das zweite Vorhaben dieser Art in Deutschland.  

„Wir freuen uns, dass wir mit Uber die Mobilität in Falkensee unterstützen können. Mit unserem Service ergänzen wir den Nahverkehr und helfen den Einwohnern dabei, auch ohne eigenes Auto mobil zu sein“, sagte Christoph Weigler, General Manager von Uber Deutschland. Mit dem Pilotprojekt werden die Mobilitätsangebote mit einem komfortablen Service erweitert, lobte Falkensees Bürgermeister Heiko Müller. „Dadurch wird die Anbindung an die Bahnhöfe und nach Berlin verbessert“, so der SPD-Politiker. Bislang gab es spätabends und nachts kaum Angebote. 

In der expandierenden Kleinstadt westlich von Berlin richtet Uber  zwei unterschiedliche Angebote ein. Eines davon ist der „Falkenseer“: Limousinen fahren von jeder Adresse in der 44.000-Einwohner-Kommune zu den Bahnhöfen Falkensee, Finkenkrug und Seegefeld – sowie von dort wieder zurück. Während der ersten drei Monate kostet eine Fahrt fünf Euro, danach werden acht Euro pro Tour berechnet. Das zweite Angebot heißt „Spandauer“. Es verbindet Falkensee und den Bahnhof Berlin-Spandau in der Nacht. Dort sind die Wagen zwischen 22 und 6 Uhr buchbar, wenn Bahnen und Busse nicht mehr oder nur noch selten verkehren. Eine Fahrt kostet pauschal 15 Euro.

Wer die Fahrdienste nutzen will, muss sich die Uber-App auf sein Mobiltelefon laden. Dort sind dann die Optionen UberX oder UberGreen zu wählen, hieß es. Wie anderswo werden die Fahrzeuge nicht von Uber betrieben. Sie gehören lizenzierten Mietwagenunternehmern, die auch das Fahrpersonal stellen und Uber für jede vermittelte Fahrt eine Provision zahlen. „Alle Fahrten sind vollständig versichert und werden von professionellen Fahrern durchgeführt“, so Uber-Sprecher Tobias Fröhlich. Bei jeder Buchung wird dem Kunden nicht nur das Profil des Fahrers mitgeteilt, er erfährt auch den Fahrpreis vorab. Bezahlt wird bargeldlos.

Im März 2020 hatte das Unternehmen angekündigt, dass es im Land Brandenburg ein Pilotprojekt plant. Rund 50 Bewerbungen gingen ein, größtenteils von Gemeinden. Dazu zählten auch Orte in dünn besiedelten Gegenden, so Christoph Weigler. Dort wären die Leerfahrten aber so lang geworden, dass ein profitabler Betrieb nicht möglich wäre. Das Personenbeförderungsgesetz verpflichtet Mietwagenunternehmen seit 1982 dazu, nach jeder Fahrt an den Betriebssitz zurückzukehren, sofern vor der Fahrt nicht telefonisch ein weiterer Beförderungsauftrag eingegangen ist. „Angesichts dieser Rechtslage mussten wir uns für einen Ort in der Peripherie einer Großstadt entscheiden“, sagte der Chef von Uber Deutschland.

Ein ähnliches Projekt in Kroatien war Vorbild

Das erste Uber-Pilotprojekt im ländlich geprägten Raum begann im vergangenen November in Kirchheim in Bayern. „Die Nachfrage hat die Erwartungen deutlich übertroffen“, berichtete Weigler. In Abstimmung mit dem Bürgermeister der 12.000-Einwohner-Gemeinde nordöstlich von München sei das Projekt im Februar 2020 um mindestens sechs weitere Monate verlängert worden. Bis dahin wurden rund 3000 Fahrten vermittelt, ein Drittel waren Touren innerhalb von Kirchheim und den umliegenden Orten, zwei Drittel führten nachts von und nach München.

Vorbild für das Pilotprojekt in Kirchheim war ein ähnlicher Service in Kroatien. „An der Mittelmeerküste hat Uber ein Mobilitätsangebot aufgebaut, das zunächst vor allem von Touristen genutzt wurde“, berichtete Weigler. Nach dem Ende der Saison stellte Uber fest, dass die Fahrzeuge weiterhin frequentiert wurden – von Einheimischen, die sich über die Alternative zu den lückenhaften Linienbusdiensten freuten. „Der Erfolg in Kroatien hat uns inspiriert, so etwas auch in Deutschland zu versuchen“, so Weigler. In Kirchheim bei München war das Engagement bis auf „homoöpathische Beträge“ für das Unternehmen bislang profitabel. Das erhofft sich Uber auch von Falkensee. Öffentliche Zuschüsse gibt es in beiden Fällen nicht.

