Eine Kundenschlange in einem Supermarkt muss kein Grund zum Verzweifeln sein, denn: Man hat immer die Wahl, woran man denkt. 
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BerlinAm Kiosk mit Postschalter warten drei Kunden. Die Frau hinter der Ladentheke plaudert schon eine Weile mit der Kundin ganz vorn, offenbar eine Kollegin. Es geht um die Bon-Pflicht. Der Karton neben der Kasse ist gut gefüllt. Ich erwarte, dass die Inhaberin sich gleich ereifert, über Papierverschwendung, Mehrarbeit, all das.

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„Weißt du, ich schick die alle an die Adresse, die meine Tochter mir gegeben hat“, sagt sie stattdessen. „Die hat zwar einen an der Waffel, ist ja auch in der FDP, aber sie will das so. Da schick ich die alle hin und dann kann sich jemand damit auseinandersetzen.“ Sie wirkt geradezu vergnügt bei dem Gedanken. Als gelte diese neue Zumutung gar nicht ihr.

Spürbare Sympathie für unruhiges Rentnerpaar

In der Bank hat sich vor den Automaten eine Schlange gebildet. Ein altes Ehepaar verzweifelt an einer Überweisung. Sie flüstern und streiten ein bisschen. „Ja ist das denn die Möglichkeit“, ruft sie einmal aus, die Hände zur Decke reckend. Er murmelt irgendwas. Gebückt gehen beide zu dem Tischchen, an dem sie papierne Überweisungsträger erhoffen. Es sind keine da. Das stellen sie ganz nüchtern fest. Und beschließen, am nächsten Tag wiederzukommen. Unter den Wartenden ist viel Sympathie für die beiden. Man kann sie spüren.

Im Blumenladen fragt ein Mann mit Stiernacken und einer Wodkaflasche unter dem Arm nach dem Preis für ein Gesteck. „Zwölf Euro“ antwortet der schmächtige Blumenhändler. Der Bullige reckt den Kopf in seine Richtung und reißt die Augen auf. Ich ducke mich reflexhaft in Richtung der Rosenkübel. Erwarte Ungemach. „Zwölf Euro? Dafür kann ich ja Urlaub machen“, ruft der Mann, lacht über seinen Witz, wählt ein kleineres Arrangement und nimmt einen Schluck aus seiner Pulle, während der Händler es verpackt. Dann zieht er von dannen. Ohne weitere Beschwerden. Über diese Preise. Und überhaupt alles. Liegt’s am Wodka?

Man hat die Wahl, wie und worüber man nachdenkt

Oder ist das einer, der „Das hier ist Wasser“ verinnerlicht hat? In der berühmten Rede von David Foster Wallace macht dieser den College-Absolventen klar, um wie vieles besser der Alltag und das (Zusammen-) Leben generell wird, wenn man sich selbst nicht immer als Mittelpunkt der Welt begreift. Zur Veranschaulichung beschreibt er einen Supermarktbesuch nach Feierabend. Samt all der „Rindviecher“, die einem ständig im Weg sind, langsam, rücksichtslos und hässlich sowieso. Doch man habe, so Wallace, immer die Wahl. Wie und worüber man nachdenkt, während man zum Beispiel in der Schlange steht oder im Stau.

Oder in Berlin, füge ich innerlich hinzu, in der vollen Bahn. Oder vor der Tür einer Praxis, wo man mit 20 anderen Genervten um die Akutsprechstunde konkurriert. Auch das habe ich vor kurzem erlebt. Mich gewundert und gefreut über den resignativen Frieden in dem kalten Treppenhaus morgens um halb acht. Einer hat alle fünf Minuten das Licht wieder angeschaltet. Der kam am Ende gar nicht zum Zuge. Doch er hatte die Wahl. Er ging ohne Getöse.