Oegeln - Die Siedlerstraße von Oegeln, einem kleinen Dorf nahe der brandenburgischen Stadt Beeskow, strahlt an diesem Mittwochvormittag Ruhe aus. Die Einfamilienhäuser rechts und links der asphaltierten Straße werden von Hunden behütet. Ihr Bellen ist zu hören und das Hämmern der Handwerker, die sich an der Fassade eines Hauses zu schaffen machen. Regenwolken sind noch nicht am Himmel sichtbar.

Christian Stockenberg kniet neben dem Heck seines Kastenwagens. Er trägt ein Kapuzenshirt und Jeans. Der 21-jährige junge Mann streift mit der linken Hand über die Dellen und Kratzer in der Stoßstange und der Karosserie und schüttelt ein wenig fassungslos den Kopf. Die Schäden am Fahrzeug sind frisch. Ebenso wie die zersplitterte Autoscheibe, die an dem Kastenwagen liegt. „Wenn man es sich recht überlegt, hätte ich auch tot sein können“, sagt der gelernte Karosseriebauer aus Berlin nachdenklich. „Klar, der hätte mich auch einfach mal so umfahren können.“

„Täter flüchtig“, hieß es nur

Der, das ist Jan G., der am Dienstag seine Großmutter umgebracht und danach zwei Polizisten totgefahren haben soll. Und der auf der folgenden Flucht nur knapp an Christian Stockenberg vorbeigerast war.

Stockenberg wirkt, als würde ihm alles jetzt erst bewusst werden. Dann fängt er an zu erzählen. Am Montagabend war er zu seiner Freundin gefahren, die bei ihren Eltern in der Oegelner Siedlerstraße lebt. Tags darauf wollte er die gefrorenen Schnitzel, die er für das Mittagessen aus Berlin mitgebracht hatte, aus seinem Auto holen. Da war der Vater seiner Freundin, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, gerade zu einem schweren Unfall am Ortseingang von Oegeln gerufen worden. Der Unfallort lag nur 200 Meter vom Haus entfernt. „Täter flüchtig“, hatte Christian Stockenberg noch gehört. Und nicht geahnt, dass er diesem flüchtigen Täter, dem mutmaßlichen Mörder Jan G., gleich selbst gegenüberstehen würde.

Jan G. hatte kurz zuvor seine Großmutter im wenige Kilometer entfernten Müllrose besucht. Die lebenslustige Frau hatte an diesem Tag ihren 79. Geburtstag, sie wollte mit Freunden diesen Tag in einer Gaststätte feiern. Doch dazu kam es nicht mehr. In dem Einfamilienhaus der Oma soll es, so berichteten es Zeugen der Polizei, zu einem heftigen und lautstarken Streit gekommen sein. Jan G. wollte offenbar Geld.

Der 24-Jährige soll schließlich zum Messer gegriffen und seine Großmutter getötet haben. Anschließend stieß er vor dem Haus auf die Briefträgerin, der er die Post abnahm. Möglicherweise vermutete der Drogensüchtige Geld in den Geburtstagskarten. Dann raste der Mann, der keinen Führerschein hat, mit dem Honda seiner Großmutter davon. Als wenig später die getötete Frau in ihrem Badezimmer gefunden wurde, leitete die Polizei eine Großfahndung nach dem Enkelsohn des Opfers ein. Auch ein Hubschrauber wurde bei der Suche eingesetzt.

In Tötungsabsicht auf die Polizisten draufgehalten

Den Hubschrauber hatte Christian Stockenberg am Dienstagmittag schon eine zeitlang gehört. Er kreiste über einem Feld hinter der Häuserzeile. Es ist sonst ruhig in Oegeln, wo 200 Menschen leben und die Bürgersteige, wie Stockenberg sagt, „schon um 14 Uhr hochgeklappt werden“. Deswegen sei das Rotorengeräusch des Helikopters so präsent gewesen, erzählt der junge Mann. Er vermutete, dass die Polizei nach dem  Unfallfahrer suchte, wegen dem der Vater seiner Freundin gerufen worden war. Er wusste noch nicht, dass Jan G. am nahen Ortseingang von Oegeln auf der Bundesstraße 168 von der Polizei gestoppt werden sollte.

Dass der Flüchtige mit dem Honda von der Straße abgewichen war, auf dem zwei Beamte einen Nagelgurt ausgerollt hatten. Dass Jan G. mit hoher Geschwindigkeit auf die beiden Polizisten zugerast war, die auf dem breiten Fahrradweg auf den mutmaßliche Mörder gewartet hatten – drei Meter von der asphaltierten Straße entfernt. Dass Jan G. mit dem Wagen die beiden 49 und 52 Jahre alten Polizisten frontal erfasst hatte. Die Beamten, jeder Vater von drei Kindern, waren sofort tot. Jan G. habe in Tötungsabsicht auf die Polizisten draufgehalten, hatte Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke wenige Stunden nach der Tat gesagt.

