Dass Berlin (gefühlt) die Pandemie überwunden hat, muss man gar nicht erst beweisen. Abends sind die Tische vor den Restaurants wieder voll. Auf der Admiralbrücke sind so viele Menschen vor Ort, dass man Angst um das statische Gleichgewicht der Brücke hat. Die Weserstraße wirkt wie ein Schaulauf romantischer Abiturienten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als knutschend in einer Neuköllner Eckkneipe abzustürzen, die am besten auch noch einen Artikel im Namen hat („Das Ä“, „Das Tier“ oder „Das Gift“).

Touristen posten auf Facebook, wie frei sie sich im Berghain fühlen. Hostelbesucher strömen in die Clubs an der Spree. Und in der Wrangelstraße hört man wieder Spanisch, als sei man in einer Gasse in Madrid und nicht in Berlin-West. Alles wieder ganz normal in der Hauptstadt.

Aber was heißt schon normal in Berlin? Normal ist hier, wenn der Puls außer Kontrolle gerät. Vor allem nachts. Denn das Nachtleben ist für den Berliner Wahnsinn die Bühne, wo sich die wahre Identität dieser Stadt und deren zartes Nervenkostüm offenbaren dürfen. Man muss nur durch Neukölln, Kreuzberg, Friedrichshain laufen, freitags nach 22 Uhr, um es zu verstehen.

Eine neue Perspektive auf den Berliner Schmuddel-Look

Aber es geht auch anders. Man kann sich auch in ein Uber-Auto setzen und sich den Wahnsinn erzählen lassen, wie mir neulich passiert ist, neulich in Neukölln, nach 23 Uhr. Draußen tobte das Leben. Ein Deutschtürke holte mich ab, wir kamen schnell ins Gespräch. Er stellte sich als Urberliner vor, der in Gropiusstadt aufgewachsen sei („Nicht schön! Immer noch kriminell!“). Was ihn mir sympathisch machte, war seine tendenziell arrogante und besserwisserische Haltung gegenüber Studenten. Ich hatte den Eindruck, dass er sich dabei auch über mich lustig machen wollte.

„Ich kann nicht verstehen, wie diese Studenten in diese heruntergerockten Kneipen in Neukölln gehen können, an diesen heruntergeranzten Tischen sitzen, dieses Billig-Bier trinken und dann noch viel Geld dafür zahlen. Voll die Verarsche!“ Ich schaute aus dem Fenster, sah durch die Fensterläden in die Kneipen und fragte mich, ob der Uber-Fahrer vielleicht recht hatte. Es war jedenfalls eine neue Perspektive auf den Schmuddel-Look in Berlin.

„Es nervt einfach tierisch“

Die Zungen waren gelöst, wir hatten noch etwa 15 Minuten Fahrtzeit vor uns und der Uber-Fahrer war in Plauderlaune. Das war eher ungewöhnlich, sagte er, weil er seine gesprächsfreudigen Fahrgäste oft nervig finde und so tue, als ob er gar kein Deutsch sprechen könne. Es klang bereits an, dass er ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Uber-Fahrer-Job hatte.

Ich wollte wissen: „Warum machst du diesen Job?“ Der Fahrer sagte, dass er arbeitslos geworden sei und sich einen neuen Broterwerb suchen musste. Und wie gefalle ihm nun sein neuer Beruf als Uber-Fahrer? Er antwortete kurz und knapp: „Nicht gut.“

Was danach folgte, löste ehrliches Mitleid in mir aus. Der Fahrer kam aus dem Anekdotenerzählen gar nicht mehr heraus. Es waren Einblicke ins Berliner Nachtleben von der Seitenlinie aus. „Ich fahre nur abends und nachts“, sagte er. „Und das ist in Berlin einfach die schrecklichste Zeit für jeden Uber-Fahrer.“ Er holte tief Luft. „Besonders, wenn man in Neukölln oder Kreuzberg unterwegs ist. Die Kunden sind durchgeknallt, auf Drogen, besoffen, wollen Stress oder quatschen. Es nervt einfach tierisch.“

Viele Uber-Kunden sind verrückt

Ich wurde stutzig. War der Uber-Fahrer-Job wirklich so schlimm? „Ja, man“, sagte der große Mensch im Fahrersitz nickend. „Nur Verrückte!“ Jetzt wollte ich es doch etwas genauer wissen, ich lehnte mich vor. „Wie viele Kunden sind normal und wie viele verrückt?“ Der Fahrer antwortete ganz präzise, fast ohne nachzudenken: „70 Prozent sind verrückt, 30 Prozent sind normal. Und die Schlimmsten sind die, die Freitag- oder Samstagabend einen Uber rufen.“

Die Betrunkenen? „Ja.“ Mein Fahrer gab ein paar Beispiele als Beleg seiner These. „Seit ein paar Wochen mache ich diesen Job. Und ich kann sagen: Ich habe schon die krassesten Dinge erlebt. Ein Kunde hat aus dem Fenster gekotzt. Zwei Party-Touristinnen aus England haben mir während der Fahrt das rechte Ohr abgeschleckt. Sie hörten nicht auf, mich anzufassen.“

An einem anderen Abend habe ein Familienvater ein Uber bestellt. Als mein Fahrer ihn abholen wollte, stand der Kunde mit fünf Kindern ohne Kindersitzen da und bestand darauf, mitgenommen zu werden. Als mein Fahrer sagte, dass das zu gefährlich und sowieso gegen die Uber-Bestimmungen sei, rastete der andere Mann aus und schwor, sich über meinen Fahrer bei Uber in der Konzernzentrale zu beschweren. „Das ist scheiße. Denn der Kunde hat bei Uber immer recht. Man bekommt schnell eine Verwarnung und hat kaum Gelegenheit, sich zu rechtfertigen.“

Meinen Job tauschen wollen würde ich nicht

Mein Uber-Fahrer schaute verbittert und doch leicht amüsiert nach vorne. Er sprach von Betrunkenen, von Schnapsleichen, von Durchgedrehten, von einem Milieu, das sich abends in Berlin herumtreibt, um im Suff die Sorgen zu vergessen und dann, wenn alle Hüllen gefallen sind, im Zustand geistiger Umnachtung, im Uber alle zivilisatorischen Regeln beiseitezulegen.

Manchmal rufe der Fahrer, bevor er Leute abhole, vorher noch mal an, um sicherzustellen, dass nicht sechs Menschen vor der Kneipe stehen und abgeholt werden wollen, sondern maximal vier. Und was war das schlimmste Erlebnis überhaupt? Mein Uber-Fahrer musste nicht lange nachdenken. „Zwei Leute hatten Sex auf der Rückbank. Und ein anderer Mann war so auf Drogen, dass er sich vollgeschissen hat. Das war mein persönlicher Tiefpunkt.“ Ach ja.

Mir tat mein Uber-Fahrer leid. Und doch beneidete ich ihn ein wenig um die Abenteuer, die er erlebte, und den intimen Blick, den er in die Seitenbühnen des Berliner Nachtlebens bekam. Doch dass der Job anstrengend ist und einem Respekt abverlangen sollte, das verstand ich jetzt sehr wohl. So gut wie noch nie.

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