Wer in diesen Tagen mit Udo Lindenberg reden möchte, muss nach Hannover fahren. In den Peppermint Park Studios am Stadtrand bereitet sich der Musiker mit seiner Band auf drei große Stadionkonzerte im Juli vor. Es ist ein heißer sonniger Nachmittag, als Lindenberg in seinem Porsche zur Probe gefahren kommt. Er steigt aus, zündet sich eine Zigarre an, umarmt und küsst jedes Crewmitglied. Das dauert eine Weile. Dann schlägt er vor, das Interview bei einem Spaziergang in der Sonne zu führen.

Herr Lindenberg, Ihre Stadion-Tour in drei Großstädten beginnt am 10. Juli in Hannover. Vergangenes Jahr spielten Sie an vier Abenden in ausverkauften Fußballstadien vor jeweils 50 000 Menschen. Ist das noch zu toppen?

Das Abenteuer geht weiter. Mit Konzerten in Stadien habe ich erst im vergangenen Jahr angefangen, und wir haben gemerkt, das ist genau unsere Dimension. Wir entwickeln das Konzept weiter, ändern ein paar Sachen am Programm, an der künstlerischen Herausforderung, Flugakrobatik und so, ich bin als Flugente unterwegs, Daniel Düsentrieb, der Udonaut kommt eingeschwebt. Das ist eine hochkitzlige Nervenangelegenheit!

Am 14. Juli spielen Sie im Olympiastadion in Berlin. Sie kündigen diesen Abend als die größte Rock-Revue des Landes an, ja der ganzen Welt. Da müssen Sie aber ordentlich was auffahren!

Wir mache eine richtige Revue mit Tänzern und Akrobatik. Ich kann durch das ganze Stadion fliegen! Bis in die letzte Reihe. Wir haben eine hoch komplizierte computergesteuerte Technik entwickelt, es ist weltweit die erste. Ich stehe auf einer Plattform, die nur von vier dünnen Drähten gehalten wird, und die Plattform hält höchstens 75 Kilo Gewicht.

Das dürfte doch kein Problem sein, Sie sind sehr schlank geworden.

Stimmt. Früher wog ich 90 Kilo. Da war ich noch ein Rock’n Roll-Mops und hauptberuflich Alkoholstudent. Dann hatte ich die Faxen dicke und bin noch mal umgestiegen auf andere schöne fernöstliche Angelegenheiten.

Welche?

Das möchte ich nicht sagen, wir sind hier öffentlich-rechtlich. Das bleibt mein Geheimnis, sowas muss es ja auch noch geben.

Sie haben einen sehr herzlichen Umgang zur Band, jeden Musiker und Techniker begrüßen sie mit langen Umarmungen und Küsschen.

Mit der Panik-Familie unterwegs zu sein, das ist für mich das schönste, was es gibt. Ein e andere Familie habe ich ja nicht. Wir sind 150 Leute, alle entspannt und freundlich, sehr innig, es gibt keinen Stress. Alle sind mächtig stolz darauf, dass wir diese Familie sind, wir kennen uns über 40 Jahre. Diese Vertrautheit, dieses Crazytum, wenn wir nachts unsere geilen Partys machen, hoch die Tassen und Rock’n’Roll-Gedöns. Und ich geh dann joggen, jede Nacht, eine Dreiviertelstunde oder eine ganze Stunde. Das ist wichtig für meine Kondition, ich stehe drei Stunden auf der Bühne und mache nicht eine Sekunde Pause!

Berlin hat für Sie immer eine große Rolle gespielt, Sie sangen vom Sonderzug nach Pankow und über das Mädchen aus Ost-Berlin. Es gab diese Liebe tatsächlich. Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Wir verstehen uns sehr gut, wir sehen uns und telefonieren, sie kommt auch in meine Shows und keiner weiß, wer sie ist. Das geht mir immer noch sehr nah, ich habe eine süß-bittere Erinnerung an die alten Zeiten.

Sie haben einen Sohn mit ihr.

Ja, er ist Rapper, will aber nicht in meinem Sternenstaub mitfliegen. Er soll kein Promikind sein und kein Schattengewächs. Wir haben beschlossen, er macht sein eigenes Ding.

Sie sind eine Symbolfigur für das Zusammenwachsen beider deutscher Kulturen. Eine zugesagte Tournee durch die DDR haben die Funktionäre nach Ihrem Auftritt im Palast der Republik im Oktober 1983 plötzlich abgesagt. Haben Sie sich betrogen gefühlt?

Nein, die FDJ-Leute um Egon Krenz haben ja wirklich geglaubt, dass sie mir so eine Tournee durch die DDR erlauben können. Aber dann haben sie diese Unruhe bei den Jugendlichen gemerkt, bei den Panikexperten in der DDR ...

… als Sie überraschend zu den wartenden Fans vor den Palast der Republik gegangen sind.

Das wurde den Politikern zu riskant, sie dachten, das läuft aus dem Ruder, das entgleitet ihnen, das gibt Straßenrebellion. Davor hatten sie Horror. Aus Angst haben sie die Tournee dann abgesagt.

Sie hatten die Abschaffung der sowjetischen Raketen SS 20 gefordert.