Das erste Pilotprojekt dieser Art begann im vergangenen Jahr im bayerischen Kirchheim. Maximilian Böltl, Erster Bürgermeister (l.), und Christoph Weigler von Uber Deutschland, stellten das Angebot vor.
Foro:  Uber Deutschland/Franz-Josef Seidl

Uber wird vor allem von der Taxibranche kritisiert. Der Fahrdienstvermittler unterbiete häufig die Taxitarife, heißt es dort. Zudem würden die Subunternehmen das Fahrpersonal zu prekären Bedingungen beschäftigen und Aufsichtsbehörden oft ein Auge zudrücken – zum Beispiel wenn es darum geht zu kontrollieren, ob die Wagen nach jeder Fahrt tatsächlich wie gesetzlich gefordert zu ihrem Betriebssitz zurückkehren. Alles in allem ergäben sich gravierende Wettbewerbsnachteile für Taxiunternehmen, die anders als Uber nicht auf finanzstarke Investoren zählen können. Das Unternehmen weist die Kritik zurück.

„Nach unserer Einschätzung zielt das Angebot eher auf eine Konkurrenzierung des Taxis ab“, sagte Joachim Radünz, Sprecher des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), der Berliner Zeitung. „Zumindest nach unserem Verständnis werden – wie beim Taxi – nur ganze Fahrten angeboten, es sind also keine Sammeltaxis, es findet kein Pooling statt. Entsprechend sind die Preise für eine tägliche Nutzung durch Pendler recht hoch.“ Beim VBB weiß man, dass die Verfügbarkeit von Taxis im Land Brandenburg generell ein Problem ist. „Wir sind aber skeptisch, ob die von Uber verfolgte Lösung das Problem beheben würde“, schätzte der Verbund-Sprecher ein.

Skeptische Reaktionen

Die bald fünftgrößte Stadt im Land Brandenburg wird von sieben Buslinien der Gesellschaft Havelbus erschlossen, unter anderem von einer Ringlinie und anderen Strecken mit lokalem Charakter. Aus Spandau führt die Buslinie 337 der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dorthin. Auf vier Linien steuern Regionalzüge Falkensee an.

„Wir sehen in dem Angebot von Uber keine Ergänzung des Nahverkehrs, da es keine tarifliche Integration gibt und das Angebot auch nicht darauf abzielt, Gebiete zu erschließen, die vom Nahverkehr schlecht erschlossen sind“, erklärte Joachim Radünz. Der Verkehrsverbund erwarte keine signifikanten Veränderungen der Fahrgastzahlen. „Eventuell sind vereinzelte Verlagerungen denkbar, zum Beispiel im Freizeitverkehr. Doch für regelmäßige Fahrgäste wie Pendler ist das Angebot recht teuer, zumal in aller Regel die Fahrgäste trotzdem noch ein VBB-Ticket benötigen werden, um an ihre Ziele zu kommen.“ Ein Einzelfahrschein von Finkenkrug, Falkensee oder Seegefeld ins Berliner Stadtzentrum kostet 3,60 Euro.

Auch beim Fahrgastverband Pro Bahn sieht man den neuen Service zurückhaltend. „Es ist aus der Sicht der Fahrgäste sicher interessant, Angebote zu haben, die neue und weitere Möglichkeiten bieten“, sagte Peter Cornelius, Vorsitzender des Pro-Bahn-Landesverbands Berlin-Brandenburg. Auch er rechnet damit, dass Uber den Taxen in Falkensee Geschäft wegnimmt.

Fraglich sei, ob das Angebot wirklich auf alle Nutzergruppen zugeschnitten ist. „Wird die Oma in Falkensee, die zum Arzt will, eine App auf ihrem Mobiltelefon haben, mit der sie dann Uber anfordert und wird die Oma dann mit der App auch elektronisch zahlen ?“, so Cornelius. „Sollte die Verwaltung von Falkensee nicht eher über eine Datenbank Nachbarschaftshilfe organisieren, bei der die Oma dann bei einem Stadtbediensteten anrufen kann, wenn sie eine Mitfahrgelegenheit braucht und sich kein Taxi leisten kann?“

Im bayerischen Kirchheim hat Uber das Problem erkannt. „Dort prüfen wir, ob die Wagen auch per Telefon bestellt werden können“, sagte Christoph Weigler.