Autos stehen in einem Tunnel auf der A 100 im Stau.
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BerlinVor drei Tagen habe ich mein Auto verkauft – es war ein ziemlich neues, seriöses Model und optisch ganz mein Geschmack. Ich folgte damit nicht den Forderungen nach der autofreien Stadt. Nach einer Krankheit hatte ich Schwindelanfälle. Die sind vorbei, aber im Kopf versteckt sich trotzdem noch eine Angst, etwas Unentspanntes, Uncooles. Das Fahren war kein Spaß mehr.

Die Entscheidung passt aber ganz gut zu meinem Leben in Berlin-Mitte: Ich bin sowieso selten gefahren, musste nicht ins Umland zur Arbeit und habe auch kein Wochenendhaus. Einkäufe kann ich zu Fuß erledigen oder ich benutze meine VBB-Jahreskarte. Außerdem bin ich gerne unter fremden Leuten und lerne was über das Leben. Nur im Auto könnte ich das nicht. Anderen geht es anders. Die brauchen ein Auto.

"Parklets" sollen Anwohnerparkplätze verhindern

Was mich bei der Debatte über das Feindbild Auto aufregt, das ist die mangelnde linke und grüne Akzeptanz anderer, nicht so entschiedener Lebensweisen. Autofahrer werden als Gegner betrachtet. Damit die Anwohner einer Straße nicht mehr parken können, ließ ein Baustadtrat im Herbst 2018 17„Parklets“ aufbauen. Das sind so genannte Stadtmöbel, sie sollen Bürgern mehr öffentlichen Raum zur Verfügung stellen. Jedes einzelne verhindert vier Anwohnerparkplätze. Die Kosten betrugen 1,6 Millionen Euro. Die Parklets funktionierten nicht, was man auch ohne Studium schon vorher hätte wissen können. Juni 2019 ließ derselbe Baustadtrat, unabgesprochen mit der Bezirksverordnetenversammlung, die Parklets abbauen und „Stonelets“ nachfolgen: 21 Eiszeitfindlinge – „Freiräume gegen das Falschparken“. Nun liegen große Steine auf der Straße, als hätte ein Riese da Klimpern gespielt. Sie sollen aber wieder weg.

Als Vorbild gelten den Umweltaktivisten die Fahrradfahrer. Aber die sind auch nicht alle lieb. Manche fuhren mir in dunklen Einbahnstraßen entgegen, ohne Licht, einer nannte mich „Blechdose“, als ich ihn ansprach. Einer hat mich umgefahren, als ich vom Bäcker auf den Bürgersteig trat. Außerdem gibt es Leute, die nicht Rad fahren können, schon gar nicht bei Matsch, Schnee und Glatteis. Der Spruch, dass in Berlin kein Mensch ein Auto brauche, ist absolut und deshalb falsch.

Protest gegen Protest: "Fridays for Hubraum"

Das Verständnis unter den sozialen Gruppen wird geringer. Als „Extinction Rebellion“ im Klimakampf Kreuzungen und Brücken besetzten, zitierte ein Reporter im Inforadio die Klagen von Berufstätigen, die deshalb nicht zur Arbeit gekommen waren. Der eingeladene Vertreter der Protestbewegung meinte, die kämen dann eben eine Stunde später oder hätten sich einen Tag freinehmen sollen. Solche Weltfremdheit kann mögliche Anhänger einer guten Perspektive verprellen.

Druck macht Gegendruck. Um „Fridays for Future“ zu übertrumpfen, gründete sich „Fridays for Hubraum“. Innerhalb weniger Tage folgten Hunderttausende auf Facebook der Forderung: „Wir wollen unsere Autos weiter fahren. So wie wir das möchten. Ohne CO2 Steuer, Fahrverbote, Umweltzonen oder sonstige kopflose Entscheidungen.“ Das Forum wurde vorerst deaktiviert, weil Hetzer von rechts die Richtung bestimmen wollten.

Am Wochenende fahre ich in die Pilze. Eine Freundin holt mich mit ihrem Auto vom Bahnhof ab. Menschen, die kein Auto mehr haben, brauchen ihre Freunde noch dringender als vorher.