Stolpe - Der Mensch hat Glück, dass Tiere nicht nachtragend sind. Der Dachs hätte allen Grund dazu. In der Vergangenheit räucherten die Menschen seine Bauten aus, sodass die Tiere heute nur noch selten in Deutschland zu sehen sind. Trotz allem erwies sich ein Exemplar von ihnen jetzt als ihr Helfer. Und zwar als Archäologe.

Der Dachs, der von Natur aus mit Schaufeln an den Händen ausgestattet ist, hatte sich für sein unterirdisches Bauwerk einen Platz in der Uckermark ausgesucht. Natürlich waren auch die Menschen schon da. Ein Bildhauer-Paar interessierte sich für denselben Ort. „Dort wollten wir Kunstwerke aufstellen“, sagt Lars Wilhelm, der auch ehrenamtlich als Denkmalpfleger arbeitet.

Er entdeckte einen Knochen, den das Mardertier hervorgewühlt hatte und rief ein paar Fachleute herbei. Es stellte sich raus, dass der Dachs einen bedeutenden Fund gemacht hatte. Er hatte ein Grab aus dem Mittelalter unterhöhlt und die Überreste eines Kriegers ausgebuddelt: Der Mann gehörte zu den letzten standhaft heidnischen Slawen, umringt von lauter Christen.

Eine große Ausnahme

Die menschlichen Archäologen legten acht Gräber frei, davon zwei Fürstengräber. In einem war der etwa 40-jährige Krieger bestattet, über der Schulter ein zweischneidiges Schwert, am Fußende eine Bronzeschale. „Damals dienten solche Schalen dazu, sich vor dem Essen die Hände zu benetzen“, sagt der Grabungsleiter Felix Biermann von der Ernst-August-Universität Göttingen. „Die Schale ist ein Zeichen dafür, dass der Mann zur Oberschicht gehörte.“

Am Gürtel trug der Krieger eine Bronzeschnalle mit Schlangenköpfen, die aus Skandinavien stammt. Auch eine Pfeilspitze lag im Grab. „Es war ein reich ausgestatteter Krieger. Narben und Knochenbrüche weisen darauf hin, dass er von Lanzen und Schwerthieben getroffen wurde und auch vom Pferd gefallen war.“

In einem anderen Grab entdeckten die Forscher eine Münze im Mund einer Frau. Diese erhielt nach damaligem Glauben der Fährmann für die Überfahrt ins Totenreich. Auch Schmuck lag bei der Toten. Vereinzelt wurden damals noch slawische Gottheiten verehrt, obwohl sich in Mitteldeutschland, Vorpommern, Brandenburg und Polen schon der christliche Glaube durchgesetzt hatte.

Der Fund in Stolpe sei eine große Ausnahme, sagt Thomas Kersting, vom Brandenburger Landesamt für Denkmalpflege. Normalerweise würden Archäologen bei Bauarbeiten aktiv und lenkten vom Planungsstadium an das Baugeschehen mit. „In der Regel ist dies erst Anlass für die Grabungen.“ Die Funde werden jetzt restauriert und der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Dachs wird seinen Bau sicherlich eingebüßt haben. Den Ruhm für die Entdeckung bekommen die menschlichen Archäologen. Hoffentlich ist der Dachs nicht nachtragend.