Er könnte jetzt einen von den kleinen Schokokeksen nehmen, eine winzige Sünde zum Kaffee, den seine Assistentin auf den Tisch im Konferenzraum seines Loft-Büros an der Jannowitzbrücke stellt – aber Detlef „D!“ Soost schüttelt nur den Kopf. Wenn er heute noch Süßes isst, dann wird das zelebriert. „Mal so eben einen Keks reinschieben, ist nicht mehr“, sagt er. Stattdessen führt er zwischen den Interviewfragen lieber ein paar Liegestütze vor. Keine Frage, der Mann ist fit und hat vor, es zu bleiben.

Sie haben bei einer Größe von 1,90 Meter 32 Kilo abgenommen. Sie waren wirklich dick. Wie geht das, wenn man wie Sie als Choreograph von körperlicher Arbeit lebt? Sie bewegen sich doch den ganzen Tag.

Als Choreograph dirigierst du nur noch und kontrollierst, ob die Tänzer die Bewegungen richtig ausführen. Choreographen nehmen alle zu. Ich hatte irgendwann gar keine Zeit mehr, selbst auf der Bühne zu stehen, habe aber einfach so weiter gegessen, wie zu meiner Zeit als Tänzer. Da kannst du dir Kohlenhydrate reinziehen, wie du willst.

Gab es da so eine Art Aha-Moment? Der Punkt, an dem Sie sich sagten, dass Sie abnehmen müssen?

Da ist zunächst ein schleichender Druck: Nach dem Duschen trocknest du dich nicht mehr unbedingt vor dem Spiegel ab. Und dann kam dieser Moment: Ich war in der Karibik und habe mit Freunden Beachvolleyball gespielt. Zu der Zeit habe ich mein T-Shirt am Strand schon nicht mehr ausgezogen, weil ich mich so unwohl gefühlt habe. Aber an dem Tag war es so heiß und ich habe oberkörperfrei gespielt, bin nach dem Ball gehechtet, hingefallen, natürlich verschwitzt, in den feinen, wunderschönen Karibiksand und wieder aufgestanden. Und von diesem Moment gibt es ein Foto. Das sah so fies aus! Die Wampe hing an mir runter, weiß vom Sand. Als ich das sah, wusste ich: Jetzt reicht’s.

Wie haben Sie abgenommen?

Ich mache Body Weight Fitness, Functional Training. Das machen gerade alle. Das Prinzip ist einfach: komplexe Übungen, aber ohne Geräte. Damit kannst du bis zu 80 Prozent der Muskulatur gleichzeitig beanspruchen. Die Trainingszeit wird kürzer, 20 Minuten statt zwei Stunden im Fitnessstudio.

Für jemanden, der sehr körperbewusst ist – wie wirkt Berlin auf Sie?

Berlin sieht gut aus.

Berlin ist nicht zu dick?

Das wird nicht anders sein als im Rest von Deutschland, wo im Schnitt jeder Dritte bis Fünfte zu dick ist. Vielleicht fällt es hier nur nicht so auf, weil Berlin eine Modestadt ist. Da kann man viel kaschieren. Was man beobachten kann: Die Berliner Männer wollen wieder weniger androgyn sein und die Frauen wieder mehr Frau. Das finde ich gut. Ich glaube, dass ein Großteil der Probleme in Beziehungen daher rührt, dass Frauen glauben, immer maskuliner sein zu müssen, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Und Männer glauben, dass sie immer softer werden müssen. Ich bin ebenfalls ein sehr softer Typ, aber ich finde es gut, als Mann wie ein Mann auszusehen. Da werden jetzt viele wieder anfangen zu schreien. Aber irgendwer schreit ja immer.

Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen man Ihnen die Männlichkeit aufgrund Ihres Berufes als Tänzer abgesprochen hat?

Immer. Aber mein Wunsch, männlich zu sein, rührt nicht daher. Ich habe das immer witzig gesehen. Es gibt ja heute noch Kommentare auf Facebook, die offenbar dazu dienen, Frust zu kompensieren. Dann heißt es: „Der ist doch schwul“. Also, bei drei Kindern und einer Ehefrau, mit der ich übrigens seit sieben Jahren zusammen bin, würde ich da sehr viel Energie in ein Doppelleben investieren.

Sie wurden in Pankow geboren, Ihr Vater ist Ghanaer.

Mein Vater ist 2006 gestorben, ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen. Er hat seine Vaterschaft vor Gericht geleugnet, dadurch hat die DDR die väterliche Vormundschaft übernommen.

