An Brennpunkt-Schulen in Wedding sollen immer mehr Schüler unterrichtet werden: Weil der Bezirk zuvor Schulgebäude aufgeben und es zudem versäumt hat, rechtzeitig Neubauten zu planen. „Die Schulen sollen nun teilweise fünf Klassen pro Jahrgang aufnehmen“, kritisiert Jan Krebs vom Verbund Weddinger Grundschulen. Da bleibe kein Raum mehr für kleinere Lerngruppen, für Ganztagsangebote oder dafür, das Schulprofil zu schärfen.

Der Bezirk Mitte hat bereits deutlich mehr Klassen in der Anna-Lindh-Grundschule eingerichtet. Ähnliches ist nun auch an der Gottfried-Röhl-Grundschule und an weiteren Standorten geplant. Generell steigen die Schülerzahlen, zudem müssen bald 12.000 Flüchtlingskinder aus Willkommensklassen in den normalen Schulbetrieb integriert werden.

Lehrerstunden neu verteilt

Bisher war es üblich, dass Grundschulen mit schwieriger Schülerschaft kleinere Klassen bilden konnten. Deshalb schreibt die Grundschulverordnung ausdrücklich eine Spanne von 21 bis 25 Kindern vor. Kleinere Klassen soll es insbesondere geben, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind: Mindestens 40 Prozent der Schüler sprechen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch. Mindestens 40 Prozent der Schüler stammen aus Familien, die auf Sozialtransfers angewiesen. Und drittens gibt in der Lerngruppe Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. „In diesen Klassen haben die Kinder verstärkt Konzentrationsschwächen“, so ein Lehrer.

Doch neuerdings werden auch in Wedding Klassen mit 25 Kindern eingerichtet. Es mangelt aber an Platz, um ganze Klassen auch mal in kleinere Lerngruppen aufzuteilen. Laut Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU) fehlen nach aktuellen Zahlen umgerechnet vier Grundschulen in ganz Mitte. Mitunter dienen Erweiterungsbauten dazu, alle Schüler aufzunehmen. „Es kann nicht sein, dass der starke Schülerzuwachs im Norden Weddings allein durch Erweiterungsbauten gelöst werden soll“, sagt Maja Lasic, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. „Die Qualität des Unterrichts wird dadurch unzumutbar beeinträchtigt.“

Sie fordert den Bezirk auf, die Notwendigkeit neuer Standorte gegenüber dem Senat zu verdeutlichen. Bisher hat Mitte nämlich keinen regulären Neubau für die Investitionsplanung angemeldet. Stattdessen prüft man, das Haus der Gesundheit an der Reinickendorfer Straße zu reaktivieren. Elternvertreter suchen derweil eigenmächtig nach freien Flächen im Stadtteil. Noch nicht einmal im Neubaugebiet Europacity an der Heidestraße hat man den Investor verpflichtet, ein Schulgebäude mitzubauen. Und das vor Jahren aufgegebene Gebäude des Diesterweg-Gymnasiums in Gesundbrunnen soll zum Juli an die Wohnungsbaugesellschaft Degewo übertragen werden, wie Schulstadtrat Spallek bestätigte.

Die Schulplätze werden derzeit in vielen Bezirken knapp. In sechs von zwölf Bezirken gibt es mittlerweile zumindest einzelne Grundschulen, die nicht mehr alle Schüler aus ihrem Einzugsbereich aufnehmen können: An bestimmten Schulen in Pankow, Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und auch an der Fichtelgebirge und der Hausburg-Grundschule in Friedrichshain-Kreuzberg reichen die Plätze nicht aus. Auch die Geschwisterkindregelung kann, wie berichtet, an vielen Grundschulen nicht mehr angewendet werden.

In diesem Zusammenhang sorgte es für Irritationen, dass die Bildungsverwaltung die Verteilung der Lehrer an die 370 Grundschulen neu ordnet. Ab Schuljahr 2017/2018 soll die exakte Schülerzahl in einer Klasse die Grundlage sein, auf der Lehrerstunden zugewiesen werden. Und zwar pro Schüler rechnerisch 1,17 Wochenstunden für die normale Stundentafel sowie 0,08 Stunden für Förderunterricht. Seit dem Jahr 2008 wurden die Lehrerstunden nach einem pauschalen Durchschnittswert von 24 Kindern pro Klasse verteilt.

Anpassung an den Grundschulen

Das Problem dabei: Manche Schulen hatten deutlich mehr Kinder in ihren Klassen, andere erheblich weniger. Jetzt sollen Abweichungen in der Klassengröße durch mehr oder weniger Lehrerstunden ausgeglichen werden. GEW-Chef Tom Erdmann warnte bereits vor einer Schlechterstellung und einem bürokratischen Verfahren, das inklusiv arbeitende Schulen benachteilige. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sprach hingegen von mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Inzwischen gibt es ein Intranetportal, wo Schulleiter, Statistiker und Schulaufsicht schauen können, ob die Lehrerausstattung abzüglich der Dauerkranken tatsächlich bei den versprochenen 100 Prozent liegt und wie die Prognose für das kommende Schuljahr sein wird.