Das alles wusste Christan Stockenberg nicht, als er zu seinem Kastenwagen ging: ein altes, zwei Tonnen schweres Fahrzeug. Er wurde erst stutzig, als er ein lautes „Da ist er“ vernahm. Es kam vom Nachbarhof. Er sah einige Nachbarn vor ihren Häusern, dann einen Polizisten in Uniform, der im Garten nebenan einem jungen Mann hinterher rannte. Ist doch gar kein Fußball, dachte Stockenberg noch, als er das rote Trikot des Füchtigen sah. Der Flüchtige war Jan G. Er war etwas größer als Stockenberg und machte einen sportlichen Eindruck. Er wirkte nicht wie jemand, der gerade einen schweren Unfall verursacht hatte. Er sprang mit einer Leichtigkeit, die Stockenberg sonst nur aus Filmen kennt, über den 1,50 Meter hohen Zaun des Nachbargrundstücks auf die Siedlerstraße.

„Der hatte definitiv was genommen“

Jan G. war, nachdem er die beiden Polizisten totgefahren hatte, aus dem kaputten Auto gestiegen. Er war über ein Feld gelaufen und bei Daniela Gattke über den Zaun gestiegen – verfolgt von Polizeibeamten, die den Tod ihrer Kollegen miterleben mussten. Besuch, dachte sich die 54-jährige Gattke. Doch der Mann im Garten sei nur an ihrem Haus vorbeigerannt und auf der Straßenseite wieder über den Zaun gesprungen. „Obwohl die Tür ja nicht abgeschlossen war“, sagt die Frau, die seit sieben Jahren in Oegeln lebt, „weil es hier so schön ruhig ist“. Kurz darauf sei auch schon die Polizei dagewesen.

Als Jan G. Gattkes Grundstück mit einem beherzten Sprung über den Zaun verlassen hatte, sah er wohl eine Chance, seinen Verfolgern zu entkommen. Er rannte auf einen Kia zu, dessen Fahrer, ein örtlicher Bauunternehmer, ihm offenbar den Weg versperren wollte, und der stetig hupte.

Christian Stockenberg erzählt, wie er Jan G. sekundenlang gegenübergestanden und in die Augen geschaut hat. Drei Meter standen sie da voneinander entfernt. „Der hatte definitiv was genommen“, ist sich Stockenberg sicher. Der Mann im roten Trikot riss die Beifahrertür des Kias auf und stieg ein. Der Fahrer habe panisch das Auto verlassen, erzählt Stockenberg,  der Flüchtige schob sich auf den Fahrersitz. Er legte den Rückwärtsgang ein, gab Vollgas und rammte den Kastenwagen, neben dem Stockenberg stand, mit voller Wucht. „Mir war da gar nicht klar, dass er mich auch beinahe umgefahren hätte. Das kam erst später hoch.“

Einem Polizisten gelang es noch, mit seinem Schlagstock das Fenster auf der Fahrerseite einzuschlagen. Doch da raste Jan G.  los, die Siedlerstraße entlang. Die Flucht dauerte nur kurz. Wenige hundert Meter weiter verlor Jan G. die Kontrolle über das Fahrzeug, der Wagen überschlug sich und blieb in einem Schilfgürtel liegen. Der 24-Jährige erlitt bei dem Unfall eine offene Fraktur. Die Polizei nahm ihn fest. Erst am Mittwoch konnte er von der Polizei im Krankenhaus vernommen und einem Haftrichter vorgeführt werden.

Rosen am Tatort

Am Ortseingang von Oegeln ist eine Fahrspur auf einer Länge von 200 Metern noch immer gesperrt. Die Polizei regelt den Verkehr. Der Radweg ist mit Flatterband abgesperrt. Kriminaltechniker suchen mit Sonden und Spürhunden nach Spuren der Bluttat. Es ist auffallend ruhig, wenig wird gesprochen. Gelbe Schilder mit Nummer kennzeichnen die gefundenen Spuren. Die Schilder sind weit über den Radweg verteilt.

Ein Rosenstrauß lehnt hinter der Absperrung an dem Mast eines Geschwindigkeitsschildes gleich hinter dem Ortsausgang. Viele Einwohner des Ortes seien vorbeigekommen und hätten ihr Beileid ausgedrückt, sagt der Einsatzleiter .

Es taucht die Frage auf: Hätte das Verbrechen an der Großmutter des mutmaßlichen Täters und der Tod der zwei Polizisten nicht verhindert werden können? Jan G. war vorbestraft: Raub, Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein, Diebstahl. Am Mittwoch berichtet die Staatsanwaltschaft, dass Jan G. erst Mitte November des vergangenen Jahres vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) stand. Der psychisch auffällige Mann habe sich wegen Raubs, Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein verantworten müssen. Die Anklage habe in dem Verfahren darauf gedrängt, Jan G. in der geschlossenen Psychiatrie unterzubringen. Das Gericht sei diesem Antrag zwar gefolgt. Weil ihm ein Gutachter aber bescheinigt habe, behandlungsfähig zu sein, hätten die Richter diese Maßnahme zur Bewährung ausgesetzt. Zudem sei er von allen Vorwürfen freigesprochen worden, weil er psychisch krank und schuldunfähig war.

Am Mittwochnachmittag beantragt die Staatsanwaltschaft die „vorläufige Unterbringung“. Geschlossene Psychiatrie bedeutet das. Jan G. leide an einer „schwerwiegenden psychischen Erkrankung“. Der Vorwurf lautet auf dreifachen Mord.

Etwas später wird bekannt, dass Jan G. alle Taten gestanden hat. Er hat den Ermittlern von dem Streit mit der Großmutter erzählt. Und auch gesagt, warum er die Polizisten überfuhr: weil er gefürchtet habe, von ihnen erschossen zu werden.