Ihr Vater ist als Medizinstudent nach Berlin gekommen.

Er hat in Köpenick gelebt und hatte eine kurze Affäre mit meiner Mutter. Als ich zur Welt kam, brach das Chaos aus, meine Mutter war verheiratet. Und zwar mit einem Weißen. Die ersten zwei Monate ging das gut, meinem vermeintlichen Vater ist das nicht aufgefallen. Bis seine Mutter sagte: Günter, sei nicht sauer, aber das ist nicht dein Kind. Das war das Ende der Ehe und der Beginn einer schlimmen Zeit für meine Mutter und mich.

Hat Ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt in Ost-Berlin?

Ich würde dieses Klischee gerne bedienen, aber das hat mich nie erreicht. Ich kann mich nur an drei Situationen erinnern. Der Freund meiner Schwester war rassistisch, er hat mich immer „Presskohle“ genannt, aber ich war zu jung, um das zu verstehen. Ich wusste nur, dass er mich nicht mag. Dann als Jugendlicher zweimal in Diskotheken und in der Lehre kam es auch mal vor, dass jemand einen dummen Spruch gemacht hat. Das waren die Situationen in meinem Leben, in denen ich mich geprügelt habe.

Sie waren verletzt?

Klar. Das geht in die Tiefe der Seele. Für deine Hautfarbe kannst du ja nichts.

Sie begannen mit dem Tanzen, nachdem Sie 1982 Michael Jacksons Musikvideo zu seinem Hit „Thriller“ gesehen haben. Hatte das auch mit einer Suche nach schwarzer Identität zu tun?

Unbewusst vielleicht. Ich war damals im Heim und habe das Video nachts im ZDF gesehen, das war ja so ein Gruselvideo, das durfte erst nach Mitternacht laufen. Ich habe diesen Typen gesehen, wie er tanzte, sich bewegte. Natürlich ist mir aufgefallen, dass meine Freunde nicht so braun und lockig waren wie der – ich aber schon. Ich dachte, dass ich vielleicht so ein kleiner DDR-Michael werden könnte. An der Horst-Viedt-Oberschule in Lichtenberg war ich als Heimkind schon stigmatisiert. Als ich anfing, Breakdance zu tanzen, galt ich plötzlich als cool.

Breakdance in der DDR?

Über den Rias konntest du die Musik hören, die haben wir im Heim mit einer Bandmaschine aufgenommen. Auf dem Schulhof haben wir uns gegenseitig die neuesten Moves beigebracht, oder ich habe sie mir aus der „Breakdanceschule mit Eisi Gulp“ im Fernsehen abgeguckt.

Später wurden Sie dann Model.

Ich war Teil der Gruppe „Modeexpress“ von Detlef Heising, der die Kollektionen entworfen hat. Damit sind wir dann in zwei Bussen durch die DDR gereist und haben bei Betriebsfeiern und Stadtfesten unsere Show gezeigt. Parallel habe ich eine Lehre in der Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn gemacht, im Dreischichtsystem. Nach Feierabend ging es zu den Proben für die Modenschauen, bei denen uns ein Choreograph vom Friedrichstadtpalast trainiert hat. Wenn man mir heute vorwirft, ich wäre zu hart zu den Leuten, die ich trainiere, dann war der Choreograph aus dem Friedrichstadtpalast ein General. Der hat mich zum Heulen gebracht. Trotzdem war es eine schöne Zeit. Ich kam raus, erlebte eine andere Welt. Einen Tag nach Abschluss der Lehre habe ich mich gegen die Arbeit entschieden und wurde selbstständig.

Fühlten Sie sich eingesperrt in der DDR?

Nein, aber ich bin heute natürlich sehr dankbar für die Wende, auch wenn ich nicht danach geschrien habe. Vielleicht, weil ich als Mensch eher sittsam bin. Ich könnte mir auch nie vorstellen, aus Berlin wegzuziehen, nicht mal aus meinem Kiez in Mitte, wo ich lebe.

Fahren Sie manchmal nach Marzahn? Vielleicht für ein bisschen Heimatgefühl?

