Im Sommerbad Kreuzberg schieben sich die Berliner an diesem heißen Mittwoch dicht an dicht durch die Schwimmbecken. Schon am Morgen bildeten sich an den Eingängen lange Menschenschlangen. Drinnen im Freibad rufen private Sicherheitsleute übermütige Jugendliche zur Ordnung, die andere Badegäste unaufgefordert nass spritzen. Insgesamt ist die Stimmung aber gut. „Doch bei diesen Temperaturen können einigen Leute schon mal die Sicherungen durchbrennen“, sagt ein Wachschützer. Zuletzt musste im Freibad Pankow die Polizei anrücken, weil das Bad wegen Überfüllung schließen musste, etliche Wartende das aber nicht hinnehmen wollten.

Die Berliner Freibäder sind in diesem heißen Sommer so voll wie lange nicht mehr. Sie stoßen an ihre Grenzen. Bis Ende Juli haben bereits 1,31 Millionen die Berliner Freibäder besucht, sagte der Chef der Berliner Bäder-Betriebe (BBB), Andreas Scholz-Fleischmann, am Mittwoch. Das sind schon 220.000 Personen mehr als in der gesamten Sommersaison des Vorjahres. „Läuft der Rest der Badesaison so weiter, werden wir den Rekord aus dem Jahr 2003 einstellen“, sagte Scholz-Fleischmann. In jenem Ausnahmesommer besuchten 2,07 Millionen Gäste die Berliner Freibäder.

Fachkräftemangel setzt Bäder-Betrieben zu

Die Situation ist in diesem Jahr besonders angespannt, weil bereits seit Ende April in Berlin vornehmlich die Sonne scheint – und viele Bürger Abkühlung im Freibad suchen. Es fehlt zum einen an Personal. „Wir leiden unter Fachkräftemangel“, sagt Scholz-Fleischmann. Etwa 40 Stellen seien derzeit unbesetzt, es fehlen etwa gut ausgebildete Rettungsschwimmer. In der Hochsaison würden deshalb 80 Personen zusätzlich engagiert, um etwa an der Kasse oder als Sicherheitspersonal zu arbeiten. „Mehr Geld haben wir da nicht zur Verfügung“, sagt Scholz-Fleischmann.

Einlass-Stopp und Frust bei Badegästen

Nach den Vorfällen am Freibad in Pankow wird die Polizei ihre Streifen in den nächsten Tagen im und vor dem Bad verstärken. Das erfuhr die Berliner Zeitung aus dem Polizeipräsidium. Damit reagiert die Behörde auf die Rangeleien zwischen Einlass suchenden Gästen und Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes am vergangenen Dienstag vor dem Freibad Pankow. Auch andere Bäder mussten bereits vorzeitig schließen.

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei knapp 1000 Straftaten während des Sommers in den 61 geöffneten Bädern. In dieser Badesaison könnten es deutlich mehr werden. An der Spitze lag bei Körperverletzungen das Sommerbad im Olympiastadion mit 23 Anzeigen.

Hygienevorschriften begrenzen Besucherzahl

Eine gewisse Entspannung könnte es bringen, die Öffnungszeiten bei großer Hitze auszuweiten. Doch das scheitert nicht nur am Personalmangel, sondern auch an den Hygienevorschriften. „Unsere Filter müssen das Wasser wieder so reinigen, dass es hygienisch unbedenklich ist“, sagte Peer Grabsch vom Sommerbad Kreuzberg an der Prinzenstraße, dem größten Berliner Freibad. „Das braucht seine Zeit.“ Mit einer gewissen Sorge beobachten die Verantwortlichen bei den Berliner Bäder-Betrieben, dass Badegäste oft ins Wasser gehen, ohne vorher zu duschen. Das wiederum ist der Wasserhygiene keineswegs förderlich. „Mehr als Duschanlagen bereitzustellen und Hinweisschilder anzubringen, können wir nicht tun“, sagt Peer Grabsch. Nach dem Sommerbad Kreuzberg, gerne auch Prinzenbad genannt, sind das Strandbad Wannsee und das Sommerbad Wilmersdorf die größten Berliner Freibäder.
In die offizielle Statistik fließen nur die 17 Bäder ein, die von den Berliner Bäder-Betrieben selbst gemanagt werden, die Strandbäder nicht, sie sind bis auf Wannsee an private Betreiber verpachtet.

Unterschiedliche Öffnungszeiten 

Ein wenig irritiert wegen der vielen erlebnisorientierten Badbesucher sind die Stammbadegäste, die gerne schon frühmorgens ihre Bahnen ziehen. „Mehr und mehr wird auf Erlebnis und Wellness gesetzt“, hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung des Verbandes der Berliner Bäderbesucher. Tatsächlich wollen die Bäder-Betriebe mit zusätzlichen Erlebniswelten vor allem ihre Hallenbäder attraktiver machen, dorthin kommen nämlich zu 80 Prozent Sportschwimmer, wie sie im Verband der Bäderbesucher organisiert sind. Die Vorsitzende Bianca Tchinda fordert deshalb auch mal ein Mondscheinschwimmen zu ermöglichen. „Dazu gehört, dass die Berliner Bäder-Betriebe im 21. Jahrhundert ankommen müssen mit einer Coporate Identity.“ In allen Bädern sollten die Öffnungszeiten gleich sein. Es sei ein fatales Signal, ein Sommerbad wie Staaken West nur in den Ferien zu öffnen oder das Sommerbad Mariendorf nur von 12 bis 19 Uhr. „Es entsteht der Eindruck, dass in jedem Bad andere Regeln gelten.“

Bäder-Tickets bald auch online?

Bäderchef Andreas Scholz-Fleischmann stellte am Mittwoch immerhin in Aussicht, dass auf der BBB-Homepage Tickets bald online gekauft werden können. Einen genauen Zeitpunkt wollte er aber lieber nicht nennen. Das Problem ist derzeit, dass die Ticketautomaten den dafür nötigen Barcode auf dem Ausdruck noch nicht lesen können.

Eine weitere Großaufgabe ist der immense Sanierungsstau, den die BBB mit mehr als 170 Millionen Euro veranschlagen. Hinzu kommen die vier Bäder in Landeshand sowie die zwei geplanten Kombibad-Neubauten in Pankow und Mariendorf. In Friedrichshain-Kreuzberg muss das Hallenbad Holzmarktstraße bereits wegen Baufälligfälligkeit schließen – und das Spreewaldbad soll 2019 saniert werden. Wenn es im kommenden Sommer wieder so heiß würde, stünde immerhin mehr Personal für die Freibäder zur Verfügung.