Das hat ihnen natürlich auch nicht gefallen, das war für die ein Tabu. Aber ich musste was zu diesem irrsinnigen Totrüsten sagen. Damit kam der Schwachmaten-Verein nicht klar. Neulich habe ich Egon Krenz auf dem Flughafen Tegel getroffen, und ich habe ihn gefragt, ob er noch im Knast sitzt. Nein, sagt der, ich wohne jetzt in einer Platte. Ach so, sag ich, dann bist du jetzt der Plattenboss. Von Amiga Records! (lacht laut). Ich sehe das in der Rückblende mit einem großen Amüsement, aber natürlich denke ich auch an die vielen Leute, die deswegen in den Knast abgewandert sind, die ganze Schikane, Verfolgungen, bis hin zur Folter. Da vergeht einem das Lachen. Sonst ist die Nummer natürlich so grotesk wie aus einem Witzfilm. Wegen einem kleinen Sänger so ein Palaver!

Waren Sie oft in Ost-Berlin?

Zwei, dreimal durfte ich rüber, das war ein totales Abenteuer, aber zehn Jahre lang hatte ich dann Lokalverbot im Ostteil der Stadt. Ich wollte immer gucken, was die Bands da machen, zum Beispiel die Frauenband Mona Lisa, ich wollte die alle mal kennenlernen, die jetzigen Rammsteins und Sillys. Aber immer wieder wurden meine Anträge abgelehnt. Begründungen gab es keine. Erst nach dem Mauerfall habe ich alle kennengelernt, Silbermond und so. Berlin ist immer noch ein großes Abenteuer für mich!

Sie leben seit vielen Jahren im Hamburger Hotel Atlantic an der Alster. Wie oft sind Sie in Berlin?

Mittlerweile halbe halbe. Ich bin halb Hamburger und halb Berliner. Ich habe in Berlin auch eine Panikzentrale, an einem geheimen Ort, am Potsdamer Platz, in der Nähe des Theaters, wo mein Musical „Hinterm Horizont“ läuft. Dort sind meine Freunde. Wir treffen uns bei mir und dann schnacken wir über die Shows und feiern.

Ist Hamburg nur Ihr Rückzugsort?

Ne, da ist auch Party, bei mir ist immer geile Party. Da setze ich meine Kapuze auf und ’ne andere Brille, male mir ein Bärtchen an und dann schleiche ich über die Reeperbahn. Ich muss den Gang noch ändern, nicht so sexy, ich muss an solchen Abenden meinen erotischen Gazellengang ablegen.

Und wo treiben Sie sich in Berlin rum?

Mal rund um die Warschauer Straße und in Kreuzberg, wo wir auch im Studio für die neue Platte sind, und in Prenzlauer Berg. Da muss ich immer mal gucken, was die schwäbischen Experten da machen.

Werden Sie oft angesprochen?

Manchmal kommen Leute und wollen ein Foto mit mir machen. Das ist okay, das würde ich auch so machen, wenn ich Fan wäre. Aber viele wissen auch, dass ich mal Ruhe und innere Einkehr brauche, wenn ich verkleidet unterwegs bin, etwa am Potsdamer Platz, Unter den Linden, am Gendarmenmarkt und am Kudamm. Wenn ich dort meine Freunde besuche, Romy Haag, Ulla Meinicke… Aber man muss auch raus in die Kieze oder ins Berghain.

Was wollen Sie denn im Berghain?

Ich mag Techno, ich tanze gern. Früher war ich der Tanzbär, heute die geschmeidige Gazelle. Ich stell mich direkt vor die Boxen, nein, ich stell mich da rein, ich will den Bass auch physisch spüren, das putscht meinen Kreislauf nach oben. Die Leute sehen mich dann und sagen: Cool, der Udo ist auch da, aber alles läuft ohne Star-Gedöns ab. Jeder ist der Star.

Sie sind mit 69 Jahren noch gut im Geschäft: Konzerte, Kreuzfahrten und zurzeit noch Studioaufnahmen für das neue Album, das im Frühjahr 2016 erscheinen wird. Wie kriegen Sie das alles organisiert?

Als Überflieger und mit Coolness, also die wesentlichen Dinge auf dem Radar haben, mit Freunden an Texten und Musik basteln, Songs produzieren, nachts mailen, malen und telefonieren, Ping Pong, immer hin und her. Die Gefahr bei so einem Multitasking-Vogel wie ich es bin, wäre, wenn ich mich in so einen Übereifer reinziehen lassen würde, hechel, hechel. Ich habe keinen Manager, ich mache alles selber oder delegiere, aber als Panikpräsident bestimme ich die Richtlinienpolitik der Bunten Republik Deutschland. Dennoch müssen auch Sensibilität und Leidenschaft da sein.

Denken Sie ans Aufhören?

Keine Panik, das Abenteuer geht weiter. Ich strolche als Geheimagent in der Welt rum, New York, Los Angeles, Amazonas, China, mache jeden Monat so kleine Inspirations-Trips mit Freunden oder allein. Mein Chefkardiologe sagt, 30 Jahre habe ich noch. Bei meinem Lebensstil. Ich kann auch gar nicht aufhören. (Lindenberg bleibt stehen.) Denn wenn die Nachtigall verstummt, geht ganz Deutschland schwer vermummt, in gülden Tüchern und in Leinen, um zu trauern und zu weinen.

Heinrich Heine?

Nee. Udo Lindenberg.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.