Das empfinde ich dort ehrlich gesagt nicht. Ich bin oft umgezogen. Zuerst habe ich in Wilhelmsruh gelebt, dann in Pankow, in Alt-Stralau, Schöneweide, Lichtenberg, Marzahn, Ahrensfelde, Friedrichshain, dann gab es einen Ausflug nach Neukölln, dann Charlottenburg, zurück nach Prenzlauer Berg, wieder Friedrichshain, und jetzt lebe ich in Mitte. In Ost-Berlin bin ich verwurzelt, das stimmt schon. Aber der erste Ort, an dem ich mich wirklich heimisch fühle, ist, wo ich jetzt wohne, in der Veteranenstraße. Man grüßt sich auf der Straße, winkt in die Läden rein. Man kennt sich. Das ist Heimat.

Kamen Sie gut zurecht in der Wendezeit?

Mitunter. Auch ich musste erst Anschluss finden an diese konsumgesteuerte, kapitalistische Welt. Wir hatten doch keine Peilung. Die Gesetze haben sich von einem Tag auf den anderen geändert. Ich habe mir einen Kadett gekauft, den der Vorbesitzer total gepimpt hatte. Das ist mir gar nicht aufgefallen, ich wusste ja nicht, wie so ein Kadett normalerweise aussieht. Am Bahnhof Springpfuhl hielt mich dann die Polizei an und ich bekam neun Punkte in Flensburg. Neun! Ich hatte früher einen Wartburg, was wusste ich?

Wie ging Ihr Leben weiter?

Man befand sich permanent in einer Grauzone. Ich habe gleich nach der Wende als Finanzvermittler gearbeitet, habe in Marzahn an den Türen geklingelt. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit: wie man zu Menschen sehr schnell eine Verbindung knüpft. Da hatte man eine Minute, mehr nicht. Dann habe ich Zigaretten aus Polen geschmuggelt, bis ich erwischt wurde. Ich war naiv.

Da taumelt man so durch die Nachwendezeit und kommt irgendwann in einer Castingshow im Privatfernsehen an?

Ich hatte irgendwann Schulden von unbezahlten Strafzetteln, da war ich Anfang zwanzig und völlig orientierungslos. Ich kam für einen Tag ins Gefängnis in Plötzensee, das war für mich der Wendepunkt. Ich sagte mir: Entweder probierst du es nun als professioneller Tänzer, oder du suchst dir einen Job. Dann haben sich die Dinge auf einmal ergeben. Ich habe jede Chance genutzt und ab diesem Zeitpunkt ging es aufwärts. Als das Angebot für Popstars kam, war ich wahrscheinlich schon der bekannteste Choreograph für Pop Acts in Deutschland.

Denken Sie heute manchmal, Sie waren zu streng mit den Jugendlichen? Die Kritik gab es ja häufig.

Aber wer sieht das denn eigentlich kritisch? Die Kandidaten sind junge Erwachsene, die wissen, worauf sie sich einlassen. Die Menschen, die das kritisch sehen, sprechen diesen jungen Erwachsenen die Mündigkeit ab. Das regt mich auf. Die Eltern dieser Jugendlichen waren immer dankbar dafür, dass mal klar und ehrlich mit ihnen gesprochen wurde und ihre Talente realistisch bewertet wurden. Eltern sind dazu doch nicht in der Lage, die finden immer toll, was ihre Kinder tun.

Leben Sie da auch ein Stück weit Ihre eigene Biografie weiter?

Das wird gerne genauso erfragt. „Mensch Detlef, Du hattest es nicht leicht und willst jetzt auch anderen zeigen, dass man nichts geschenkt bekommt.“ So einfach ist das nun echt nicht. Es spielt eine Rolle, aber wenn anderswo Leute ihren Job nicht gut machen, streichelt man denen ja auch nicht über den Kopf.

Nervt es Sie manchmal, ein Vorbild zu sein?

Am Anfang war mir das peinlich, ich habe mir das nicht zugestanden. Ich fand, dass ich als „Heimkind, Neger, Pionier“ (so lautet der Titel von Soosts 2006 erschienener Autobiografie, Anm. d. Red.) nicht den Wert hatte, anderen ein Vorbild zu sein. Ich brauchte lange dafür, mich selbst genug zu lieben, um anderen vielleicht eine Richtung zu geben. Das musste wachsen. Ich dachte jahrelang, dass das alles nur ein Zufall ist und man mit mir den Falschen ausgewählt hat. Dass ich andere begeistern und mit dem, was ich tue, auch an ein Ziel führen kann – das zu verstehen und anzunehmen, dafür habe ich lange gebraucht.

Das Gespräch führten Anne Lena Mösken und Marcus Weingärtner.