Zum Glück war das mit den heißen Temperaturen nur ein kurzes Intermezzo. Gar nicht aus gesundheitlichen Gründen oder weil es müßig ist, alle zehn Meter das T-Shirt wechseln zu wollen – viel mehr aus rein ästhetischen Gesichtspunkten. Es ist erstaunlich, wie ungeniert so manch ein Mann im Hochsommer den Oberkörper freilegt, wohlgemerkt nicht beim Sonnenbad in einem Park oder auf einer ausgetrockneten Wiese, sondern beim Gang entlang der innerstädtischen Straßenzüge.

Das Mysterium ist recht losgelöst von Statur, Körperfettanteil oder Sportlichkeit zu beobachten, was grundsätzlich positiv ist und dafür spricht, dass Menschen, die sich ihrer Kleidung entledigen, kein Problem mit ihrem Körper haben. Ob die Mitmenschen das unbedingt sehen wollen, ist eine andere Frage. Ein eher beleibter Mann hat sich das ausgezogene T-Shirt in den Hosenbund gequetscht, es baumelt nun am Bein entlang. Gerade streicht sich sein Besitzer mit einer Hand über den von Schweiß benetzten Wanst.

Dort sprießen Haare in dichter Pracht, die nach der Abwärtsbewegung der Hand wie Striche in Bahnen nach unten zeigen. Anschließend sieht es aus, als würde er seine Hand abschütteln, so wie man es nach dem Händewaschen auf einer öffentlichen Toilette macht, wenn die Box mit den Papierhandtüchern leer ist.

Ein anderer Mann steht mit seinem freigelegten Körper vor dem Eingang eines Altbaus. Die teils verglaste Tür dient ihm als Spiegel, er betrachtet sich von vorn, dreht sich um 180 Grad und legt den Kopf zurück, um auch einen Blick auf seinen Rücken zu werfen. Ob das, was er da trägt, schon als Sixpack taugt, müssten Kenner beurteilen, aber durchtrainiert ist er, keine Frage. Es ist völlig okay, dass er sich gefällt, schließlich hat er einiges dafür getan. Als sich die Tür abrupt öffnet, zuckt er trotzdem kurz zusammen, als fühle er sich ertappt.

Vermutlich würde jemand die Polizei rufen

Ein Massenphänomen sind diese Verhaltensweisen nicht, noch behalten die meisten Männer ihre Kleidung im Stadtbild an. Sehr wahrscheinlich würde auch die Mehrzahl der Frauen sich nicht entblößen, selbst wenn sie wüssten, dass es niemanden interessieren und keine Konsequenzen nach sich ziehen würde. Dass sich einige Frauen aber ungleich behandelt fühlen, ist schon nachvollziehbar.

Würde eine Frau in der gleichen Selbstverständlichkeit mit ihrem entblößten Oberkörper durch die Gegend laufen, wäre es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand gestört fühlt und genötigt sieht, Ordnungsamt oder Polizei zu informieren. Wie es dann weitergeht, liegt in einem gewissen Ermessensspielraum, denn gesetzlich verboten ist auch das Zeigen der nackten Brust einer Frau nicht.