Markus Söder macht im Gegensatz zu anderen derzeit eine recht gute Figur.
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BerlinIch heule sonst nicht bei Filmen. Aber am Wochenende klickte ich das Youtube-Video zu „You’ll never walk alone“. Die Hymne auf Solidarität und Zuversicht entstand weder als Stadionsoundtapete noch in Liverpool, sondern für ein Broadway-Musical im Frühjahr 1945. Damals mussten Männer auf die Seelower Höhen oder nach Okinawa. Ich dagegen bin durch die Umstände allenfalls genötigt, mich vor dem Fernseher nicht wundzuliegen. Mein peinliches Selbstmitleid. Allerdings sind inzwischen sogar Birkenstocksandalenträger so weit, von Markus Söder in eine lichtere Zukunft geführt werden zu wollen.

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Atempause für die Umwelt

Zudem gibt es eigenwilligere Versuche, Trost zu finden. Der Leipziger Grünen-Stadtrat Jürgen Kasek twittert: „Was kurios ist: Deutschland wird wahrscheinlich seine Klimaschutzziele 2020 doch erreichen. Wir verschaffen auch der Umwelt gerade eine dringend benötigte Atempause, was langfristig auch Geld sparen könnte.“ Neben der Hoffnung, dass es nun aber für immer so bleiben möge, entnehme ich dieser Wortmeldung ein Bedauern darüber, dass die klimaschädliche Bundesregierung nicht schon letzten Sommer einen Großteil allen Wirtschaftens hat einstellen lassen. Besonders zu schätzen weiß ich den Hautgout der „dringend benötigten Atempause“ in Verbindung mit grassierendem Lungenversagen. Damit ist Herr Kasek noch origineller als sein Parteichef Habeck. Der rät Gastwirten und Hoteliers, jetzt schnell noch ihre Häuser energetisch zu sanieren, husch, husch, bevor der Insolvenzverwalter zweimal klingelt.

Feuchte Träume von Turbotransformationen

Ich habe eine prächtige Raupensammlung von dieser Sorte. Die würde den Kolumnenrahmen sprengen. „Alles hat sein Gutes“, schreibt etwa der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger: Das Virus werde „die Emissionen verringern und uns mit Zwangsentschleunigung und -besinnung vielleicht einer „großen Transformation zur Nachhaltigkeit“ näherbringen.

Was ist bloß los mit Leuten, die nicht mal für eine virtuelle Sekunde von ihren Steckenpferden steigen können? Träumen sie jetzt besonders feucht von Turbotransformationen wie etwa Maos „großem Sprung“ oder Lyssenkos Agrarreformen, deren Nebenwirkungen übrigens Millionen buchstäblich jeden Atem raubten? Stellen sie sich Klimarettung ungefähr so vor, wie es sich jetzt anlässt? Sind sie neidisch, dass ein popeliger Keim zu schaffen scheint, was ihnen bislang versagt blieb?

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Die Zeit nach Corona

Für das „Ende des Sturms“ verheißt eingangs erwähnter Song süßen Lerchengesang unter einem goldenen Himmel. Nun ja. Die meisten Leute machen sich eher Sorgen wegen der Zeit danach. Auch der notorisch irrlichternde Berliner Energiewende-Professor Volker Quaschning. Aber anders als andere: „Warum brauchen wir erst einen Virus, der vor allem Alte bedroht, um den Schutz der Lebensgrundlagen der Jungen zu erreichen? Und was passiert, wenn Corona wieder vorbei ist?“

Ja, das eigentlich Schlimme könnte dann erst kommen: Kellner fahren wieder mit Benzinern zur Arbeit. Flugzeuge fliegen. Fabriken nutzen fossilen Strom. Um es zusammenzufassen: Tausend Beatmungsgeräte erzeugen weniger Kohlendioxid als ein einziger Airbus.

Man soll ja höflich sein. Deshalb schlage ich den genannten Personen hier lediglich vor, ihre gut gemeinten Beiträge dort zu verbreiten, wo sie am dringendsten benötigt werden. Vor irgendeiner Notaufnahme. Wohl bekomm’s.