Berlin - Einen Tag nach dem Überfall auf zwei Homosexuelle in Schöneberg hat ein Richter am Montag Haftbefehle gegen die zwei mutmaßlichen Täter erlassen. Ein 33-jähriger Mann wurde in die Untersuchungshaftanstalt Moabit gebracht. Sein Komplize wurde von der U-Haft verschont. Der zwei Jahre jüngere Mann muss sich jedoch regelmäßig bei der Polizei melden und darf die Stadt bis auf weiteres nicht verlassen. Den Männern wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Wie berichtet, waren zwei 23 und 37 Jahre alte Männer am Sonntagmorgen vor einem Imbiss in der Fuggerstraße von den Tatverdächtigen schwulenfeindlich beleidigt und mit Essen beworfen worden. Die beiden Männer reagierten nicht auf die homophoben Anfeindungen und liefen weiter. Die angetrunkenen Täter verfolgten sie.

Alkoholwerte von 1,4 Promille und 1,7 Promille

An der Kreuzung Motzstraße/Martin-Luther Straße stürzten sich die Angreifer auf ihre Opfer, schlugen und traten sie. Die Angegriffenen versuchten vergeblich zu entkommen. Selbst die Flucht in ein Restaurant hielt die Täter zunächst nicht davon ab, von ihnen abzulassen. Vor den Augen der Gäste schlugen sie weiterhin auf ihre Opfer ein, bis der 37-Jährige zu Boden ging und ohnmächtig wurde. Daraufhin flüchteten die Täter.

Polizisten nahmen die mutmaßlichen Schläger fest. Bei ihnen wurden Alkoholwerte von 1,4 Promille und 1,7 Promille gemessen. Sie wurden von den zwei Angegriffenen zweifelsfrei wiedererkannt. Der Ältere musste wegen Gesichtsverletzungen in einem Krankenhaus behandelt werden. Sein Begleiter erlitt Verletzungen an den Beinen.

In den Anfängen bekämpfen

Der schwulenfeindliche Angriff ist am Montag von der Berliner SPD scharf verurteilt worden. Die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert begrüßte es, dass die Tatverdächtigen dem Ermittlungsrichter vorgeführt wurden. Damit werde deutlich, dass schwulenfeindliche Gewalt von Polizei und Staatsanwaltschaft als Straftat bewertet werde, sagte Rawert. Es sei traurig, dass es im grundsätzlich toleranten und lebenswerten Schöneberger Kiez noch immer zu solchen Gewalttaten komme, sagte die Kreisvorsitzende der Schwusos Tempelhof-Schöneberg, Petra Nowacki.

Nach dem Übergriff warnte auch der Leiter des schwulen Anti-Gewalt-Projekts Maneo, Bastian Finke, vor einer Verharmlosung homophober Gewalt. Solche Tendenzen müssten wie Rassismus und Antisemitismus bereits in ihren Anfängen bekämpft werden. Wenn Beleidigungen von Homosexuellen in der Öffentlichkeit normal würden, berge dies ein hohes Gefährdungspotenzial, so Finke.

Zunahme homophober Gewalt

Die homophobe Gewalt hat in Berlin zugenommen. Nach Informationen von Maneo stieg die Zahl der Fälle und Hinweise von 415 Fällen und Hinweise im Jahr 2010 auf 422 im vergangenen Jahr. Davon entfielen 30 Prozent auf Beleidigungen, 21 Prozent auf Körperverletzungen sowie 17 Prozent auf Bedrohungen. Die Aufklärungsquote sank von 41 Prozent im Jahr 2010 auf 33 Prozent im vergangenen Jahr. Das sei nur die Spitze des Eisbergs, heißt es bei Maneo. Die Dunkelziffer sei wesentlich höher.

90 Prozent aller Übergriffe werden nicht angezeigt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres registrierte Maneo 200 Fälle und Hinweise auf körperliche Gewalt und Diskriminierungen. Schöneberg ist mit 27 Prozent der Bezirk, aus dem die meisten Fälle gemeldet werden. Es folgt Kreuzberg mit 17 Prozent. Anders als angenommen, geschehen die meisten Taten nicht vorrangig an Treffpunkten von Schwulen, sondern ereignen sich auf öffentlichen Straßen und in Verkehrsmitteln. Das Projekt Maneo gibt es seit 22 Jahren. Zu den wichtigsten Aufgaben gehören neben der Opferhilfe auch Präventions-und Aufklärungskampagnen. (mit dapd)